Anschlag auf Flughafen Wien-Schwechat: der Preis des Terrors

Anschlag auf Flughafen Wien-Schwechat: der Preis des Terrors

Mehr als 27 Jahre nach den Anschlägen in Wien und Rom werden von Syrien 18,5 Milliarden Dollar Schadenersatz gefordert. Warum wurde Österreich damals zur Zielscheibe und welche Rolle spielte Damaskus? Eine profil-Spurensuche.

Von Thomas Riegler

Ein „Summen“ hörte Eleonora R. als Erstes. Dann sah sie, wie ein „Gegenstand“, der wie ein „kleiner Hartgummiball“ aussah, auf sie zurollte. Es war eine entsicherte Handgranate. Diese detonierte mit ohrenbetäubendem Krach vor dem Check-in der El Al am Flughafen Wien-Schwechat. Es war der 27. Dezember 1985: Drei Menschen starben, 39 wurden beim Angriff von drei palästinensischen Terroristen der Abu-Nidal-Organisation (ANO) verletzt. Nur das beherzte Eingreifen von israelischen Sicherheitsleuten und das Abwehrfeuer der Polizei verhinderten ein noch größeres Blutbad. Fast zeitgleich schlug die ANO auch am römischen Flughafen Fiumicino zu. Obwohl die Schießerei nur 15 Sekunden dauerte, wurden 16 Menschen getötet und 76 verletzt.

Nun hat ein Gericht im US-Bundesstaat Washington den Opfern von Schwechat und Fiumicino eine Rekord-Entschädigungssumme von 18,5 Milliarden Dollar zugesprochen. Jeder der 25 Kläger, die entweder selbst verletzt wurden oder einen Angehörigen verloren haben, würde somit annähernd 750 Millionen Dollar erhalten – und zwar von Syrien. Das Gericht sah es nämlich als erwiesen an, dass die ANO von Damaskus direkt und finanziell unterstützt wurde. Ob die Forderungen auch einbringbar sind, ist freilich offen. Die diplomatischen Beziehungen zwischen Washington und dem Regime von Bashar al-Assad liegen derzeit auf Eis. „Angesichts der bürgerkriegsähnlichen Zustände in Syrien wird es schwer, das Geld einzutreiben“, meinte der erfolgreiche Anwalt Ron Jenkins. „Aber ich habe schon Konten außerhalb des Landes im Visier.“

Kreiskys Nahostpolitik
Die Suche nach den Motiven für den Terror gegen Österreich führt zur Nahostpolitik von Bruno Kreisky in den 1970er- und 1980er-Jahren. Das geht aus Dokumenten hervor, die profil exklusiv vorliegen – Geheimdienstunterlagen, diplomatische Berichte und Tagebuchaufzeichnungen. Kreisky hatte Kontakte zu PLO-Führer Jassir Arafat geknüpft, was den Unmut der damals wichtigsten Regionalmacht im Nahen Osten – Syrien – weckte. Hafez al-Assad, der Vater des heutigen Machthabers, trachtete, alle arabischen „Variablen“ im Nahostkonflikt zu kontrollieren. Umso feindlicher reagierte er auf den zunehmend selbstständigen Kurs Arafats. Österreichs Rolle als „Brückenbauer“ für die PLO in den Westen war Assad ein Dorn im Auge. „Es besteht kein Zweifel, dass die österreichischen Beziehungen zur PLO von der syrischen Führung mit Argwohn betrachtet werden“, meldete Franz Parak, Botschafter in Damaskus, nach Wien.

Um diese ausländische „Einmischung“ abzuschrecken, bediente sich Assad eines berüchtigten Terrorsöldners: Abu Nidal („Vater des Kampfes“) hatte 1974 mit Arafat gebrochen und seine eigene Gruppe gegründet. Diese wurde abwechselnd vom Irak, Syrien und Libyen protegiert. Im Gegenzug führte Abu Nidal Auftragsarbeiten für die Geheimdienste dieser Regime durch. 1981 meldete die CIA, dass die Syrer Abu Nidal zu terroristischen Operationen aufwiegeln, um Arafat und seine ­Politik zu „diskreditieren“: „Sie sind entschlossen, die PLO unter syrische Kontrolle zu bringen.“ Auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs kam die immer gut informierte DDR-Stasi zu einem ähnlichen Schluss: „Alle Aktivitäten Abu Nidals richten sich gegenwärtig gegen die Initiativen einiger europäischer Länder zur Lösung der Palästina-Frage. Es wird zum Ausdruck gebracht, dass Syrien nicht an einer Lösung des Palästina-Problems bzw. am Abschluss eines Friedensvertrages, in dem es keine führende Rolle einnimmt, interessiert ist. Aus diesem Grund erfolgt auch durch Syrien die Unterstützung Abu Nidals.“

Am 1. Mai 1981 schlugen die Terroristen erstmals in Österreich zu: Der Wiener Verkehrsstadtrat Heinz Nittel wurde vor seinem Wohnhaus erschossen. Wer dabei politisch die Fäden gezogen hatte, darüber war man sich innerhalb der Regierung Kreisky rasch im Klaren. Am 16. Juni 1981 informierte Innenminister Erwin Lanc: „Es ist jetzt eindeutig erwiesen, dass es sich um die Terrorgruppe Abu Nidal (…) handelt. Operationssitz und die Unterstützung finanzieller Art erfolgt jetzt in Syrien. (…) Darauf wurde in Syrien interveniert, die Syrer erklärten, wegen der guten Zusammenarbeit mit Österreich werden sie dieses Büro schließen und die Terroristen ausweisen. Dies stimmt aber nicht. Neuerdings wird das Außenamt in Syrien vorstellig werden.“ Handelsminister Josef Staribacher, der für sein Tagebuch mitprotokollierte, hielt fest, dass Kreisky persönlich gefährdet war – ebenso wie der ­jüdische Industrielle Karl Kahane, der Kontakte zwischen israelischen Friedensaktivisten und Palästinensern knüpfte.

Ungeachtet der erwähnten diplomatischen Vorstöße Österreichs ging der Terror weiter: Am 29. August 1981 überfielen zwei ANO-Terroristen die Wiener Synagoge in der Seitenstettengasse. Zwei Menschen wurden getötet, 21 teils schwer verletzt. Das nahostpolitische Engagement Kreiskys wurde durch den Terror empfindlich getroffen und verlor den Rückhalt in der Bevölkerung. 1983 wurde zudem Issam Sartawi, das wichtigste „Relais“ zwischen Kreisky und Arafat, von der ANO ermordet.

„Direkte Unterstützung“
Den letzten Akt des Dramas bildeten die Flughafenattentate – auch hier spielte Syrien eine Schlüsselrolle: Das Terrorkommando fand zwei Wochen vor der Abreise nach Europa im syrisch kontrollierten Teil des Libanon zusammen. Dort befanden sich im Bekaa-Tal Ausbildungslager. Anwalt Jenkins, der die Entschädigung erstritten hat: „Die Terroristen wurden in Camps mit regulären syrischen Streitkräften ausgebildet, erhielten Unterschlupf in Damaskus und hätten weder kommen noch gehen können ohne das Wissen und die Erlaubnis der syrischen Regierung.“ Ohne deren „direkte Unterstützung“ – 700.000 Dollar jährlich sowie Unterkünfte und Transport – hätte die ANO die Anschläge nicht verüben können, urteilte Richter John Facciola. Der eigentliche Drahtzieher sei General Mohammed al-Kuhli, Chef des allmächtigen Geheimdiensts der Luftwaffe, gewesen.

Kreisky war zwar 1985 seit zwei Jahren nicht mehr im Amt, allerdings hatte die ANO mit der Wiener Regierung eine Rechnung offen: 1981 war ein Führungsoffizier festgenommen worden, und die Gruppe wollte ihn freipressen, was aber nicht gelang.

Ebenso wenig sollte sich der Traum von „Großsyrien“ erfüllen: Assad gelang es weder Arafat zu entmachten, noch die Kontrolle über das Bürgerkriegsland Libanon zu erringen. Der Druck der USA wurde schließlich so stark, dass Assad 1987 seine Unterstützung für Abu Nidal einstellte. Die ethnisch-religiösen Konflikte, die Syrien heute in ein Schlachtfeld verwandelt haben, gab es freilich schon damals, allerdings wurden sie noch von Assads eiserner Hand niedergehalten. „Der Preis, der hierfür zu zahlen ist, sind Polizeiregime und Leibwächter, die jeder einigermaßen bedeutende Funktionär, von Spitzenpolitikern ganz zu schweigen, dauernd mit sich führt“, bemerkte 1981 Botschafter Parak. Es sei „unheimlich für Europäer“, „wie man hier die Terrorszene als Realität des täglichen Lebens hinnimmt“. Ein anderes Mal schrieb Parak an Kreisky: „Das Menschenleben zählt in dieser Gegend nichts. Anschläge sind an der Tagesordnung …“ Er riet dem Kanzler eindringlich, „dass man es unter allen Umständen vermeiden sollte, sich allzu sehr für innerarabische und innerpalästinensische Angelegenheiten einspannen zu lassen und Kastanien aus dem Feuer zu holen, die oft Hiesigen zu heiß sind“.

Infobox
Mit Zins und Zinseszins
Juristisches Tauziehen um Dollar-Millionen aus dem Besitz der ANO, die in Wien gebunkert sind.

Acht Millionen Dollar aus dem Umfeld von Abu Nidals Terrororganisation ANO, die seit 1982 auf einem Konto der UniCredit Bank Austria liegen: Um diese ansehnliche Geldsumme herrscht seit Jahren ein Tauziehen vor österreichischen Gerichten. Halima al-Mughrabi, die Ehefrau des früheren Finanzchefs der Terrorgruppe, reklamiert das Geld für sich, die Staatsanwaltschaft will es einziehen. Von al-Mughrabi, die sich in Libyen aufhalten soll, gibt es seit geraumer Zeit zwar kein Lebenszeichen mehr. Ihr Anwalt Farid Rifaat hat es jedoch geschafft, sämtliche Privatbeteiligten – neben fünf bei ANO-Anschlägen zu Schaden gekommenen Personen auch die Republik Österreich – aus dem Verfahren ausschließen zu lassen. Dagegen setzt sich jetzt Rechtsanwalt Ernst Ortenburger, der eines der Opfer von Abu Nidal vertritt, zur Wehr: Er erhofft sich von Justizministerin Beatrix Karl (ÖVP) eine Weisung an die Staatsanwaltschaft, alles zu unternehmen, um die Auszahlung der Millionen an al-Mughrabi zu unterbinden: „Ich befürchte, dass mit dem Ausschluss der Privatbeteiligten jede mediale Berichterstattung über den Ausgang des Verfahrens verhindert werden soll. Scheinbar will man den Betrag freigeben – trotz der Feststellung des Oberlandesgerichts Wien, dass es sich dabei um Gelder handelt, die der ANO gehörten.“ Ob die Terrororganisation noch existiert, ist umstritten. Ex-Mitglieder sind aber wohl noch am Leben. Gibt Österreich das Geld frei, dürfen sie sich freuen: Die ursprünglich acht Millionen sind mit Zinsen und Zinseszinsen in den vergangenen 30 Jahren auf mehr als 20 Millionen angewachsen.