AMS-Chef Kopf: „Die höchste je gemessene Arbeitslosigkeit“

AMS-Chef Johannes Kopf über die Wiederkehr der Krise, unsichere Prognosen und den besonderen Wert älterer Arbeitehmer.

Interview: Rosemarie Schwaiger

profil: Ende Jänner 2014 werden laut Ihren Prognosen 450.000 Österreicher arbeitslos sein, ein Jahr später bis zu 470.000. Warum steigt die Arbeitslosigkeit gerade jetzt so stark? Der Höhepunkt der Krise war doch 2009.
Johannes Kopf: Im Jahr 2009 ist die Arbeitslosigkeit innerhalb weniger Monate um über 30 Prozent gestiegen. Das war dramatisch, eine enorme Herausforderung. Anders als in anderen EU-Ländern ging die Arbeitslosigkeit in Österreich 2010 und 2011 leicht zurück. Aber seit Anfang 2012 steigt sie wieder – aktuell um rund 30.000 Menschen im Jahresvergleich. Das bewegt sich im Rahmen unserer Prognosen und ist im europäischen Vergleich immer noch ein sehr guter Wert. Außerdem gelingt es uns, die Betroffenen rasch wieder zu integrieren. Ein Drittel der Arbeitslosen findet innerhalb eines Monats einen neuen Job. Aber ich will es nicht schönreden: Wir haben in Österreich derzeit die höchste jemals gemessene Arbeitslosigkeit – und zwar sowohl absolut als auch in der Quote. Hauptgrund ist das schwache Wirtschaftswachstum.

profil: Anders als das AMS geht die OECD davon aus, dass es 2014 eine leichte Entspannung auf dem österreichischen Arbeitsmarkt geben wird. Welche Prognose stimmt denn nun?
Kopf: Auch unsere Prognosen sagen, dass nächstes Jahr das Wirtschaftswachstum zurückkommt. Damit wird aktive Arbeitsmarktpolitik schon viel leichter. Welche Vorhersage eher eintrifft, weiß ich nicht. Sehr viele Prognosen seit 2008 haben nicht gestimmt. Es mag angesichts der Zahlen seltsam klingen, aber auch mir macht 2014 weniger Sorgen als 2013. Wir werden nächstes Jahr eine höhere Dynamik haben. Soll heißen: mehr offene Stellen, mehr Bewegung.

profil: Wie ist es möglich, dass sowohl die Arbeitslosigkeit als auch die Zahl der Beschäftigten steigt? Wenn es mehr Jobs gibt, müsste es eigentlich weniger Arbeitslose geben.
Kopf: Das Potenzial an Arbeitskräften ist gestiegen. Einerseits durch Zuwanderung, vor allem aus Ungarn und Deutschland. Es steigt auch, weil mehr Frauen auf den Arbeitsmarkt kommen und weil die Menschen später in Pension gehen.

profil: Die Budgetverhandler der Regierung beklagen gerade, dass die Leute nicht lange genug arbeiten.
Kopf: Vielleicht nicht im gewünschten Ausmaß. Aber wir sehen durchaus, dass es mehr Ältere auf dem Arbeitsmarkt gibt.

profil: Halten Sie es für realistisch, ausgerechnet jetzt das Pensionsantrittsalter weiter zu erhöhen?
Kopf: Alle internationalen Studien zeigen: Die Milchmädchenrechnung, die oft gemacht wird, stimmt nicht. Es ist nicht zwangsläufig so, dass jede Person, die länger arbeitet, den Sessel eines jüngeren Bewerbers besetzt. Wenn wir über Pensionisten reden, dann reden wir fast nur über Menschen, die krank sind oder einfach nicht mehr arbeiten wollen. Es gehen aber sehr viel mehr Menschen in Pension, die eigentlich noch gebraucht würden und dazu beitragen könnten, dass insgesamt mehr Jobs entstehen. Je schneller man das Antrittsalter anhebt, desto mehr steigert es die Arbeitslosigkeit. Macht man es langsamer, dürfte es wenig bis gar keinen Effekt haben.

profil: Hat Österreich vielleicht auch die Auswirkungen der EU-Osterweiterung unterschätzt?
Kopf: Wir hatten prognostiziert, dass im ersten Jahr 25.000 Arbeitskräfte kommen würden. Es waren dann 23.800. So genau stimmt eine Prognose selten. Natürlich kann man sagen, gäbe es diese Menschen nicht, hätten wir weniger Arbeitslose. Sie kamen aber teilweise auch für Stellen, die wir kaum besetzen konnten. Ich würde nicht sagen, dass wir überrannt werden. Aber Österreich ist eben ein Einwanderungsland.

profil: Ende Oktober war die Branche mit dem stärksten Anstieg der Arbeitslosen erwartungsgemäß der Bau. An zweiter Stelle lagen mit einem Plus von über 16 Prozent Prozent aber bereits die Gesundheits- und Sozialberufe. Wie ist das möglich, wo doch angeblich händeringend Pflegepersonal gesucht wird?
Kopf: Nach wie vor gesucht werden die besser Qualifizierten, also zum Beispiel Krankenpfleger und -pflegerinnen. Bei einfacheren Qualifikationen, wie etwa Heimhilfen, traten manche Prognosen nicht ein. Das hat damit zu tun, dass weit mehr Menschen als erwartet eine 24-Stunden-Pflege in Anspruch nehmen. Deshalb waren die Schätzungen über die Belegung von Pflegeheimen nicht ganz richtig. Dazu kommt: Auch in diesem Bereich beginnt die öffentliche Hand zu sparen. Der wesentliche Unterschied zu 2009 ist sicher der, dass die Staaten jetzt weniger Geld haben, um gegenzusteuern.

profil: Kann die Politik überhaupt etwas gegen die Arbeitslosigkeit tun?
Kopf: Es wurden ja bereits konjunkturstützende Maßnahmen angekündigt. Aber es gibt sicher kein Regierungsprogramm, mit dem man die Arbeitslosigkeit jetzt sofort senken könnte. Bei der starken internationalen Vernetzung sind die Möglichkeiten heute einfach geringer als früher.

profil: Würde es etwas bringen, wenn weniger Überstunden gemacht würden?
Kopf: Das hat 2009 sehr viel gebracht. Man glaubt gemeinhin, dass Österreich hauptsächlich wegen der Kurzarbeit die Krise besser gemeistert hat. Aber das war nur zu einem kleineren Teil der Grund. Wichtiger waren der Abbau von Überstunden sowie von Zeit- und Urlaubsguthaben. Das heißt: Es hat einen Beschäftigungseffekt, wenn weniger Überstunden geleistet werden. Allerdings wäre es zu trivial, das eins zu eins umzurechnen. Überstunden leisten im Regelfall jene Mitarbeiter, die der Betrieb besonders braucht.