"Anteil der Gestörten nicht größer"

Der deutsche Verkehrsexperte Hans-Peter Krüger über Spaß am Rasen und die Freiheit des Menschen auf der Autobahn.


profil: Warum ist Speed so geil?
Krüger: Geschwindigkeit macht vielen einfach Spaß, ist aber sicher kein Urtrieb des Menschen. Andere haben schlicht Angst davor. Die Beherrschung der Umgebung ist gewiss eine Triebfeder im Menschen. Da gehört das Auto dazu.
profil: Ist Rasen ein spezifisches Verhalten von jungen Männern?
Krüger: Also mit jung wäre ich vorsichtig: Auch die älteren fahren immer schneller. In ihrem Verhalten sind junge Männer stärker außenorientiert und suchen eher die Gefahr. Das gehört zum männlichen Erwachsenwerden dazu.
profil: In Deutschland wird Schnellfahren oft unter dem Motto "Freie Fahrt für freie Bürger" diskutiert. Ist Rasen denn ein liberales Bürgerrecht?
Krüger: Dieses Leitprinzip ist genauso bescheuert wie das Argument, wenn alle Tempo 80 einhielten, dann hätten wir keine Unfälle mehr. Die Frage ist, können Leute vernünftig mit Geschwindigkeit umgehen? Es gibt Situationen, wo hohes Tempo überhaupt kein Problem darstellt.
profil: Aber können Menschen mit Selbstbeschränkungen umgehen?
Krüger: Großteils ja. Es sind nur wenige, die Freiheiten unvernünftig ausnutzen. Mit Kontrollen werden wir sicher nicht alle zu einem vernünftigen Fahrstil bringen. Statt reiner Obrigkeitsstaatlichkeit wäre Flexibilität angesagt: Regelungen, die an die Verkehrssituation angepasst sind. Es findet etwa nicht immer um 17.00 Uhr ein Megastau statt. Habe ich intelligente Konzepte, dann werden die Menschen auch Limits einsehen. Ich kann nicht Verantwortung verlangen, wenn ich diese andauernd beschneide.
profil: Die Illustrierte "Stern" titelte vorvergangene Woche "Tatort Autobahn. Rasen, Drängen, Pöbeln: Warum es immer schlimmer wird". Ist das so?
Krüger: Der Anteil der Gestörten ist nicht größer geworden. Wir haben nur mehr Verkehr. Umso mehr müssen wir versuchen, diese kleine Gruppe aus dem Verkehr zu bringen º
profil: º also doch mit härteren Strafen und Kontrollen?
Krüger: So, dass es die Mehrheit nicht unverhältnismä ßig einschränkt.
profil: Wenn nicht mit flächendeckenden Kontrollen, wie dann?
Krüger: Wo starker Verkehr eintritt, muss man tatsächlich eingreifen. Mit Tempolimits, Überholverboten für Lkws und Ähnlichem. Voraussetzung ist ein flexibles Verkehrsleitsystem: Wer dann noch dagegen verstößt, den träfe staatliche Repression.
profil: Viele Automarken werben mit Sprüchen, die das Schnellfahren geradezu propagieren. Wäre es nicht ein Ansatz, schnelle Fahrzeugmodelle gar nicht erst zuzulassen?
Krüger: Das ist eine vertrackte Diskussion. Wann wird eine Geschwindigkeit unvernünftig? Viele sagen, 180 km/h sei so eine Grenze. Warum dann nicht 190? Man darf die Geschwindigkeitsdiskussion nicht so isoliert führen. Es geht auch um die Fähigkeit des Fahrers. Wenn ein Anfänger 150 km/h fährt, dann wird einem doch angst und bang.
profil: Schnellfahren hat ja auch noch andere Aspekte wie Umwelt- und Lärmbelastung. Wie denken Sie darüber?
Krüger: Das ist ein ganz gewichtiges Argument, das nur politisch zu entscheiden ist. Wenn gewollt ist, dass die Umweltbelastung sinkt, dann muss ich niedrigere Tempolimits einführen. Punkt, aus.