Ami go home!

Die US-Regierung manövriert den Irak immer mehr in eine blutige Sackgasse.

Noch vor einem Monat hätte ich die Forderung, die Amerikaner mögen doch schleunigst aus dem Irak abziehen, für durch und durch unverantwortlich gehalten.
Der Irak-Krieg hatte, wie man weiß, den folgenschweren Geburtsfehler, dass er mit Lügen begründet war. Nach dem Sturz Saddams zeigte sich aber, dass zur Stabilisierung des Nachkriegs-Irak und zu seinem Wiederaufbau zu wenige Truppen im Land standen. Um den Irak effektiv zu kontrollieren und zu befrieden, bräuchte es eine halbe Million – also etwa dreimal so viel Mann, wie bisher tatsächlich zum Einsatz kamen –, hatten schon vor Kriegsbeginn kritische US-Generäle gerechnet.
Sie sollten Recht bekommen. Die Besatzung wurde bekanntlich zum Desaster: zuerst die unkontrollierten Plünderungen, dann der Terror, der zunehmend grassierte, und schließlich eine für den Alltag der Bevölkerung dauerhaft unerträgliche Sicherheitslage. Die neuen Herren im Land zeigten zudem eine geradezu abenteuerliche Unfähigkeit, auch nur die grundlegendste Versorgung der Iraker mit Infrastruktur zu organisieren. Unter diesen Umständen war an ernsthaften Wiederaufbau nicht zu denken.

Der Ruf nach mehr US-Truppen erschien sinnvoll. Verstärkte Militärpräsenz der Koalition einerseits und beschleunigte Übergabe der politischen Souveränität an die Iraker – dieser Doppelansatz, den man in den vergangenen Monaten in Washington entwickelte, war zwar kein Rezept für die Beendigung der irakischen Misere. Aber, verbunden mit den Avancen, die Bush und seine Strategen den UN und den Europäern machten, damit diese sich verstärkt im Irak engagieren, wies diese Strategie zumindest in die richtige Richtung. So sah es bis vor kurzem aus.

Inzwischen ist das freilich sehr fraglich geworden. Da sind nicht mehr nur Terroristen, Überbleibsel des Saddam-Regimes und Kriminelle am Werk. In den vergangenen Wochen wurde es klar: Es entfaltet sich in rasantem Tempo eine vielschichtige Widerstandsbewegung gegen die Besatzungsmacht, eine Bewegung, die sich zunehmend in der frustrierten irakischen Gesellschaft verankert: arabische Nationalisten und schiitische Fundis haben Milizen gebildet und bieten den verhassten „Eroberern“ und „Kolonialherren“ die Stirn. In Falludscha, in Nadschaf, in Bagdad und Basra. Und der Widerstand radikalisiert sich täglich. Die Zeit, als Umfragen ergaben, dass irakische Mehrheiten – die froh sind, den Diktator los zu sein – zwar die fremden Truppen nicht mögen, aber ebenso wenig ihren Abzug wollen, dürfte vorbei sein.

Die Stadt-Guerilla, die sich da gerade herausbildet, hat eine fatale Logik. Sie bewegt sich im Volk wie „der Fisch im Wasser“. So formulierte einmal Mao Tse-tung. Jeder Schlag gegen sie trifft auch Zivilisten. Das erbittert die Menschen. Der Widerstand kann weiter rekrutieren. Die Identifikation mit seinem Kampf wird breiter. Umso heftiger muss gegen ihn vorgegangen werden. Und so weiter. Natürlich wurde kürzlich aus der Moschee in Falludscha auf die US-Boys herausgeballert. Die Zerstörung des Minaretts durch amerikanische Geschoße hat aber die Freischärler gewiss gestärkt. Jede Razzia, jeder Angriff aus der Luft, jeder Granatbeschuss von Stadtvierteln verschafft den Gegnern der westlichen Truppen weitere Legitimität.
Die Perspektive scheint jetzt wirklich eine vietnamesische zu werden. Die Amerikaner werden immer tiefer in diesen Sumpf des Kleinkriegs hineingezogen, der seine Aufs und Abs haben wird, aber kaum gewonnen werden kann. Fallweise Aufstockungen der Besatzungsarmee werden sich abwechseln mit Versuchen, das Land zu „pazifizieren“, wie es während des Vietnamkriegs hieß. Aber „Pazifizierung“, der Schritt, die Aufgaben der Besatzung zunehmend Einheimischen zu übertragen, verschärft nur die Lage: Die werden als Kollaborateure gesehen. Jetzt schon werden im Irak „Verräter“ massenhaft ermordet.

Inzwischen dürfte auch folgender Ausweg aus dem irakischen Schlamassel verstellt sein: Statt der amerikanisch-britischen Besatzer übernimmt eine multinationale Truppe, möglicherweise die NATO gemeinsam mit Soldaten aus der Region, unter der politischen Patronanz der UN den Nach-Saddam-Irak. Solch ein Rettungsprojekt ist aus heutiger Sicht nicht mehr gangbar. Keine westliche Regierung kann auf absehbare Zeit neue Truppen in den Irak schicken, ohne bald darauf abgewählt, keine aus der arabischen Welt, ohne gestürzt zu werden. Und die UN müssen sich genau überlegen, bei der vermeintlichen Übergabe der politischen Souveränität an „die Iraker“, die für Ende Juni geplant ist, allzu viel Verantwortung zu übernehmen. Als Handlanger der Amerikaner zu erscheinen könnte ihren Handlungsspielraum und ihre Legitimität in der Region vollends ruinieren.

Bleibt also nur der US-Abzug aus dem Irak? Das wäre eine Katastrophe, wird vielfach argumentiert: Terrorismus und Fundamentalismus würden triumphieren. Zudem bräche ein Bürgerkrieg zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden aus. Und es stimmt. Zwar haben sich der schiitische Süden und das sunnitische Zentrum angesichts der Besatzung aufeinander zu bewegt. Aber die Gefahr bleibt, dass sich, sollten die Iraker allein gelassen werden, die verschiedenen Ethnien und Religionen zerfleischen. Das Risiko ist groß, dass der Irak in blutigen Konvulsionen auseinander bricht.

Sicher ist aber, dass, wenn nicht ein Wunder passiert, der Verbleib der US-Truppen im Land eine weitere Radikalisierung des Widerstands mit sich bringt und ein langer, bitterer und verlustreicher Krieg, der in vielen Aspekten Vietnam gleicht, die Zukunft der nächsten Jahre sein wird – und an dessen Ende auch der Abzug der Amerikaner stünde.

Vielleicht ist der Ruf „Ami go home“ doch nicht ganz so verantwortungslos.