Anchorman Armin Wolf im Interview:
Über den Zugriff der Regierung auf den ORF

Anchorman Armin Wolf über den Entwurf des Kanzlers für ein neues Rundfunkgesetz und die finanzielle Misere des ORF.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Wolf, vor genau drei Jahren haben Sie in einer Rede in der Hofburg die damalige ORF-Führung scharf kritisiert. Wie war das, als Sie am nächsten Tag in die Redaktion kamen?
Wolf: Der wirklich interessante Moment war vorher: Ich hab mir in der Früh am Weg ins Kaffeehaus alle Zeitungen gekauft. Ich dachte, das wird vielleicht ein Einspalter im „Kurier“ sein und ein Zweispalter auf der Medienseite des „Standard“. Und dann finde ich mich am Titelblatt der „Kleinen Zeitung“ mit der Schlagzeile: „Hilferuf aus dem ORF“. Da habe ich gewusst, der Tag könnte etwas stressig werden.

profil: Zur Chefin wurden Sie nicht zitiert?
Wolf: Nein, aber die damalige Generaldirektorin Monika Lindner hat mir in einem eher unfreundlichen APA-Interview ausgerichtet, ich sei unsolidarisch und illoyal gewesen.

profil: Sie haben damals „die nahezu hemmungslose Einflussnahme der politischen Parteien auf den ORF“ kritisiert. Hat sich daran wirklich etwas geändert?
Wolf: Im journalistischen Alltag jedenfalls. Ich nehme solche Einflussversuche wie früher unter dieser ORF-Führung einfach nicht mehr wahr.

profil: Sind Sie abgestumpft, oder hat es einen Lernprozess bei den Politikern gegeben?
Wolf: Beides würde ich ausschließen. Es gibt heute im ORF viel stärkere Sendungsverantwortliche, und es gibt einen Chefredakteur, der nicht den Tag damit beginnt, der Redaktion zu erklären, was kein Thema ist. Vielleicht gibt es gar nicht weniger Interventionen als früher, aber die scheinen schon abzuprallen, bevor sie zu uns kommen. Wo immer das ist.

profil: Aber im Stiftungsrat geben immer noch die Fraktionen der Parteien den Ton an. Jetzt nennen sie sich halt „Freundeskreise“.
Wolf: Das ist auch wirklich ärgerlich. Die meisten Stiftungsräte sind ja sehr sympathische und honorige Menschen, und man wundert sich dann umso mehr, dass sie ihre Entscheidungen über das Schicksal des ORF immer haargenau entlang der Grenzen ihres „Freundeskreises“ treffen. Bis auf zwei, drei Leute gibt es niemanden, der gelegentlich anders abstimmt als seine „Freunde“.

profil: Kann ein öffentlich-rechtliches Medium völlig ohne Einfluss der Politik geführt werden?
Wolf: Es ist ja legitim, wenn sie sich auf das Setzen von Rahmenbedingungen beschränkt. Aber wenn die Politik Posten bis ins zweite oder dritte Glied vergibt oder darüber befinden will, ob irgendwelche Geschichten auf Sendung gehen oder nicht, wird es einfach unanständig. Diesbezüglich war unsere Situation in den letzten zwei Jahren definitiv besser. Vielleicht auch deswegen, weil es zwar eine große Koalition gab, aber die beiden „Freundeskreise“ im Stiftungsrat trotzdem Krieg miteinander geführt haben.

profil: Und jetzt ist der ORF Opfer des ­neuen Kuschelkurses zwischen SPÖ und ÖVP?
Wolf: Jetzt tun sich die beiden „Freundeskreise“ mit ihrer riesigen Mehrheit im Stiftungsrat wieder zusammen. Da wird der Druck natürlich erheblich größer.

profil: Faktum ist, dass der ORF – je nach Lesart – 80 bis 100 Millionen Miese hat. Hat diese Geschäftsführung überhaupt noch eine Chance?
Wolf: Geht es der Politik wirklich ums Geld? Ich war schon erstaunt, als ich jetzt den Gesetzesentwurf der SPÖ gelesen habe. Der zählt zwar viele, viele Paragrafen auf, aber in Wahrheit geht es nur um einen einzigen – den Paragrafen 45: „Die Funktionsperiode des amtierenden Generaldirektors endet mit der Kundmachung dieses Gesetzes.“ Alles andere im Entwurf ist doch nur Kulisse. Die Regierung will sich eine neue ORF-Führung aussuchen. Und dagegen muss man sich wehren – und zwar völlig unabhängig davon, ob man die jetzige Geschäftsführung super findet oder nicht.

profil: Was vermuten Sie dahinter? Das eiskalte Händchen des Staatssekretärs Ostermayer?
Wolf: Ich habe Herrn Ostermayer schon öfter die Hand gegeben. Es ist mir gar nicht aufgefallen, dass die so eiskalt wäre. Er ist ein netter Mensch, aber sein Gesetzesentwurf ist wirklich bedenklich.

profil: Aber das Bombendefizit des ORF können Sie nicht so einfach wegreden.
Wolf: Es gibt ja noch einen zweiten interessanten Paragrafen im Entwurf. Darin wird neben Publikumsrat und Stiftungsrat noch zusätzlich ein 16-köpfiger Aufsichtsrat installiert. Wenn es darum ginge, den ORF wirtschaftlich zu sanieren: Muss man dann ein drittes, noch dazu bezahltes Gremium erfinden und die Geschäftsführung vorzeitig rausschmeißen, die man ja noch zwei Jahre bezahlen muss?

profil: Dass sich ein Kanzler den Rundfunkchef aussucht, mit dem er arbeiten möchte, ist in Österreich doch nicht so ungewöhnlich.
Wolf: Das nicht, aber dann soll man gleich drüberschreiben: „Regierungsfunk“. Solange im ORF-Gesetz steht, dass Unabhängigkeit von politischen Parteien und Einflussgruppen nicht nur das Recht, sondern die Pflicht aller ORF-Mitarbeiter ist, kann das so nicht gehen. Bisher haben nur Bruno Kreisky 1974 und Wolfgang Schüssel 2001 den Generalintendanten gleich mit einem neuen Gesetz gestürzt. Das passiert offenbar immer dann, wenn es schwierig ist, im Stiftungsrat die nötige Zweidrittelmehrheit für seine Abwahl zustande zu bringen. Das ist ein Missbrauch des politischen Einflusses auf den ORF – ein wirklich grober Missbrauch.

profil: Die Werbeeinnahmen brechen weg, die Quoten sinken – vielleicht ist die große Zeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einfach vorbei.
Wolf: Ich glaube im Gegenteil, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk immer wichtiger wird. Wir sehen doch gerade, wie in der ganzen Welt kommerzielle Medienbetriebe zusammenbrechen. In den USA sperrt jeden Tag eine gute Tageszeitung zu. Dem Privatfernsehen brechen 50 Prozent der Einnahmen weg. Das wird man im Programm merken, und ich sehe dort schon heute nicht sehr viel Spannendes. Ich behaupte mal, 99 Prozent allen intelligenten Fernsehprogramms läuft auf öffentlich-rechtlichen Sendern: im ORF, auf ARD, auf ZDF, auf 3sat, auf Arte und nicht auf Kommerzkanälen. Öffentlich-rechtliches Fernsehen per se infrage zu stellen, hielte ich für einen echten kulturellen und zivilisatorischen Rückschritt.

Profil: Und doch lag die Quote 2008 bei nur noch 40 Prozent – trotz Fußball-EURO, Nationalratswahl und Olympischer Spiele.
Wolf: Im Schnitt hat ein österreichischer Haushalt rund 70 Fernsehkanäle zur Verfügung, davon ist der allergrößte Teil deutschsprachig. Dass noch immer fast jeder Zweite eines der beiden ORF-Programme aufdreht, finde ich in Wahrheit sensationell. Man könnte noch vieles besser machen, und nicht alles ist super. Aber ich bin jetzt seit 23 Jahren im Haus, und ich habe in den 14 Jahren, die ich im Fernsehen bin, selten Phasen erlebt, wo man so unabhängig und unbeeinflusst seine Arbeit machen konnte.

profil: Dieser Gesetzesentwurf wird im Parlament wohl eine stabile Mehrheit finden. Was werden die ORF-Angestellten dann tun?
Wolf: Gute Frage, weiß ich nicht. Man darf die Hoffnung auf einen halbwegs vernunftbedachten politischen Diskurs nicht ganz aufgeben, sonst kann man das Regime gleich ganz der „Kronen Zeitung“ überlassen. Das kann’s ja auch nicht sein.

profil: Ist das wieder einmal der Ruf nach der viel zitierten „Zivilgesellschaft“?
Wolf: Von der Politik kann man sich in dieser Frage ja offenbar nicht viel erwarten, obwohl ich die Hoffnung nicht aufgebe, dass es auch in den Parteien vernünftige Leute gibt, die draufkommen, dass ein solches Gesetz keinen Sinn macht. Was der ORF jetzt absolut nicht braucht, ist eine Führungsspitze, die der Koalition oder ausgewählten Landeshauptleuten besonders genehm ist. Wir brauchen eine, die den Job beherrscht.

Armin Wolf, 42,
ist seit 1985 im ORF tätig. Seit 2002 präsentiert er die „Zeit im Bild 2“. Im Mai 2006 wurde Wolf für seine Moderation der „Sommergespräche“ der Robert-Hochner-Preis verliehen. Bei seiner Dankesrede in der Hofburg attackierte er die politischen Einflussversuche der schwarz-orangen Regierung und die Amtsführung des ­damaligen ORF-Chefredakteurs Werner Mück. Drei Monate später wurde die ORF-Führung unter Monika Lindner tatsächlich gestürzt, weil sich SPÖ, FPÖ, BZÖ und Grüne im Stiftungsrat gegen die ÖVP durchsetzten. Alexander Wrabetz wurde neuer ORF-Generaldirektor.

Fotos: Monika Saulich