Andreas Gabalier: Was kann er besser?

Andreas Gabalier wurde in Rekordzeit zum Star der volkstümlichen Musik. Er füllt die Konzerthallen und verkauft derzeit mehr CDs als ­jeder andere österreichische Musiker. Dabei weiß der Steirer selbst nicht genau, was er so viel besser kann als die Konkurrenz.

Es ist großartig, wenn das Publikum vor lauter Rührung weint. Es ist genauso gut, wenn die Leute laut mitsingen und mit Sternspritzern wacheln. Es ist immer wieder lustig, wenn manche Damen so begeistert sind, dass sie ihren BH oder das Spitzenunterhöschen auf die Bühne werfen.

All das passiert, ziemlich oft sogar. Aber im Moment passiert gerade gar nichts Erfreuliches im Leben von Andreas Gabalier. „Nie weiß man, wann das ,Ulalala‘ kommt“, mault er. „Da brauch ma an gscheiten Auftakt.“ Die Band probiert es noch einmal mit dem Auftakt, schmissiger diesmal.

Gabalier singt „Ulalala, a so a schena Tog“. Funktioniert nicht, Mist. Es ist Mittwochnachmittag vergangener Woche in Mörbisch. Auf der Seebühne wird geprobt, die Sitzreihen sind noch leer, das Konzert soll erst in fünf Stunden beginnen. Gabalier trägt Stoff-Boxershorts in Lederhosen-Optik, dazu ein T-Shirt, eine dunkle Sonnenbrille und ein Käppi. Wie sehr ihn der Soundcheck nervt, sieht man schon an seiner Haltung; Gabalier tritt nicht auf, er lümmelt auf der Bühne herum. „I bin fucking not motivated“, erklärt er den Kollegen von der Band. Nicht einmal der bewährte Gassenhauer „Bergbauernbuam“ klappt nach Wunsch. „Das war jetzt a fester Scheiß, a doppeltes Gitarrensolo“, schimpft Gaba­lier. Und gleich danach reicht es ihm: „Das ist für nix. Für nix! Schöne Pause!“

Der Mann hat offenbar einen schlechten Tag. Das kann ja heiter werden. Aber zwei Minuten später ist alles wieder in Ordnung. Gabalier lächelt, führt Schmäh mit seinem Manager, ist der freundlichste Mensch auf der Welt. Er halte bloß diese Soundchecks nicht aus, erklärt er. Eine Stunde singen und so tun, als ob, wenn man eh am selben Abend schon wieder auf die Bühne muss, das ist zu viel verlangt. Außerdem wird sich ein Star ja auch mal ein paar Launen leisten dürfen.

Andreas Gabalier ist derzeit die heißeste Ware im österreichischen Musikgeschäft. Etwas mehr als drei Jahre nach seinem ersten Fernsehauftritt hat der 27-jährige Grazer schon alle Rekorde gebrochen, die auf dem heimischen Markt zur Disposition standen. Sein Hit „I sing a Liad fia di“ ist, gemessen an den Chartplatzierungen, die erfolgreichste Single aller Zeiten und pickt seit fast 100 Wochen in der Hitparade. Gaba­lier verkaufte bisher rund 700.000 Tonträger, spielt grundsätzlich vor ausverkauften Häusern und füllte im Mai auch die Wiener Stadthalle problemlos. Für die derzeit laufende Open-Air-Runde mit dem Abschluss am Samstag in Spielberg wurden wieder 30.000 Tickets verkauft. Sogar die Deutschen können sich mit dem rockig aufgemotzten Lederhosen-Sound anfreunden: Im März wurde Gabalier der Musikpreis „Echo“ verliehen. Demnächst gibt es Platin für das Album „Herzwerk“.

Die Dimensionen seiner Popularität kann ermessen, wer in der Internetsuchmaschine Google die Buchstaben „an“ eingibt. Als einer der ersten Treffervorschläge kommt Andreas Gabalier. Angelina Jolie liegt deutlich weiter hinten. Irgendetwas muss der junge Mann sehr viel besser beherrschen oder ganz anders machen als die Konkurrenz. Nur was?

Ein paar Antworten darauf gibt es: Gabalier textet und komponiert seine Songs selbst. Das machen nur wenige Interpreten, im Volksmusik-Biotop sind es eher noch weniger. Er spielt mit seiner Band grundsätzlich live und nicht Playback. Auch das ist nicht die Regel. Er hat sich eine Aufmachung mit hohem Wiedererkennungswert verpasst: rot-weiß karierte Sonnenbrille, fett gegelte Elvis-Haartolle, kurze Lederhose, kariertes Schnäuztuch ums Handgelenk und obenrum gern mal nackt. Selbst wer die Details schaurig findet, vergisst sie nicht so schnell. Der Mikrofon-ständer auf der Bühne besteht aus Wurzelholz und ist mit einem Rehgeweih sowie diversen Stofftieren (aus der eigenen Merchandising-Kollektion) verziert. Sonderlich praktisch ist das schwere Trumm zwar nicht, aber originell. Singen kann Gabalier auch, jedenfalls besser als Hansi Hinterseer – und der lebt ja ebenfalls ganz gut davon.

Außerdem hat der Mann eine abgeschlossene Schulbildung, ist jung, nicht unattraktiv und wirkt trotz seiner Maskerade weniger synthetisch als viele Kollegen. Sogar der Name ist echt: Gabalier heißt wirklich Gaba­lier. Angeblich war der Ururahn vor etwas mehr als 200 Jahren mit den napoleonischen Truppen in die Steiermark gekommen und hier geblieben. Weil es so schön ist „bei uns dahaam“, eh klar.

Das sind, in Summe, nicht wenige Bonuspunkte. Doch den Katapultstart, den der Steirer hingelegt hat, erklärt das alles nicht hinlänglich. Im Sommer 2008 hatte Gabalier, damals Jusstudent, zwei selbst fabrizierte Songs ins ORF-Landesstudio Steiermark gebracht, im Jänner 2009 bekam er einen Vertrag mit Universal Music, sechs Monate später die erste Goldene Schallplatte. Es war, als hätte Andreas Gabalier einen extrem dringenden Bedarf gestillt, von dessen Existenz bis dahin keiner wusste. Der Letzte, dem so etwas in ähnlicher Geschwindigkeit gelang, war DJ Ötzi. Über zehn Jahre ist das her. Offenbar war die Zeit wieder reif für ein Wunder.

Gabalier sitzt auf dem schmutzig weißen Sofa in seiner Garderobe auf der Seebühne. Wie der toughe Volks-Rock’n’Roller, als der er sich sonst präsentiert, wirkt er hier nicht. Eigentlich sieht er ziemlich brav aus, manierlich, wohlerzogen. Er redet leise und kaum im Dialekt. Dass er jetzt berühmt ist, sei ihm so richtig erst bei der „Echo“-Verleihung in Berlin klar geworden, erzählt er. „Vor mir ist die Katy Perry gegangen, der rote Teppich, ein Wahnsinn. Das war so a Hollywood-Bild.“

Ganz genau weiß er selber nicht, wie ihm das gelingen konnte. „Du musst polarisieren“, vermutet er. Außerdem sei das erste Lied aus einem Gedicht für eine Frau entstanden, in die er damals sehr verliebt gewesen sei. „Das war so a ehrliches, echtes Gefühl. Ich glaub, die Leut haben das gspürt.“ Falls das stimmt, sind die Fans verständnisvoll. Denn ein paar seiner späteren Songs zielen, durchaus genretypisch, nicht aufs Herz, sondern schnurstracks auf den Hosenlatz. „Ich nickte bloß / da war sie schon auf meinem Schoß. Hand in Hand zeigt sie mir / dann die einzige Tür“, heißt es etwa im Liedchen „Meine Stewardess“, das sich – man kann es leider nicht romantischer ausdrücken – um einen Quickie auf dem Flugzeugklo dreht.

Die Musik reicht von langsamen Balladen bis zu rockigen Nummern, die den geübten Zuhörer an die Erweckungsphase der Zillertaler Schürzenjäger erinnern. Völlig neu oder gar revolutionär ist das Repertoire nicht. Alles schon mal da gewesen, auch und vor allem das Weltbild: Gabalier singt über die Schönheit des Landlebens, Frauen existieren nur in Form von „Mäderln“, Liebe hält mindestens ewig, und früher war alles besser.

Dennoch strömen bemerkenswert ­viele junge Fans zu seinen Konzerten. Da stehen sie dann in zuckerlfarbenen Fantasiedirndln und Lederhosen aus dem Internetversand, halten die Smartphones in die Höhe und trällern „I hob a Engal gsehn /üwa die Stroßn gehen / es hot so liab glocht / in ana Samstagnocht“. Die Mu­sikindustrie findet das großartig. Endlich wieder ein Hoffnungsträger. Endlich einer, der den Jungen gefällt – und nicht bloß der Generation 75 plus, die mit Hörgerät und Stützstrumpf beim „Musikantenstadl“ schunkelt. „Gabalier ist ein Glücksfall für die Branche“, sagt Franz Wolf von Universal Music Austria. „Er ist intelligent und weiß genau, was beim Publikum ankommt.“ Wolf verpflichtete den talentierten Nachwuchs seinerzeit für Universal. Auch dem erfahrenen Volksmusik-Haudegen gelingt so ein Goldgriff nicht oft. „Dass er durch die Decke geht, hätte niemand gedacht. Wenn man das planen könnte, wären wir alle Millionäre“, meint Wolf.

Klaus Bartelmuss, Manager von Gabalier und ebenfalls ein extrovertierter Steirer, wälzt schon ganz große Pläne. Er kann sich vorstellen, mit seinem Star ins nicht deutschsprachige Ausland zu expandieren. In die USA zum Beispiel, warum nicht? „Ob er auf Englisch oder auf Deutsch singt, ist egal“, glaubt er. „Ich weiß, dass die Leut in drei Minuten auf seiner Seite sind.“

Auch ein Film wäre was Feines. Keine Doku, sondern ein richtiger Spielfilm mit Andreas Gabalier in der Hauptrolle. Grenzen gibt es keine, und Bartelmuss plant am liebsten im großen Stil. Hauptberuflich ist der 52-Jährige Eigentümer eines Unternehmens der Papierzulieferindustrie. Ins Musikmanagement kam er durch Zufall: An der Schleifmaschine in seinem Betrieb arbeitete ein gewisser Nikolaus Presnik – und der wollte gern ein paar Songs einspielen. Mittlerweile ist Presnik bekannt als Schlagerstar Nik P., Komponist der herzerwärmenden Schnulze „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. Im Vergleich zu Gabalier war Presnik Schwerarbeit. „Es hat zehn Jahre gedauert, aber ich wusste, das geht irgendwann auf“, erzählt Bartelmuss.

Gabaliers Promotor, Sepp Adlmann, steht in der späten Nachmittagssonne am Neusiedler See und beobachtet den Fototermin seines Schützlings. Für Fotografen ist der junge Mann ein Heimspiel. Gabalier posiert gern vor der Kamera, und er macht bereitwillig alle Faxen, zu denen er aufgefordert wird. Adlmann schaut dem Treiben etwas besorgt zu. „Wichtig ist, dass man irgendwann ohne psychischen Schaden aus so etwas aussteigt“, sagt er. In seiner langen Karriere sah er einige kommen und gehen, die das nicht hinkriegten.

Adlmann hat selbst auch Musik gemacht. Er war Schlagzeuger und Moderator in der Knochenmühle einer Tanzkapelle, die auf Hochzeiten, Bauernkirtagen und Stadtfesten ihr Geld verdiente. Jetzt vermarktet der pummelige Steirer die erfolgreicheren Kollegen. Zur Kundschaft gehören Claudia Jung, Brunner und Brunner, die Edlseer und Andy Borg. Adlmann ist auf eine sympathische Art abgebrüht. Er redet nicht über Kunst, das ist ihm zu akademisch. Er redet über das Publikum und seine Launen. Bevor er ein unbekanntes Nachwuchstalent unter Vertrag nimmt, geht er auf ein Konzert und fragt anschließend die Zuhörer nach ihrer Meinung. Fällt in den Analysen zu oft das Wörtchen „nett“, lässt er es bleiben. „Nett geht gar nicht“, findet Adlmann, „weil nett ist der Hund von meinem Nachbarn auch.“ Als er Gabalier zum ersten Mal sah, habe er sich gedacht: „Na ja, ist was Besonderes. Vielleicht geht es auf.“ Irgendwelche Lehren für die Zukunft könne man aus dem Erfolg leider nicht ziehen: „Was bei ihm gut funktioniert, kann bei einem anderen der Grund sein, warum es nicht funktioniert. Man weiß nie, wieso es gerade läuft.“

Andreas Gabalier hätte die ganz normale Biografie eines ganz normalen jungen Mannes aus dem Grazer Mittelstand: der Vater Architekt, die Mutter Lehrerin, drei Geschwister, er selbst besuchte die HTL. Doch in der Familie gab es eine Tragödie, die das normale Leben zertrümmerte. Vor sechs Jahren beging der Vater Selbstmord, noch dazu auf eine besonders schreckliche Weise: Er hatte sich mit Benzin übergossen und angezündet. Ohne Abschiedsbrief, ohne Erklärung. Die ganze Familie stand unter Schock, doch am schwersten traf es die kleine Schwester. Zwei Jahre später beging auch sie Selbstmord, wieder mit Benzin.

Andreas Gabalier trägt diese Geschichte nicht offensiv vor sich her, aber er machte auch nie ein Geheimnis daraus. „So was lässt sich eh nicht verheimlichen“, meint er. Das Lied „Amoi seg ma uns wieder“ ist dem Vater und der Schwester gewidmet und kommt bei jedem Konzert. Gabalier sagt, er habe irgendwann beschlossen, sich davon nicht sein Leben kaputt machen zu lassen. Es sollte „nicht die Headline für alles“ werden, was er tut. Doch nach den bizarren Gesetzen des Showgeschäfts ist das private Drama genauso Teil des Erfolgs wie der laszive Hüftschwung und die tiefe, raue Stimme. Das Publikum schätzt Helden mit tragischer Geschichte.

Schließlich hat man selber auch Sorgen, und es tröstet, wenn der Star auf der Bühne noch Schlimmeres erlebt hat. Die Journalisten wiederum haben ein Thema, über das sie sich den Kopf zerbrechen können. „Er hat etwas, das man Tiefe nennen könnte, etwas Existenzielles, das manchmal durchschimmert, in Blicken und im Klang“, analysierte vor Kurzem etwa das deutsche Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. So feinfühlig geht es in der Berichterstattung über das Humtata-Gewerbe sonst nicht zu.

Auf der Seebühne wird es langsam dunkel. Andreas Gabalier hat die Fake-Lederhose mittlerweile gegen eine richtige getauscht, die Tolle sitzt, das Schnäuztuch ist auf seinem Platz am Handgelenk. Aber er muss noch warten, vor ihm sind die „Seer“ dran. Oft besteht auch das Leben eines Stars nur darin, die Zeit totzuschlagen. Gabalier macht ein paar Klimmzüge am Bühnengerüst. Aus den Stöpseln im Ohr kommt dazu „Old Time Rock ’n’ Roll“ von Bob Seger. Das werde heute nicht sein bester Abend, befürchtet er: „Die Bühne ist zu weit weg vom Publikum. Und die Leut sitzen, das is schlecht. Es is besser, wenn sie stehn.“ Vielleicht werde er ein, zwei Songs weglassen, wenn es ihn nicht mehr freuen sollte, kündigt er an.

Aber dann gewinnt doch die Rampensau in ihm. „Wo san denn meine Madln? Wer von eich braucht heit an feschn Buam?“, ruft er in die Menge. Statt der geplanten eineinhalb dauert das Konzert volle zwei Stunden. Und gegen Ende läuft alles so, wie es sich gehört: Gabalier bringt seine Hits „I sing a Liad fia di“, „So liab hob i di“ und „Sweet little Rehlein“, die Leute stehen auf und drängen nach vorn. Irgendwann fliegt auch der erste BH, violett mit schwarzen Spitzen, ansprechende Körbchengröße. Feuerzeuge, Sternspritzer und Handys leuchten im Dunkeln, und alle singen mit.
Es funktioniert. Und es ist völlig egal, warum.

Fotos: Philipp Horak für profil