Wodkaflasche im Blumenmeer

Ende eines makabren Spiels: Robert Rotifer über Amy Winehouse, an deren Tod Boulevard und Publikum gleichermaßen beteiligt waren.

Die Fernsehkamera schwenkte über Blumen, Briefe und andere Erinnerungszeichen, welche die Fans am schmiedeeisernen Zaun gegenüber ihrer Wohnung am Nordlondoner Camden Square hinterlassen hatten. Schließlich schärfte sich das Objektiv symbolträchtig auf eine Flasche Smirnoff Wodka ein.

Woran Amy Winehouse auch immer gestorben sein mag (Alkohol, Drogen oder deren Nebenwirkungen; der Bericht der Pathologen steht noch aus) - das mediale Doppelspiel von voyeuristischer Zelebrierung ihrer Selbstzerstörung und den Krokodilstränen des Mitgefühls begleitet sie über ihren Tod hinaus; allein die bereits zu ihren Lebzeiten so beliebten moralischen Bekundungen angeekelter Empörung werden aus Gründen der Pietät vorübergehend gemieden. Dieselben Schmierblätter, die nun den tragischen Verlust eines großen Talents bejammern, pflegten ihre Seiten einst mit Detailaufnahmen der an den Winehouse’schen Nasenhaaren haftenden Koks-Bröckchen zu füllen.

Schon seltsam: Gerade erst sind die von einer korrupten Polizei assistierten, illegalen Spionagemethoden des britischen Boulevards zum nationalen Skandal eskaliert. Doch eine Woche nachdem Rupert Murdoch und Filius James deshalb vor einen Untersuchungsausschuss des Unterhauses zitiert wurden, weigert man sich strikt, die offensichtliche Verbindung zwischen jener Abhöraffäre und dem minutiös protokollierten Verfall der Frau mit der cartoonartig überhöhten Bienenstockfrisur herzustellen.

Wann immer Amy Winehouse, bloßfüßig und berauscht, durch die Londoner Nacht stolperte, waren mysteriöserweise die Fotografen zur Stelle. Wann immer sie heimlich in die Rehab-Klinik eincheckte, wusste die Presse längst Bescheid. Murdochs mittlerweile eingestellte Sonntagszeitung "News of the World“ veröffentlichte ein privates Video von Winehouse beim Rauchen eines Joints; ein anderes zeigte sie beim Singen eines rassistisch-homophoben Auszählreims. Das Schwesterorgan "The Sun“ befriedigte das öffentliche Interesse durch Aufnahmen der Sängerin beim Saugen an einer Crack-Pfeife.

Von den nun im Nachhinein gepriesenen Qualitäten ihrer Stimme - einer erstaunlich glaubhaften, teils brillanten Nachempfindung klassischer Soul-Manierismen - war in den Jahren der hämischen bis mitleidigen Tag-für-Tag-Berichterstattung über Wine-house jedenfalls wenig zu lesen.

Eine optimistische Auslegung der Geschichte der in der "Brit School“, einer von der Musikindustrie betriebenen Popstar-Schmiede nahe London, ausgebildeten Sängerin besagt, dass sie es selbst war, welche die Presse vor sich hertrieb. Zweifellos nutzte sie die Doppelmoral des Boulevards bewusst zu eigener Promotion - siehe die beschwingte Platte "Rehab“, zu der die Tonträgerfirma ein launiges Videospiel über ihren Ausbruch aus der Klinik produzierte. 2008 trug sie im Video zu ihrem Song "Back to Black“ ihr eigenes Herz zu Grabe. Sie - respektive der sie umgebende Apparat, vom Skriptautor bis hin zum Management - kokettierte offen mit dem morbiden Glamour, mit den medialen Spekulationen über ihr bevorstehendes Ende.

Laut "The Sun“ rechnete die Sängerin selbst mit der Aufnahme in den so genannten "Club 27“, dessen "Mitglieder“ in verflucht jungem Lebensalter starben (Hendrix, Joplin, Cobain). Auch wenn sie selbst an das ausgeleierte Klischee des Rock-’n’-Roll-Heldentods geglaubt haben sollte (und diesen nach Stanislawski-Methode verkörperte): Die Ergötzung von Presse und Publikum, vereint in obszöner Komplizenschaft, an ihrer Entäußerung wird dadurch nicht weniger erbärmlich.

Gewiss wird Winehouse in Gestalt posthumer Veröffentlichungen noch lange durch die Charts geistern. Den Vogel in Sachen Opportunismus hat aber jetzt schon ihre Kollegin M.I.A. abgeschossen. Sie behelligte die trauernde Welt nach Bekanntwerden des Todes ihrer "Freundin“ mit der Demo-Aufnahme eines themenbezogenen Songs namens "27“, gespickt mit solch inspirierten Perlen der Reimkunst wie "All rock stars go to heaven / You said you‘d be dead at 27“. Fraglos ein Tribut, der von Herzen kam, gleichsam eloquent wie eine Wodkaflasche im Blumenmeer.