Apple-Chef plant ein spektakuläres Konzernhauptquartier

Apple-Chef Steve Jobs plant ein spektakuläres Konzernhauptquartier. Alexander Bartl hegt Zweifel an dessen Umsetzbarkeit.

Beim Design von Unternehmenszentralen geht es längst nicht nur darum, möglichst viele Büroräume möglichst kostensparend übereinanderzustapeln. Weltkonzerne wollen mit neuen Hauptquartieren vor allem Denkmäler in eigener Sache errichten. Der Markenkern soll nach außen strahlen, gern bombastisch, im besten Fall ist die gemauerte Visitenkarte sogar architektonisch interessant. Doch kaum eine Residenz reicht an die Pläne für das künftige Domizil von Apple heran, die Firmenchef Steve Jobs vergangene Woche enthüllte. Es passt zum unberechenbaren Naturell des Hightech-Tycoons, dass er sein Projekt nicht im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit vorstellte, sondern im holzgetäfelten Ambiente einer Polit-Kleinbühne: Vor dem Stadtrat der kalifornischen Kleinstadt Cupertino, dem Sitz von Apple im Silicon Valley, präsentierte er Entwürfe für einen gigantischen Glasring, gesäumt von Hunderten Marillenbäumen. Mindestens 12.000 Mitarbeiter auf vier Ebenen will Jobs ab 2015 in dem Neubau unterbringen, "dem besten Bürohaus der Welt“, wie er prophezeit. Gewiss wird es eines der imposantesten, denn von seiner Ausdehnung her entspricht das Gebäude dem Pentagon in Washington, dessen Außenwände jeweils 280 Meter messen. Als Geheimniskrämer vom Dienst verschwieg der Apple-Boss allerdings den Namen des Architekten. Vieles deutet auf Norman Foster hin, was bislang aber weder Apple noch Foster offiziell bestätigen wollten.

Nicht zufällig bezeichnet Jobs das Gebäude im Science-Fiction-Jargon als "Mutterschiff“ für den Unternehmenscampus. Als Referenzwerke kommen einem Wernher von Brauns Modell einer ringförmigen Weltraumstation von 1952 in den Sinn oder die Pirouetten drehenden Zwillingsräder der "Space Station V“ aus Stanley Kubricks Sixties-Klassiker "2001: Odyssee im Weltraum“. Mit dem Neubau katapultiert sich Apple dorthin, wo Marktbeobachter das Unternehmen ohnehin längst wähnen: in überirdische Sphären, was erstens die Innovationskraft und zweitens den Profit betrifft. Wer allerdings die Kirche im Dorf lässt und den Apple-Ring dort, wo er gebaut wird, nämlich auf der Erde, der muss sich fragen, was das Bauwerk über die Ideale des Unternehmens verrät.

Sein Faible für Kurven beweist Jobs zwar mit jedem neuen Produkt, das die Fabrik gewohnt eckenlos verlässt. Doch der kreisrunde Grundriss ist ein Novum. Nach iPhone und iPad serviert der Konzern nun also eine Art iBagel, zum monumentalen Wahrzeichen aufgebacken. Schon 1961 schrieb IBM mit gekrümmten Fassaden Design-Geschichte: Der legendäre Eero Saarinen entwarf ein Forschungszentrum, dessen Glasfront so aussah, als hätte sie der Planer im Windkanal geformt. Graziös bog sich das Gebäude um sein Inneres, doch erst bei Apple wird Firmenarchitektur zur kreisrunden Sache.

Computersimulierten Häusern zu huldigen ist riskant, denn oft bleibt das Spektakuläre und Außergewöhnliche bei der Umsetzung auf der Strecke: Mal gerät eine Fassade langweiliger als geplant, mal wird aus Kostengründen eine faszinierende Dachlandschaft flach geklopft. Wenn jemand Durchhaltevermögen und Budget hat, seine Vision zu verwirklichen, dann ist das zwar Steve Jobs. Eines allerdings befremdet: Das Apple-Hauptquartier soll so groß werden, dass man sämtliche Bewohner eines Stadtteils in das Gebäude umsiedeln könnte - doch nirgendwo sind Parkplätze oder Bahntrassen zu sehen. Die Garage werde im Erdboden versenkt, heißt es. Wenn dem so sein sollte, dürfte der jungfräuliche Marillenhain um ein paar mehrspurige Asphaltbänder ergänzt werden, wenn die Mitarbeiter pünktlich im Büro erscheinen sollen.

Noch etwas wirkt sonderbar:
Jobs rühmt das Hauptquartier einerseits als ökologisch vorbildlich, hat sich aber andererseits für einen Entwurf entschieden, der das Gegenteil nahelegt: Während Metropolen heute verdichtete Strukturen anstreben, während weltweit auf kleinen Flächen ein Maximum an Raumgewinn erzielt werden soll, um die Umwelt zu schonen, wächst der Apple-Campus in die Breite, als wäre die Landschaft nichts wert, wenn neben den Bäumen keine Hausfassade aufragt. Zudem fordert das Hauptquartier von gebauten Nachbarn einen Respektabstand ein. Denn ein an den Glasring geklatschter Erweiterungsbau würde die Symmetrie ruinieren und das Wahrzeichen beschämen.

Noch wurde kein Quadratmeter Boden versiegelt, noch gibt es den Bau nur in der Simulation. Vielleicht ist das ja der Idealzustand. Apple liefert damit in bewährter Manier den Stoff, aus dem Wunschträume sind - bevor die kreisrunde Vision in der kantigen Wirklichkeit womöglich noch Dellen bekommt.