Amstetten, das KZ-Nebenlager

Die Ereignisse in Niederösterreich sind ein Einzelfall. Die Behauptung, sie zeugten von der Verfasstheit dieses Landes, ist dumm.

Charles E. Ritterband ist Österreich-Korrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“. Das gibt ihm ein hohes Maß an Reputation. Die Schweiz gilt ja als moralischer Maßstab der internationalen Staatengemeinschaft – selbst nach den Geschichten über Nazi-Raubgold in eidgenössischen Banken (und auch nach den Versuchen, diese Geschichten zu unterdrücken). Schweizer Medien wiederum gelten als eine Benchmark unserer Profession – trotz der Tatsache, dass die Eidgenossenschaft von tiefem Boulevard und von Gratiszeitungen dominiert wird. Laut Wikipedia-Eintrag „lehrt Ritterband an der FH Joanneum Graz Journalismus und Unternehmenskommunikation und gehörte der Jury für den österreichischen Verfassungspreis 2007 an“. Am 30. April schrieb Ritterband in einem Gastkommentar für den „Standard“ über die Taten des Josef F. das Folgende: „Amstetten war – auch – Standort zweier Nebenlager des KZ Mauthausen. In der Nachkriegszeit will hier kaum jemand etwas gesehen oder gewusst haben von den NS-Verbrechen, die sich nicht nur in entlegenen Konzentrationslagern ,im Osten‘, sondern auch buchstäblich vor der eigenen Haustür abgespielt haben.“ Die Geschehnisse in Amstetten sind laut Ritterband eine logische Folge „des Österreichers selektiver Wahrnehmung“. Die Republik ist ein Land, in dem die „Medien – abgesehen von den Qualitätszeitungen für eine gebildete Minderheit – ihre Aufgabe weniger darin sehen, Staatsbürger zum kritischen Mitdenken zu führen“, sondern ein Ort, wo „Hofberichterstattung – und möglichst grell präsentierte Unterhaltung angesagt ist“. Die aktuelle Horroszenerie ist demnach ganz wie der vom Österreicher Adolf Hitler initiierte Holocaust eine Folge der persönlichen und medialen Verfasstheit des Landes.

Mit Verlaub: Bei diesem Vergleich wird selbst einem Journalisten übel, der seinen Beruf gewählt hat, weil er fassungslos über den Umgang Kurt Waldheims mit der eigenen und der österreichischen Vergangenheit war. Bei dieser Analyse muss selbst der Herausgeber eines Magazins, das sich als die wichtigste Stimme bei der Aufarbeitung dieser individuellen und kollektiven Vergangenheiten sieht, für die Republik Partei ergreifen und sie verteidigen.
Die Ereignisse in Amstetten haben keine gemeinsamen Wurzeln mit den Verbrechen des Dritten Reichs. Jede Parallelität ist schlichtweg Unsinn. Die Suche nach gemeinsamen Ursachen beleidigt die Österreicher. Wer einen derartigen Vergleich zieht, verharmlost überdies den Holocaust, selbst wenn er wie Herr Ritterband wohl das Gegenteil bewirken will. Denn Konzentrationslager waren keine Kerker für Familienmitglieder, sie waren Tötungsfabriken. Die Schergen des NS-Regimes waren keine sexuell perversen, psychisch abnormen Einzeltäter, sondern zigtausende österreichische und deutsche Durchschnittsbürger.

Wie unsinnig es ist, nun nach dem österreichischen Charakter dieser Taten zu suchen, bloß weil der Zufall es in eine zeitliche Nähe zum Fall Kampusch stellte, zeigt sich vor allem an der Widersprüchlichkeit der Argumentation. Zum einen wird da kritisiert, dass Freunde, Nachbarn und Behörden nicht schon früher Verdacht geschöpft haben. Es sei typisch für dieses Land, dass die Menschen wegschauten, sich nicht für das Verhalten anderer interessierten, nicht genügend Zivilcourage hätten, sich bei Auffälligkeiten an die Behörden zu wenden. Zugleich wird kritisiert, dass die Österreicher ein Volk von Vernaderern seien (was sich auch unter dem Nazi-Regime gezeigt hätte), die ihre Nachbarn bei erster Gelegenheit anzeigten. Das geht nicht zusammen. Und auch das passt nicht zusammen: hier die Kritik an Polizei, Jugendamt und Baubehörde, die in Niederösterreich viel zu lange untätig geblieben seien, statt in der Vergangenheit eines Menschen, in dessen Familienleben und im Keller zu wühlen – dort die Kritik an Behörden, die im Privatleben der Bürger schnüffelten und dafür mehr und mehr Kompetenzen verlangten. Nein. Amstetten ist ein Einzelfall und Josef F. ein Einzeltäter, wie sie überall ihr Unwesen treiben. Die Öffentlichkeit wie auch die Polizei waren nicht besser und nicht schlechter als irgendwo anders auf der Welt.
Und: Wie in Amstetten gab es auch in Ebensee, dem Heimatort des Autors dieses Kommentars, ein Nebenlager von Mauthausen. Längst gibt es dort eine Gedenkstätte und ein würdiges Museum. Nazis gab und gibt es in Ebensee weniger als in den umliegenden Gemeinden.