Am Elektro-Lagerfeuer der Popszene: Neuer
Individualismus prägt heimische Musik

Wo einst uniforme Charts-Helden regierten, blühen heute abgründige Emotionen und kleinteilige neue Business-Strukturen.

Wenn es in diesem Business – fernab ästhetischer Detaildebatten in Insiderzirkeln – letztlich nur um Verkaufszahlen und Besucherquantitäten, um zähl- und messbare Erfolge ginge, müsste man mit den neuen Helden des österreichischen Pop-Mainstreams glatt Mitleid haben. Auftritt: Cardiac Move. Nie gehört? Es handelt sich immerhin um die diesjährigen Gewinner des „Ö3 Soundcheck“, des größten Bandwettbewerbs des Landes. Gesucht wurden, wohl in bewusstem Kontrast zu Klon-Maschinerien wie „Starmania“, „echte Bands, die besten Musiker, Sänger und Songwriter mit eigenen Songs“ (ORF-Presseaussendung). Gefolgt waren dem löblichen Unterfangen über 600 Nachwuchskräfte, erkoren wurden Jonny, Manu, Emi und Kari aus Salzburg – alias Cardiac Move. Ihre dem Œuvre der britischen Top-Stars Coldplay spektakulär nachempfundene Hymne „Running in Your Mind“ fand via Ö3-Wecker umgehend ein Millionenpublikum und erscheint noch im November beim Major Sony Music. Allein: Auf MySpace, einem der Tummelplätze der potenziellen Käuferschicht, gratulierten der hoffnungsfrohen Combo gerade mal eine Hand voll Freunde. Und „Friends“ sind mittlerweile die harte Währung des Musikgeschäfts, Version 2.0. Wer in diesem Internetforum auf nicht mehr als 4900 deklarierte Anhänger kommt, nur 35.000 Profilaufrufe vorweisen kann und keine 2500 Hörer findet, die sich per Stream den kalkulierten Charts-Anwärter („Wir machen keine Hits, wir spielen sie“, so Ö3-Musikchef Alfred Rosenauer) vorab zu Gemüte führen mochten, läuft Gefahr, sich alsbald in der tiefen Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wiederzufinden.

Schnitt. Von den Rändern her, keine zwei Mausklicks entfernt, kriecht, zunächst ganz leise, ein Klaviermotiv in Richtung Gehörgänge. Eine schlichte Akkordzerlegung, mollig-dunkel, elegisch, voll Spieldosen-Dramatik. Dann setzt eine Stimme ein, deren anfängliche Zurückhaltung und Zerbrechlichkeit einer immer größeren Bestimmtheit weicht. Ehe die Sängerin – und mit ihr der Hörer – sich dem Pathos hingibt, ist der Spuk auch schon vorbei. „The Sun“, zu finden auf der MySpace-Seite von Anja Plaschg alias Soap&Skin, nennt sich das erste reguläre Lebenszeichen der jungen steirischen Sängerin. Das reichlich düstere Stück wollten bislang 20-mal so viele entdeckungsfreudige Fans hören wie den zukünftigen Ö3-Hit. Mit knapp einer halben Million Profilaufrufen und einer nicht enden wollenden Mitteilungsflut enthusiasmierter Adoranten („Ich brenne für diese Musik!“) ist Soap&Skin kein Geheimtipp der FM4-Szene mehr. Auch im Ausland hat man die Story vom Wunderkind und „nächsten großen Ding“ schon antizipiert. Gerade wurde ein Vertrag mit dem weltweit operierenden Indie-Label PIAS unterzeichnet, die deutsche Musikpresse scharrt in den Startlöchern.

Zartbitter. Ob Plaschg, die als Vorbilder Pop-Ikonen wie Björk, Nico, Cat Power, aber auch Namen wie Aphex Twin, Xiu Xiu, Sergej Rachmaninow oder Arvo Pärt nennt, solche Erwartungen erfüllen kann, bleibt angesichts der erstaunlichen Ernsthaftigkeit und Reife ihres künstlerischen Egos zweitrangig. Den zartbitteren Edelkitsch der Piano-Etüden konterkariert sie gern mit einem Elektronikinferno, das samplingtechnisch unter anderem auf der Geräuschkulisse der ländlichen Schweinezucht der Eltern basiert. Eine Diamanda Galas für die eskapistischen Tendenzen der „Scheiß Internet“-Generation (©Wolfgang Lorenz)? Nein, meint Soap&Skin-Mentor Fritz Ostermayer, der den Werdegang der Künstlerin seit einer frühen Eloge in seiner Radiosendung „Im Sumpf“ verfolgt. „Mit pubertärer Depro-Seligkeit hat das nichts zu tun. Wenn Soap&Skin ein Stück dem Kinderzimmertod widmet, dann trägt sie die Erfahrung des beschädigten Lebens in sich, dann ist das kein Kokettieren mit den melancholischen Säften der Adoleszenz.“

Der Hang zu Weltschmerz , Fluchten in imaginierte Fernen und latente Melancholie ist aber auch anderen Szenegrößen nicht fremd. Mit „Black Air“ legen diese Woche etwa A Life, A Song, A Cigarette ihr zweites Album vor. Die Gruppe, die der Wiener Sänger, Texter und Gitarrist Stephan Stanzel zusammengetrommelt hat, sorgt ebenfalls seit einiger Zeit für Aufhorchen. „Unbeirrbar“ nennt der Liedermacher und Schriftsteller Ernst Molden, das Epizentrum einer wachsenden lokalen Singer-/Songwriter-Szene, den Drang von A Life, A Song, A Cigarette, Töne und Texte zu schaffen, „die ihre Unschuld verloren haben, ohne deshalb auf die Seite der Verlogenen gewechselt zu sein“. Die passende Schublade für die Genre-Zuordnung von Stanzel, Plaschg & Co ergibt sich somit quasi von selbst: Adult Pop. Puristen werden Neo-Folk orten, Americana und europäisches Kunstlied, Post-Punk, Vaudeville, Spurenelemente von Dylan bis Conor Oberst, den Hang zu Graswurzelforschung, ausgefranstem Dandytum und hippieskem Neobiedermeier. Bisweilen wohl auch Epigonales. Doch die Unverdorbenheit und Konsequenz, mit der eine ganz neue Generation hier versucht, eine eigene Spur und Sprache zu finden, ist erstaunlich.

Kreativgemeinde. In einem Atemzug mit A Life, A Song, A Cigarette zu nennen wäre eine ganze Armada begabter (und in der Mehrzahl keineswegs mehr unbekannter) heimischer Aktivisten: allen voran die Niederösterreicherin Clara Humpel, mit ihrer Band Clara Luzia „mittlerweile so ziemlich das Beste, was an Folk europaweit zu hören ist“, um das deutsche Magazin „Intro“ zu zitieren. Gleich danach Marilies Jagsch, Son Of The Velvet Rat, Chris Gelbmann, Mika Vember, Lonely Drifter Karen, Chris & The Other Girls, Paper Bird und Fuzzman. Sogar die szeneweit populäre Protest-Poetin Gustav wurde und wird gern im Umfeld verortet. Mit der alten Austropop-Historie hat diese gewiss inhomogene Kreativgemeinde so wenig am Hut wie mit dem allmählich abgestandenen Vienna-Electronic-Hype der neunziger Jahre rund um die Säulenheiligen Kruder & Dorfmeister. Bricht sich hier, spät, aber doch, die Welle der Nuller-Jahre Bahn?

„Von einer neuen Wiener Schule würde ich nicht reden, aber man hat eine sehr feine, stilvolle Art gefunden, mit einer wichtigen internationalen Strömung umzugehen“, meint dazu der ORF-Journalist Klaus Totzler. In seiner spärlichen Freizeit hat der ehemalige DJ ein dezidiertes Biotop für die jungen, zarten Pflänzchen der Musiklandschaft geschaffen: die Vienna Songwriting Association, kurz VSA. Neben liebevoll betreuten Einzel-Gigs kann der Verein mit dem „Bluebird Festival“ (heuer vom 20. bis 22.11. im Wiener Porgy & Bess) mittlerweile einen Dauerbrenner im Konzertkalender vorweisen, wo sich heimische Kräfte mit internationalen Größen und Neuentdeckungen messen. „Das alte Star-Modell ist ein wenig brüchig geworden“, so Totzler, „aber in einer ironischen, alternativen Spielart bleibt es natürlich bestehen – auch wenn wir mittlerweile am elektronischen Lagerfeuer sitzen.“

Paradigmenwechsel. Im Grunde spiegelt die rührige, allmählich Früchte tragende, mehr ehrenamtlich denn kommerziell orientierte Tätigkeit des VSA den radikalen Paradigmenwechsel der Musikbranche wider. Man arbeitet mit Do-it-yourself-Pragmatik, kleinteiligen Strukturen und inhaltlichem Anspruch. „Das Cherry-Picking, also die Konzentration der Konsumenten auf wenige Songs, die sie billig oder gratis aus dem Netz herunterladen, ist einer der wesentlichen Faktoren für den Untergang der Musikindustrie, wie wir sie bislang kannten“, merkt dazu der Kulturtheoretiker und Medienfuturist Gerd Leonhard („Music 2.0“) an: „Konsistente Qualität und Originalität bieten die Chance gegenzusteuern. Und natürlich bringt das World Wide Web ganz neue Möglichkeiten mit sich, ein Publikum zu finden und direkt zu adressieren. Das Konzept von massenkompatiblen Hits verliert an Bedeutung, die Zukunft findet in der Nische statt.“

Tatsächlich konzentrieren sich die wenigen verbliebenen Majors mittlerweile fast zur Gänze auf „Starmania“-Phänomene und setzen ungebrochen auf die alten medialen Durchlauferhitzer à la Ö3. Die wesentlichen ideellen Investoren mit Weltanschluss tragen jedoch Namen wie Asinella, Couch, Wohnzimmer, Schönwetter oder Buntspecht. Selbstausbeutung ist bei diesen Labels nur am Rande ein Thema. „Noch fressen wir das Gras, das andere wachsen hören“, so Buntspecht-Label-Betreiber Chris Gelbmann. Früher betreute der nunmehrige Songwriter als so genannter A&R-Manager heimische Pop-Größen wie Christina Stürmer oder André Heller. Heute zieht er im tiefsten Waldviertel eigenes Gemüse: karg, aber selbstbestimmt. „Es schmeckt einfach besser. Bleibt die Hoffnung, dass der Nährwert zu mehr reicht als zum bloßen Überleben.“

Von Walter Gröbchen