Analyse: Compassion

Der Wiener Theologe Paul M. Zulehner über „Die Passion Christi“.

Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ beansprucht nicht, eine theologische Arbeit zu sein. Er ist ein filmisches Kunstwerk. Jenen, die im Glauben fest stehen, wird er nicht schaden. Wer hingegen keinen Zugang zum Glauben hat, wird ihn durch den Film auch kaum finden.

Es ist vielleicht ungerecht, den Film auf den theologischen Prüfstand zu stellen. Zwar zitiert „Die Passion Christi“ gleich zu Beginn einen Text aus der Bibel, dass wir durch Jesu Wunden geheilt sind. Doch haben schon die Evangelisten nicht die Ansicht vertreten, dass diese Heilung der Menschheit durch einen Blutrausch von Henkersknechten herbeigeführt worden sei. Das Drehbuch geht in seiner künstlerischen Freiheit ziemlich großzügig mit den biblischen Texten und noch mehr mit exegetischen Erkenntnissen um. Aber so wenig die kultischen Kunstorgien eines Nitsch auf ihre theologische Stimmigkeit zu untersuchen sind, ist dies auch beim Film über die Passion nötig.

Als ich den Film erlitten hatte, war mir rasch klar, dass das Thema nicht in erster Linie die Leidensgeschichte Jesu ist. Das Grundthema dieses Epos ist vielmehr jenes unvorstellbare Ausmaß von Gewalt, dessen Menschen fähig sind. Mit einer bislang beispiellosen Genauigkeit wird das, was sich Menschen an Brutalität zunächst ausmalen können, auf die Leinwand projiziert – noch genauer formuliert: männermögliche Gewalt, denn in keiner einzigen Szene sind Frauen die Gewalttäterinnen. Ob nicht auch viele Menschen in den Gaskammern von Auschwitz ähnliche, vielleicht mehr seelische und weniger blutrünstige Gewalt erlitten haben? Oder die Opfer des massenmörderischen Terrors in Madrid? Mir kamen während der Vorführung jene Kinder und die versteckte Gewalt an ihnen in den Sinn, an denen sich in Belgien Männer in sexueller Gewalttätigkeit aufgegeilt haben. Ich musste an den Jungen denken, den Gleichaltrige in einer deutschen Schule wochenlang brutalst behandelt und dabei gefilmt haben, um die Dokumente ihrer Grausamkeit ins Internet zu stellen.

„Die Passion Christi“: Also gar kein Film über das Leiden Jesu, sondern – am Beispiel seiner Geschichte – über das gesammelte und verdichtete unsichtbare Leiden der vielen geschundenen Menschen auch unserer Tage? Wenn das stimmt, dann würden sich die Fragen, ob der Film nun exegetisch sauber ist, der christlichen Verkündigung dient oder gar antisemitisch ist, erübrigen. Es geht vielleicht gar nicht um die Frage, wer in der Geschichte blutrünstige Gewalt verursacht hat und wer nicht, sondern vielmehr darum, dass es keine Unbeteiligten gibt – nicht die religiösen Behörden, nicht die Henker der Besatzung, nicht die Politiker wie der liberale Pilatus, der mit in Unschuld gewaschenen Händen mitschuldig wird. Und vielleicht ich selbst nicht.

Würde der Film zu solchen Fragen führen, dann könnte er den unglaublichen Leiden in der Welt unserer Tage Sichtbarkeit verleihen. Das allein würde uns in die Lage versetzen, künftig solche Leiden mit Leidenschaft zu verhindern. Passion könnte Compassion freisetzen. Dann aber wäre die Arbeit theologischer, als man auf den ersten Blick meinen könnte.
Paul M. Zulehner ist Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.