Analyse: Ein Klischee geht um

Der Politologe Anton Pelinka über den unangenehmen Zeitgenossen Franz König, der sich einen Platz in der Kitschecke Österreichs nicht verdient hat.

Ein Klischee geht um in Österreich. Es ist das Klischee vom volksnahen Kardinal, der allen immer nur lieb und teuer war; vom populären Volksbischof, der immer versöhnte und nie und nimmer Gegner provozierte; vom freundlichen Kirchenvater, der von seinen Schäflein immer und uneingeschränkt geliebt wurde.

Das Gegenteil ist wahr. Franz König war vielen höchst unangenehm Er war für viele ein Gegner, ja fast ein Feind, und seinem Kirchenvolk schien er oft viel zu distanziert; zu intellektuell; zu schwierig. Denn er war eines sicher nicht: ein Mann für alle Jahreszeiten. Er war kein innerkirchlicher Populist.

Mag sein, dass man ihn nun verkitscht. Mag sein, dass nun – à la Vatikan und Papst-Kult – sein Bild in Gips und Wachs erfolgreich vermarktet wird. Politisch geschieht dies jedenfalls: Wer riskiert es schon, sich auch nur vorsichtig kritisch zu äußern?

Das hat er nicht verdient – dass er verkommt zur Wallfahrtsfigur; dass seine durchaus vorhandene Härte verdrängt; dass sein politischer Charakter zugedeckt wird. Denn als aktiver Erzbischof von Wien war König mitten in Konflikten – und in diesen war er zumeist alles andere als neutral.

Er war ein politischer Bischof, ein politischer Kardinal. Politisch natürlich nicht im Sinne von Parteien – aber im Sinne der politischen Linie, die der Papst vorgab; im Sinne einer Politik, die immer auch umstritten war. Und in Konsequenz seiner politischen Funktion hatte König auch als Hitzeschild zu fungieren – für den Vatikan.

So 1958, als die unter Pius XII. eingefrorene Österreich-Politik des Vatikans sich unter Johannes XXIII. zu bewegen begann. Da wurde der noch von Pius XII. ernannte Erzbischof von Wien, dem der Papst zunächst demonstrativ – als Zeichen des allerhöchsten Unwillens über dieses Österreich – die Kardinalswürde vorenthalten hatte, zum ausführenden Organ der neuen Politik. Im Zusammenspiel mit dem päpstlichen Nuntius Dellapiane legte König den Grundstein für den Konkordatskompromiss, mit dem seit 1960 der Vatikan und die Republik ganz gut leben können.

Um den Kompromiss zu erreichen, musste mit denen kommuniziert werden, die auf der anderen Seite standen. Und das war die SPÖ. Das, was großartig „Aussöhnung“ genannt wird, war ein – gekonnter, geglückter – politischer Akt, war die erfolgreiche Suche nach einer diplomatischen Verständigung. Die SPÖ wusste diese zu nutzen – und der ÖVP war König eben deshalb suspekt.

So wurde König zum „roten Kardinal“. So wurde er zum Feindbild für diverse katholische Obskuranten, die aus ihm einen „Hochgradfreimaurer“ machten – im katholischen Österreich der sechziger Jahre ungefähr so schlimm wie das Gerücht, das in den dreißiger Jahren die Nazis gegen Pius XI. unter die Leute gebracht hatten: Der Papst sei „jüdischer Abstammung“.

Der umstrittene Kardinal tat sich nicht leicht mit seinen pastoralen Aufgaben. Er galt nicht gerade als zugänglich. Für viele blieb er der Religionswissenschafter, den eine päpstliche Laune zum Erzbischof von Wien gemacht hatte. König schien im Dialog mit islamischen Professoren an der Universität in Kairo mehr er selbst zu sein als bei Visitationen in seiner Erzdiözese.

„Liberal“ – im Sinne besonderer innerkirchlicher Toleranz – war König als Oberhirte sicherlich nicht. Zu seinen engsten Beratern zählte nicht nur Leopold Ungar, sondern auch Otto Schulmeister – nicht gerade ein Vorreiter katholischer (oder gar „linkskatholischer“) Progressivität. König war bereit und in der Lage, entschieden gegen Dissidenten vorzugehen. Adolf Holl wurde von König seiner priesterlichen Funktionen entbunden, weil er am päpstlichen Primat gerüttelt hatte – nicht prinzipiell, sondern konkret; und das in dem Bereich, in dem die Kirche übersensibel war und ist, solange es nicht um die diskrete Doppelmoral des Klerus geht: in Fragen der Sexualität.

König, als Erzbischof, war durchaus traditionell auf die Sicherung seiner Autorität bedacht. Sein Ruf gründete sich nicht darauf, dass er die Grenzen päpstlicher Herrschaft getestet hätte. Er war und blieb, als Erzbischof von Wien, ein verlässlicher Gefolgsmann des Papstes.

Unter Johannes XXIII. und Paul VI. war König einer der großen Player vatikanischer Politik. Er wurde zum Ausführungsorgan der päpstlichen „Ostpolitik“. Er war wesentlich am Aushandeln des Modus Vivendi mit dem kommunistischen Regime in Ungarn beteiligt – ein Kompromiss, der viele Gegner hatte. Unter diesen war Kardinal Mindszenty, der erst auf massives Drängen des Vatikans (und Königs) sein Exil in der US-Botschaft in Budapest verließ – um ein Exil in Wien zu beginnen.

Teil der Ostpolitik war auch, die Verbindung mit der polnischen Kirche zu stärken, die seit 1956 eine relative Autonomie genoss. Aus dieser Zeit stammte die besondere Beziehung Königs zu den Kardinal-Erzbischöfen von Warschau und Krakau. Die vatikanische Ostpolitik stellte die Voraussetzungen für die Wahl Karol Wojtylas zum Papst her. Dass König bei dieser Wahl ein wichtiger Akteur war, gilt heute als unbestritten.

Umso mehr hat es König getroffen, dass der von ihm so sehr geförderte Wojtyla als Johannes Paul II. Königs Gegner förderte. Dass König in seiner Erzdiözese einen Nachfolger erhielt, der sich demonstrativ von Königs Weltläufigkeit abgrenzte; dass die Bestellung Groers als Kurskorrektur verstanden wurde – das alles war eine Distanzierung des Vatikans gegenüber König.

Dazu zählten auch die anderen Bischofsbestellungen der achtziger Jahre. Küng und vor allem Krenn – das waren vatikanische Ohrfeigen für König. Der musste sich desavouiert fühlen. Dank vom Hause Wojtyla. Und die Kirche in Österreich, die König zwar nicht zu neuem Blühen, aber zu neuem Ansehen geführt hatte, drohte auf diverse Skandale zwischen Engelwerk und sexuellem Missbrauch reduziert zu werden. Wohl selten, dass ein loyaler Diener des Papstes auf eine solche Art zurückgestoßen wurde.

Doch in dieser Phase erhielt König eine neue Funktion: Er war nun nicht mehr Sprecher der Kirche – er wurde zum Sprecher Österreichs, zum Gewissen der Nation. Wer, wenn nicht er, konnte sich über den Gräben der Waldheim- und der „Sanktionen“-Konflikte Autorität bewahren? Nicht, dass König da Aufregendes zu sagen gehabt hätte – aber er, und nur er stand über den Parteiungen, die in der Nach-Nachkriegszeit aufgebrochen waren.

Es war wohl diese letzte Phase seines Wirkens, als König eine „staatspolitische“ Funktion füllte, die heute seine Ecken und Kanten vergessen machen lässt. Aus dem profilierten (und letztlich unbedankten) Politiker der Kirche war eine Art österreichischer Weizsäcker geworden: Wenn er sprach, hörte man zu; wenn er auftauchte, ging man hin. Auf ihn war man stolz. Wenn man sich in dieser Phase über nichts in Österreich einig war – über Königs Rang herrschte ein breiter Konsens.

Diese seine letzte große Aufgabe sagt weniger etwas über König und mehr etwas über den Zustand der österreichischen Gesellschaft aus: Ein spröder Vertreter einer Kirche, der langsam, langsam die Massen abhanden kommen, wird zur moralischen Autorität für Agnostiker und Atheisten, Protestanten und Juden und – auch – Katholiken. Da war ein Platz frei in der österreichischen Gesellschaft – der des „weisen alten Mannes“. Diesen Platz nahm Franz König ein. Dieser Platz ist nun verwaist.

Die Frage bleibt, warum die österreichische Gesellschaft nach einer solchen Funktion verlangt; und ob – nicht morgen, aber bald – irgendjemand anderer diese Rolle übernehmen kann; oder ob diese – vielleicht zum Nachteil aller – unbesetzt bleibt.