Der Traumpfleger

Wie viele Leben passen in einen André Heller? In seiner Biografie "Feuerkopf" ­erzählt der Journalist Christian Seiler von der abenteuerlichen Künstlerexistenz ­eines Mannes, dessen Treibstoff sich aus Größenwahn, Selbstzweifel und der ­zwanghaften Lust am Polarisieren mischte. Ein Vorabdruck.

Radio Days (1967–1972):
Mit Lennon
auf dem Zentralfriedhof

Am 1. Oktober 1967, dem ersten Sendetag von Ö3, lief die erste „Musicbox“ über den Äther, moderiert von Disc­jockey André ­Heller und Frank Elstner, der als Berater engagiert worden war. „Fünf Tage später“, sagt Heller, „war ich in Österreich weltberühmt.“

H ellers Schlagfertigkeit, seine singende, melodiöse Stimme, die eine Tendenz dazu hatte, an der dramaturgisch richtigen Stelle zu brechen, traten in Wechselwirkung zu seinem Selbstbewusstsein, das sich Tag für Tag aufpumpte wie die Muskeln eines Bodybuilders, der endlich Anabolika zu schlucken beginnt.

Hellers Anabolika waren die Reaktionen des Publikums.

Ö3 schlug in Österreich ein wie „ein Meteorit von der Größe des Mondes“, und aus der mehr oder weniger zufällig zusammengewürfelten, biederen Mannschaft des Senders ragte Discjockey André vom ersten Tag an heraus, weil er intuitiv das machte, was zwangsläufig für Berühmtheit sorgt: Er polarisierte.

Während seine Kollegen Kaugummimusik programmierten und höflich ansagten, dass man nun den neuen Schlager von Dave, Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich spielen werde, hielt André nicht mit seiner persönlichen Meinung über hinter dem Berg. Die Bee Gees, die gerade an der Spitze der Hitparade standen, moderierte er zum Beispiel so an: „Wer geglaubt hat, es gäbe nichts Ärgeres als den deutschen Schlager, und die Herren Black, Gildo und wie sie alle heißen wären im negativen Sinn unschlagbar, der wird von der neuen LP der konkursreifen Brüder Gibb eines Besseren belehrt. Meiner Meinung nach ist das die größte Kitschorgie …“

Hellers Arroganz, die bis dahin unter der Oberfläche seiner Neugier und Gelehrsamkeit geschlummert hatte, brach uneingeschränkt aus. Als er beim Eingang ins Funkhaus dem Moderator der Mittagssendung „Autofahrer unterwegs“, Walter Niesner, ­einem Publikumsliebling der Kategorie „rechtschaffen und bieder“, die Tür auf die Nase fallen ließ, erwiderte er die Empörung des klein gewachsenen Radiostars mit maximaler Herablassung: „Wachsen Sie erst einmal, bevor Sie mit mir reden …“

Mit derselben Chuzpe moderierte Heller seine Sendungen und führte seine Interviews. Er zerbrach vor dem offenen Mikrofon Schallplatten, weil er sie für Umweltverschmutzung hielt, und warf die Bruchstücke hinunter auf die Argentinierstraße. Wenn Bands aus England oder Amerika, die Heller nicht gefielen, bei ihm im Studio saßen, um sich interviewen zu lassen, spielte er die Musik, die ihm passte, und stellte seinen perplexen Gästen kurz vor der Abmoderation maximal die Frage, wie ihnen in Wien das Hotel gefalle.

Wenn der Musikchef die Weisung erteilte, nicht allzu lange Songs zu spielen, besann sich Heller auf seine Liebe zu Bob Dylan und spielte dessen melancholische Ballade „Sad Eyed Lady of the Lowlands“, die auf dem Doppelalbum „Blonde on Blonde“ eine ganze Plattenseite beanspruchte. Und weil ihm das nicht genügte, spielte er für alle, die das Stück in seiner Tiefe und Schönheit nicht erkannt hatten, das Ganze noch mal.

Heller wurde auch berühmt, indem er sich mit allen möglichen Figuren anlegte, je berühmter, desto besser. Er empfahl zum Beispiel, Peter-Alexander-Platten „als Brechmittel in der Apotheke zu verkaufen“, was dazu führte, dass zur Fanpost enthusiastischer Backfische, die Heiratsanträge an ihren Star schickten, auch Morddrohungen und mit Fäkalien gefüllte Päckchen im ORF-Postfach eintrafen.

„Ich habe natürlich begriffen, was mir das Schicksal für ein Instrument in die Hand gespielt hat“, sagt Heller. „Von heute auf morgen hatte ich Kontakt mit der ganzen Welt.“

Schon mangels Alternativen marschierten die Größen der sechziger Jahre im Funkhaus an der Argentinierstraße auf und wurden dem Starinterviewer Andreas zugeführt. Brian Jones saß im Studio und brachte seine Freundin Anita Pallenberg mit, die eine transparente Bluse ohne etwas darunter trug und dafür sorgte, dass die halbe Funkhaus-Belegschaft auf dem Studiogang zusammenlief, um einen Blick auf die bildhübsche Anita zu erhaschen.

Mit Diana Ross und den Supremes, die er nach deren Auftritt in der Wiener Stadthalle interviewt hatte, feierte Heller die Nacht durch. Mit Jimi Hendrix, der im Konzerthaus gleich zwei Konzerte an einem Abend spielen musste, weil das erste im Nu ausverkauft war, ging er Rosen schießen in den Prater.

Heller war ein Star, benahm sich wie ein Star und ließ sich wie ein Star behandeln. Als er von einem Buchhändler aus Leibnitz, der auch eine Diskothek besaß, gefragt wurde, ob er in der Disco eine Autogrammstunde geben und ein paar Witze erzählen könnte, forderte er dafür die utopische Summe von 15.000 Schilling, das waren drei anständige Monatsgehälter.

Der Buchhändler sagte zu. Heller kündigte an, dass er mit Chauffeur und Manager kommen werde. Dafür engagierte er zwei Kollegen aus der Jugendredaktion.

In Leibnitz empfing den Radiomoderator, der auftrat wie ein weltbekannter Popstar, eine Delegation von Würdenträgern samt ihren Frauen. Aber Heller wollte zum Entsetzen der Gattinnen nur wissen, wo die Girls seien, die man ihm und seinen Freunden versprochen habe.

Am 31. März 1969 machten John Lennon und Yoko Ono Station in Wien, um ihren Film „Rape“, eine Auftragsarbeit für das ORF-Fernsehen, zu präsentieren. Sie mieteten für 12.000 Schilling pro Tag Suite 101 im Hotel Sacher und gaben im Roten Salon eine Pressekonferenz, bei der das Paar, unter einem Leintuch verborgen, die Fragen der anwesenden Reporter beantwortete, was sich aber bald auf einen Dialog zwischen dem „Musicbox“-Berichterstatter und dem Beatle beschränkte.

André Heller, der sich inzwischen lange, buschige Koteletten stehen ließ, durch die sein Gesicht noch schmaler wirkte, trug eine Lederjacke und ein buntes Tuch um den Hals. Die Unterhaltung war, wie die Kinodokumentation „Imagine“ beweist, bizarr.

John, bist du es wirklich?


Ja, ich bin es.


Woher sollen wir wissen, dass du es wirklich bist?


Weil ich es euch sage.


Was hältst du von der katholischen Kirche?


So wenig wie von allen anderen Religionen.


Was denkst du über die englische Königin?


Wir haben sie übertroffen, weil wir mehr für den Frieden getan haben, als sie jemals tun können wird.


Wie habt ihr das gemacht?


Im Bett und im Sack.


Wieso zeigt ihr euch nicht?

Ihr wisst, wie ich aussehe. Wichtiger ist, was ich sage. Sonst verlieren die Worte durch die Konzentration auf mein Gesicht an Bedeutung.

Dann beendeten John und Yoko die Pressekonferenz und sangen zum Abschluss den Donauwalzer. Die Tonspuren zum Wiener Bed-in und einer vorangegangenen Aktion in Amsterdam erschienen später auf John Lennons und Yoko Onos „Wedding Album“. Das Buch „Servus, Beatles“ vermerkt dazu nicht ohne patriotischen Stolz: „ … ist auch André Hellers Stimme zu hören – der einzige Beitrag eines Österreichers auf einer Beatles-Platte.“

Heller vereinbarte für den nächsten Morgen einen exklusiven Gesprächstermin mit dem berühmtesten Paar der Popgeschichte. Als er zum festgelegten Zeitpunkt an der Tür von Suite 101 klopfte, öffnete niemand. Heller wollte nachsehen, drückte die Klinke nach unten und fand die Tür unverschlossen. Neugierig betrat er den Raum. Niemand da, nur ein leises Schnarchen von nebenan.

„In einem goldgrünen Rokoko-Bett sahen wir Mr. und Mrs. Lennon in tiefem Schlaf“, schrieb Heller 2010 in einem Artikel für die „Presse“. „Das schöne Gesicht von Yoko war von schwarzleuchtenden Haaren umrahmt, und ihre rechte Hand wirkte mit zwei ausgestreckten Fingern, als ob sie gerade im Traum einen Schwur leistete. Er, halb abgedeckt, trug einen blau-weiß gestreiften Pyjama, wie ein Häftling. Auf dem Nachtkästchen lag ein Buch des Dichters Allen Ginsberg und dar­auf die Brille mit den runden Gläsern.“

Heller und seine Begleiter Alfred Treiber und Richard Goll weckten John und Yoko, indem sie die österreichische Bundeshymne intonierten.

„Eine Viertelstunde später brachten zwei Etagenkellner, vorsichtig geschätzt, etwa ein Viertel aller auf der Roomservice-Karte angebotenen Speisen und drapierten diese auf diversen Tischen und Servierwagen. Nach weiteren zehn Minuten erschien das ‚divine couple‘. Nun aßen wir Ham and Eggs, Suppen, Sachertorte, Schnitzel und Porridge, gemischten Aufschnitt, Spaghetti und Obst in anarchischer Reihenfolge. Dann baute Richard Goll sein Mikrofon und das Uher-Magnetofon auf, und das legendäre, fast eineinhalbstündige Gespräch begann. Legendär ist es für Treiber, Goll und mich deshalb, weil es niemals gesendet wurde, und um die diesbezügliche Schande des ORF ins Chimborazohafte zu steigern, gingen auch im Lauf der Jahre die Tonbänder verloren, oder irgendein Nebochant hat sie gelöscht.“

Lennon sprach über den Vietnamkrieg und die Ausbeutung der Frauen. Yoko Ono stieß dazwischen immer wieder den schrillen, lang anhaltenden Schrei „Peace“ aus. Nach eineinhalb Stunden hatten Treiber, Goll und Heller ein echtes Happening im Kasten. Dann mussten John und Yoko zum Flughafen. Komm mit, sagte Lennon zu Heller, lass uns weiterreden. Heller stieg zu Lennon in die Limousine, Yoko nahm mit dem Manager der beiden eine zweite.

„Wir fuhren über die Simmeringer Hauptstraße in Richtung Flughafen. Als wir uns dem Zentralfriedhof näherten, erklärte ich, dass hier Franz Schubert, der wohl bedeutendste Liederkomponist vor Lennon/McCartney, liegen würde.

‚Ich will ihn besuchen‘, sagte John. Wir hielten am Tor 2 und liefen, weil die Zeit drängte, durch die Hauptallee bis zu jener Stelle auf der linken Seite, die den Blick auf ein Rondeau mit Ehrengräbern freigibt. Ich deutete auf Schuberts letzte Adresse. John bewegte stumm die Lippen, als würde er zu sich selbst sprechen oder beten. Dann tänzelte er beinahe verlegen über den Kies und suchte mit den Augen die Umgebung ab. Plötzlich gab er mir einen sanften Boxhieb auf die Brust und wiederholte ungläubig die Namen, die im Umkreis von etwa zwanzig Metern an unterschiedlichen Grüften in Marmor gemeißelt waren: ‚Mozart, Beethoven, Hugo Wolf, Johann Strauß Sohn und Vater, Johannes Brahms, Christoph Willibald Gluck.‘ Ich ergänzte: ‚Ein Stück weiter ist noch die Ruhestätte von Arnold Schönberg.‘

‚Was für eine aberwitzige Versammlung‘, sagte er. ‚Ja‘, antwortete ich, ‚in musikalischer Hinsicht ist hier am Tag der Auferstehung der Nabel der Welt.‘

Dann bückte John sich, zog den Schnürsenkel aus seinem rechten Schuh und legte ihn mit der Bemerkung ‚Statt Blumen‘ auf Schuberts Grab. Eine Dreiviertelstunde später enteilte die Maschine mit der Fluxus-Künstlerin und dem ­Beatle über das Rollfeld in den eisgrauen Himmel. Es war John Lennons erster und letzter Besuch in Wien.“

Verstörung (1997–2004):
Jahre neben sich selbst

Im Herbst 1996 überlebte Heller gemeinsam mit seiner damaligen Freundin Yasmin Damjanovic nur knapp einen Autounfall auf der Halbinsel Sinai. Danach stürzte er in eine tiefe persönliche Krise.

D ie Zeit, die André Heller als „Verstörung“ bezeichnet und die nicht weniger als sieben Jahre dauerte, begann einige Monate nach diesem Unfall in der Wüste Sinai. Im März 1997, kurz vor seinem fünfzigsten Geburtstag, erwachte Heller in seinem Schlafzimmer in der Elßlergasse aus einem Traum, in dem Adolf Hitler eine Rolle gespielt hatte. Heller war in einem Ausnahmezustand. Alles drehte sich um ihn. Yasmin holte den Notarzt.

Der Arzt gab Heller ein Beruhigungsmittel. Am nächsten Tag ließ sich Heller im Allgemeinen Krankenhaus durchchecken. Das Schwindelgefühl verschwand, aber seine Wahrnehmung hatte sich grundlegend verändert.

Die „Verstörung“ äußerte sich auf vielfältige Weise. Heller befielen, wie er sagt, „tausenderlei Nöte“. „Grotesk verzerrte Bilder, wenn ich Menschen, Gegenstände oder Landschaften betrachtete. Dann das Gefühl einer absoluten Isolation oder eines In-sich-selbst-Versinkens. Eruptive Traurigkeit von noch nie gekanntem Ausmaß, auch radikale Ohnmachtsgefühle und die Auflösung aller bisherigen Koordinaten. Mir war klar“, sagt er, „dass sich in meinem Bewusstsein etwas umwälzte. Ich wusste allerdings nicht, ob mich das in einer höheren Lebensfähigkeit oder im Irrenhaus enden lassen würde.“

Heller sah sich also mit der Tatsache konfrontiert, dass er an Bewusstseinsstörungen litt, die sich permanent veränderten, als sei er selbst ein Teil einer seiner surrealen, kaleidoskopartigen Inszenierungen. Im Alltag konnte er unter Aufbietung aller Kräfte seiner Arbeit nachgehen, die wahre Arbeit aber begann immer dann, wenn er sein Tagesprogramm erledigt hatte. Dann war Heller mit seinen Nöten allein, mit der „Fremdheit“ in ihm und der Angst, die sie verursachte, mit der Ratlosigkeit, woher die Verstörung rührte, und der Suche nach möglichen Wegen, um ihr zu entkommen.

Er musste von seinen Gewohnheiten Abstand nehmen. In Gardone konnte er zum Beispiel kein Essen mehr mit seinen Gästen einnehmen, sondern flüchtete in seine Zimmer im ersten Stock. Er wurde von plötzlichen Weinkrämpfen gepackt. Einmal, im dritten Jahr dieser Zustände, brach er im Kino zusammen, als er mit seiner neuen Lebensgefährtin, der Schauspielerin Andrea Eckert, den Kinofilm „Der englische Patient“ sah, wo der Held Graf Almásy durch schwere Brandwunden entstellt und am ganzen Körper bandagiert im Lazarett liegt und nichts mehr mit dem Menschen zu tun hat, der er war. Das erschütterte Heller, weil er sich genau so fühlte.

Die Verzweiflung wuchs mit dem Gedanken, dass es aus dieser Krise vielleicht keinen Ausweg gab. In klareren Momenten konnte Heller die Fakten sortieren. Er wusste, dass einige Ärzte seine Symptome als klinische Depression bewerten würden. Aber er wollte so lange wie möglich keine Medikamente nehmen, von denen er wusste, dass ihre Nebenwirkungen seine Persönlichkeit zusätzlich massiv verändern würden. Heller selbst bezweifelte, dass er an einer Depression litt. Er begriff den Zustand, in den er geschleudert worden war, als „einen Erkenntnisvorgang, der mir plötzlich das gesamte Elend und die Überforderung der Person André Heller vor Augen führte. Ich begann die Angelegenheit als einen endlos langen Zahltag für meine bisherige Ignoranz und Selbstbeschädigung zu begreifen, als ein Sterben, das im selben Körper zu einer Wiedergeburt führen würde.“

Wie aber baut man seine Persönlichkeit um? Heller beschreibt den Prozess als unendlich langsam und von vielen Rückschlägen begleitet. Jahrzehntelange Selbstverständlichkeiten mussten revidiert werden. Ansprüche, die Heller an sich selbst gestellt hatte, mussten korrigiert und durch neue Ansprüche ersetzt werden.

Die Arbeit lief auf drei Hauptthemen hinaus: Dekonstruktion des Egos. Die Fähigkeit, Dankbarkeit zu empfinden. Zu lieben, ohne Bedingungen daran zu knüpfen. Alles in allem: Synchronität mit den Bedürfnissen der eigenen Seele zu leben.

Wer André Heller kannte, wusste, ohne lange nachzudenken, dass ihm ein harter Weg bevorstand. Hellers bisheriges Leben war der Selbstverwirklichung, dem Aufbau und der Befriedigung seines Egos gewidmet gewesen. Seine Lust zum Polarisieren war zwanghaft. Die Ohrfeigen, die er austeilte und die darüber hinwegtäuschen sollten, dass er eigentlich gestreichelt werden wollte, waren dabei nur ein widersprüchlicher Aspekt dieser ebenso verletzlichen wie verletzenden Persönlichkeit.

Dankbarkeit war in diesem ruhelosen Zustand nicht vorgesehen. Heller misstraute der Zuwendung, die er bekam. Die Schläge, die er einstecken musste, schienen ihm gerechtfertigt – er hatte sich ja mit Zynismus und mutwilligen Verletzungen darum bemüht. Er misstraute seiner Arbeit. Er empfand sich selbst als ziemlich unfertigen, zerrissenen Menschen und brachte seine Störungen zum Ausdruck, indem er um sich schlug. Seine Frauen konnten ein Lied davon singen, wie schwer es war, ihm das Gefühl zu vermitteln, liebenswert zu sein. Umgekehrt sträubte sich Heller dagegen, tiefe Gefühle gegenüber anderen zuzulassen.

Er flüchtete vor seinen inneren Problemen in immer höhere Dimensionen der Überlastung, dachte sich immer größere Projekte aus, deren Verwirklichung ihn in eine permanente Spannung zwischen Panik und Ekstase versetzte. Viele seiner Beziehungen zu Frauen waren weniger Liebesgeschichten als erotische Räusche gewesen oder machtlüsterne Eroberungen mit anschließendem Paarscheitern. Was Liebe sein konnte, wenn sie nicht darauf zielte, einen anderen Menschen nach den eigenen Vorstellungen zu formen, hatte Heller erst durch die Beziehung zu seinem heranwachsenden Sohn erfahren. Es brauchte noch einige Jahre und eine schwere Krise, bis er begriff, dass das Motiv der bedingungslosen, der unbedingten Liebe auch in seinen Beziehungen die zentrale Rolle spielen musste.

Abschied von der SPÖ 2008:

Mit Faymann kam die Funkstille

Mit der schwarz-blauen Regierung unter Wolfgang Schüssel, die im Februar 2000 begann, rückte Heller öffentlich an die Seite des neuen SPÖ-Vorsitzenden Alfred Gusenbauer. In der SPÖ wurde diese Freundschaft mit Misstrauen betrachtet. Denn Heller war auch dafür bekannt, dass er Personalvorschläge machte und sich dabei nicht um Verdienste innerhalb des Apparats kümmerte. 2006 wurde Gusenbauer großkoalitionärer Kanzler, trat aber 2008 zurück, um dem langjährigen Wiener Wohnbaustadtrat Werner Faymann Platz zu machen.

A m Abend vor den Nationalratswahlen am 1. Oktober 2006 gingen Heller und SPÖ-Chef Alfred Gusenbauer wieder einmal spazieren. Die Meinungsumfragen sahen ungünstig für die SPÖ aus, alles deutete darauf hin, dass Wolfgang Schüssel es einmal mehr schaffen würde, mithilfe der FPÖ Kanzler zu bleiben. Gusenbauer wusste, dass ihm seine Partei eine zweite Niederlage gegen Schüssel nicht verzeihen würde. Er hatte sich durch einen eigenwilligen, egozentrischen Führungsstil in den eigenen Reihen nicht nur Freunde gemacht. Mit „dem Franzi“ sortierte Gusenbauer nicht nur Ideen, was zu machen sei, wenn er die Wahl gewänne, sondern auch, was er mit seinem Leben anstellen würde, wenn die Wahl danebenginge. Gusenbauer war 2006 erst 46 Jahre alt.

Heller erinnert sich an eine besonders hübsche Anekdote vom Wahltag. Schon am Nachmittag war er mit seinem Sohn in die Löwelstraße gegangen, wo die SPÖ ihr Wahlhauptquartier hatte. Laufend kamen Ergebnisse aus ausgezählten Wahlsprengeln herein, und schon am frühen Nachmittag stand fest, dass das Rennen zwischen SPÖ und ÖVP knapper werden würde als befürchtet. Gegen vier sah es bereits danach aus, dass die SPÖ die Nase vorn haben könnte, und am frühen Abend stand fest, dass Alfred Gusenbauer die Wahl mit einem Prozentpunkt vor Wolfgang Schüssel gewonnen hatte.

Gerade als sich Gusenbauer den draußen wartenden Journalisten und Fotografen zeigen wollte, läutete Hellers Telefon.

Seine Mutter war am Apparat: „Hast du’s schon gehört?“

„Was, Mami?“

„Der Gusenbauer hat die Wahl gewonnen!“

Seit der Franzi so gut mit dem SPÖ-Vorsitzenden befreundet war, hatte auch die frühere Sozialistenfresserin aus Hietzing etwas für die Roten übrig.

Heller lachte und gab das Telefon an den Wahlsieger weiter: „Da will dir jemand gratulieren, Alfred.“

Alfred nahm das Telefon, sagte artig „bitte, danke“, dann zog er die Stirn kraus: „Das hoffe ich nun aber nicht.“

„Was hat sie gesagt?“, fragte Heller.

„Sie hat gesagt“, antwortete Gusenbauer, „heute ist der schönste Tag ihres Lebens. Im Interesse ihres Lebens hoffe ich, dass das nicht stimmt.“

Alfred Gusenbauer wurde Kanzler, weil er gemeinsam mit der ÖVP eine große Koalition einging, in der sein Scheitern schon vorprogrammiert war. Gusenbauer konnte sich weder gegen den auf Blockadekurs kreuzenden Koalitionspartner durchsetzen noch gegen die Pragmatiker in der eigenen Partei, die ihn immer wieder auflaufen ließen. Seinen Freund Heller verblüffte Gusenbauer, indem er im letzten Moment vor der Bekanntgabe seines Teams eine Kulturministerin bestellte, ohne mit ihm ein Wort darüber gesprochen zu haben, und es war eine missliche Koinzidenz, dass ausgerechnet Kulturministerin Claudia Schmid Gusenbauers dezidierten Wunsch, den Sänger Neil Shicoff zum Direktor der Wiener Staatsoper zu machen, überging und den Kanzler damit auf noch nie da gewesene Weise öffentlich düpierte.

„Fast nichts von dem, was wir diskutiert hatten, ist nachhaltig gelungen“, sagt Heller über die Kanzlerschaft Gusenbauer.
„Es war einfach zu wenig Zeit.“

Gusenbauer rieb sich in partei- und koalitionsinternen Scharmützeln auf. Nach nicht einmal zwei Jahren musste er im Dezember 2008 als Kanzler zurücktreten und dem langjährigen Wiener Wohnbaustadtrat Werner Faymann Platz machen, der seinen Aufstieg vor ­allem einer ungenierten Paktpolitik mit den Boulevardmedien verdankte.

Gusenbauer wechselte in die Privatwirtschaft, und Heller nahm die Enttäuschung der vergangenen Jahre zum Anlass, der SPÖ in einem kurzen Text für die Stadtzeitung „Falter“ ein „Adieu“ nachzu­rufen. Seither herrscht zwischen der SPÖ und Heller Funkstille, auch wenn Ex-Bundeskanzler Franz Vranitzky sagt: „Ich leiste mir den Luxus, seinen Abschied von der SPÖ nicht ganz zu glauben. Wenn er die Überzeugung gewinnt, dass die richtigen Leute im Amt sind, wird er die Beziehung reaktivieren.“

Hellers Freundschaft zu Salzburgs vielversprechender Landeshauptfrau Gabi Burgstaller lässt darauf schließen, dass Vranitzky richtig liegen könnte.