Apps for Good: Schule für das Leben

Tausende britische Schüler entwickeln mit Apps for Good Applikationen, die den Umgang mit der digitalen Welt erleichtern und jungen Leuten helfen, Alltagsprobleme zu meistern. Nun soll das erfolgreiche Programm weltweit verbreitet werden.

Von Alfred Bankhamer

"Versprochen ist schnell gebrochen!" Eine bittere Erkenntnis, die sicher jeder schon einmal machen musste. Besonders ärgerten die Schüler Francis, John, Kordaine, Luke und Sellou von der St. Matthew Academy in Blackheath, London, die zahlreichen Gelöbnisse der Eltern, die allzu schnell in Vergessenheit gerieten. Das weitverbreitete Problem brachte sie auf eine Idee: Warum nicht einfach eine App entwickeln, die schnell dahingesagte Versprechen ins Smartphone meißelt? Und als Draufgabe könnte mit diesem Service vielleicht sogar ein Geschäft gemacht werden.

Mit dem ursprünglich in den Favelas von Rio de Janeiro entstandenen Basiskonzept für Apps for Good gelang es im Jahr 2010 den 13-bis 14-jährigen Jungs aus Großbritannien, mit ihrer Applikation "Promise Keeper" nicht nur beim "Apps for Good Award 2012" in London den Sieg in der Kategorie Community zu erringen, sondern ihr Produkt auch gleich auf den Markt zu bringen. Dieses kann nun vom Google Play Store auf Android-Handys heruntergeladen werden. Die App verspricht sogar, dass sich die Kommunikation mit den Eltern nachhaltig verbessern würde. So haben die innovativen Schüler den Alltag vieler ihrer Altersgenossen vielleicht ein wenig heimeliger gemacht.

Die Welt ein bisschen besser zu machen - genau das ist das primäre Ziel der Non-Profit-Organisation CDI Apps for Good, die im März 2010 den ersten Pilotkurs mit neun Studenten gestartet hat. "Wir wollen den Weg, wie Technologie in Schulen gelernt wird, verändern", erklärt dazu der Brasilianer Rodrigo Baggio, Gründer der vielfach ausgezeichneten Organisation CDI Global (Centre for Digital Inclusion), die das Programm Apps for Good ermöglicht hat. Mit seiner viel beachteten Initiative wurde Baggio auch zum Ashoka Fellow gekürt (Ashoka versammelt und verknüpft in seinem weltweiten Netzwerk Sozialunternehmen und -initiativen und hat auch in Österreich eine Repräsentanz). Baggios Ziel ist nach wie vor, dass Schüler mit unterschiedlichem sozialem Hintergrund die Möglichkeiten des digitalen Zeitalters begreifen und zugleich selbst Lösungen für ihre Alltagsprobleme schaffen können. Seine Idee hat sich mittlerweile auf Weltreise begeben.

Im September 2013 werden schon über 20.000 Schüler in 400 Schulen in Großbritannien am Apps-for-Good-Programm teilnehmen. Hauptzielgruppe sind dabei Schüler aus sozial schwierigeren Verhältnissen, wobei das Programm längst auch für Privatschulen Anreize bietet. Denn soziale Unterschiede spielen bei diesem App-Projekt keine Rolle. Letztlich zählt allein die Qualität des Produkts.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Applikationen von Jugendlichen für Jugendliche, die primär darauf abzielen, das Leben in der eigenen Community zu verbessern. Auffallend oft engagieren sich dabei Mädchen. So haben Schülerinnen mit bengalischem Migrationshintergrund an der Central Foundation School for Girls beispielsweise mit "Transit" ein einfach zu bedienendes Programm entwickelt, damit sich Lehrer auch mit Eltern, die kaum Englisch sprechen, unterhalten können: Vorbereitete Phrasen zu Themen wie Hausaufgaben, Benehmen oder Fortschritte in der Klasse können ausgewählt werden. Das Handy spricht diese dann in der gewünschten Sprache langsam vor. Ein Mädchenteam der Reading Girls School hat wiederum mit "RMBme" eine App entwickelt, die mit Bildern und Tönen das Gedächtnis unterstützt, damit alle Termine und mögliche Vorhaben nicht vergessen werden. Ein anderes Mädchenteam will mit "WeatherBirds" Pflanzen je nach Wetterprognose optimal pflegen und zugleich Gartentipps liefern.

Mit einem völlig anderen Metier beschäftigten sich drei Jugendliche, die in einem Apps-for-Good-Kurs in der Schulungsorganisation High Trees Community Development Trust die App "Stop and Search UK" entwickelten. In manchen Gegenden Londons kommen Polizeikontrollen bei Jugendlichen sehr häufig vor, besonders seit den Unruhen in England im Jahr 2011. In den Augen der Jugendlichen mangelt es bei den Durchsuchungen öfter an Respekt und einer Begründung für die Kontrolle. Mit "Stop and Search UK" werden den Angehaltenen nicht nur ihre Rechte aufgezeigt. Die App ermöglicht auch, Erfahrungen anonym zu veröffentlichen.

Beliebt sind freilich auch Apps, die generell Informationen zum Schüler-und Studentenleben geben oder die Wege innerhalb der oft weitläufigen Schulgelände zeigen, damit man rechtzeitig beim Unterricht ist. Die Schüler und Lehrer sind vom Programm begeistert. Wirklich etwas Sinnvolles zu schaffen, steigere die Motivation beträchtlich - so die allgemeine Erfahrung der Betroffenen.

Begonnen hat alles in den Favelas von Rio de Janeiro mit einem Computerkurs, den CDI-Gründer Rodrigo Baggio 1995 organisiert hat, um benachteiligten Gruppen neue Chancen zu bieten (siehe Kasten). Daraus entstand die Non-Profit-Organisation Committee for Democracy in Information Technology (heute CDI), die rasch wuchs und auch in Europa Fuß fasste. Im Jahr 2009 stieß die heutige CDI-Apps-for-Good--Geschäftsführerin Iris Lapinski dazu, die zuvor als Analystin, Unternehmens-und Strategieberaterin in der ITK-Branche gearbeitet hatte, um für die Idee, Jugendliche Apps programmieren zu lassen, eine Machbarkeitsstudie zu erstellen. "Wir haben zuerst geglaubt, damit vor allem arbeitslose Jugendliche erreichen zu können", erklärt Lapinski. "Dann hat sich aber gezeigt, dass der wirkliche Markt an den Schulen ist." Denn es war schwierig, an die Arbeitslosen heranzukommen, obwohl durchaus eine große Anzahl im Kurs gehalten werden konnte. Glücklicherweise interessierte sich eine Schule für das Programm und Apps for Good breitete sich in Folge rasend schnell aus. "Unser Ziel ist es, mit September 2014 in Großbritannien 50.000 Schüler zu betreuen", so Lapinski. Zugleich hat die Internationalisierung des Programmes begonnen -als "Open Source Produkt", dessen Inhalte jeder gratis nützen kann. "User aus über 90 Ländern haben schon auf unsere Homepage zugegriffen", berichtet Lapinski nicht ohne Stolz. Wer das Programm wirklich nutzt, bleibt meist unbekannt. "Wir freuen uns freilich über Feedback, erforderlich ist es aber nicht", so Lapinski. Zumindest in einem halben Dutzend Schulen in den USA wird das Programm schon angewandt sowie im Rahmen von Projekten in Frankreich, der Türkei oder Nigeria.

Als nächster wichtiger Schritt zur Internationalisierung findet ab 11. Juni in London eine große Konferenz für alle Interessierten mit zahlreichen Seminaren statt. Aus ihrem Heimatland - Iris Lapinski ist in Deutschland geboren und aufgewachsen - gab es noch keine Anfrage. "Deutschland ist noch nicht reif für solche Ideen, alles Digitale wird hier stark unterbewertet", kritisiert sie. Diese Beobachtung dürfte wohl generell für den deutschsprachigen Raum zutreffen. In Österreich wird derzeit eher daran gedacht, Handys ganz aus der Schule zu verbannen. Die Diskussion hierzulande erinnert an die Zeiten, als Taschenrechner in die Schulen Einzug gefunden haben. Ein weiteres Hindernis ist freilich, dass Schüler mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Verhältnissen oft die eigene Sprache schlecht beherrschen. Die Welt der IT und des Programmierens erfordert aber zusätzlich Englischkenntnisse. Probleme wie dieses sind unter anderem durchaus Thema auf der Konferenz.

Finanziert wird Apps for Good durch eine Stiftung sowie Sponsoren aus der ITund Finanzbranche, die freilich auch Interesse daran haben, dass die digitale Alphabetisierung und digitales Unternehmertum rascher voranschreiten als bisher und gut ausgebildeter Nachwuchs folgt.

Wie konnte sich das Programm überhaupt ausbreiten? In England wie auch bei uns gibt es zwar Fächer wie EDV oder ICT (Information and Communication Technology), aber "dort wurden meist nur Sachen wie Word oder PowerPoint gelehrt, was für Schüler extrem langweilig war", meint Lapinski. Druck kam auch von engagierten Lehrern, die keine schlafenden Schüler im Unterricht sehen wollten. Zugleich forderten in England Bildungs-, Industrieorganisationen sowie renommierten IT-Größen, dass Grundzüge des Programmierens in den ICT-Unterricht aufgenommen werden, damit mit den digitalen Medien hinkünftig auch Neues geschaffen werden könne. Nach heißen Diskussionen wurde der bestehende IT-Lehrplan in England mit September 2012 aufgehoben. Dadurch wurde ermöglicht, dass das Apps-for-Good-Programm auch im Regelunterricht stattfinden konnte. "Bisher waren wir nur im freiwilligen Nachmittagsunterricht vertreten, jetzt finden schon über 70 Prozent des Programms im Regelunterricht statt", zeigt sich Lapinski erfreut.

In den 40-bis 60-stündigen Apps-for-Good-Kursen entwickeln Schüler und Schülerteams ihre eigenen kleinen Hilfsprogramme. Von der Erkundung der Möglichkeiten mobiler Apps sowie der allgemeinen Problemfelder im Umfeld (inklusive Interviews mit Betroffenen) über das Lösungsdesign samt Umsetzungsstrategie bis hin zum Produktdesign werden alle wichtigen Schritte durchgeführt, um schließlich einen Prototypen zu programmieren und zu testen. Dabei helfen auch Experten aus der Praxis, die ihre Dienste gratis anbieten, wie auch die Lehrer in den Zusatzstunden. In den Kursen wird also schlicht all das interaktiv und erlernt, was sonst in kaum einer Schule oder Universität auf dem Programm steht. Außerdem entsteht die Motivation, in der eigenen Umgebung etwas bewirken zu können. Dass die Schüler neben dem Umgang mit digitalen Medien zugleich viele wertvolle Erfahrungen fürs Leben sammeln können -etwa das Zusammenarbeiten in Teams, das systematische Lösen von Problemen oder die Planung und Umsetzung von Vorhaben bis hin zur Präsentation ihrer Apps vor möglichen Investoren und Partnern -, ist wohl der wichtigste Nebeneffekt. "Apps for Good hilft Schülern, das Business wirklich vom Beginn an - von der Produktdefinition über die Markterforschung bis hin zur Ideenpräsentation - zu erlernen", meint Stephen Davies, Manager bei Dell, der das Programm als einer der Industriepartner begleitet. "Selbst Dinge, wie die Ausmusterung von unterdurchschnittlichen Teammitgliedern und das Anwerben neuer konnte ich beobachten", so Davies. Meistens können im Team auch weniger engagierte Schüler zur Mitarbeit motiviert werden. "Sehr gute Schüler übernehmen die Teamführung, während oft die unauffälligen, durchschnittlichen Schüler besonders gute Ergebnisse liefern",so Lapinski.

Am Ende des Kurses steht ein nationaler Wettbewerb, bei dem die Apps in den Kategorien "Power to do More", "Connected Communities", "Keep Moving", "Our World", "Saving, Spending and Giving" und "Learning and Information" ausgezeichnet werden. Hinter jedem Preis steht ein großer Sponsor, der dafür sorgt, dass die App publiziert wird. Bisher konnten die Apps ein paar Hundert bis zu rund 10.000 Downloads erreichen. Viele sind nur für die eigene regionale Community konzipiert. "Noch können wir nicht mit Millionen von Downloads aufwarten",sagt Lapinski und zeigt sich optimistisch: "Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis sich dies ändert." In China soll eine ähnliche App wie der "Promise Keeper" schon einige Millionen Downloads erreicht haben.

Der große "Apps-for-Good-Award" findet heuer am 11. Juni in einer hippen Location in London statt. Hundert ausgewählte Teen-Teams werden mit ihren Ideen vor großem Publikum antreten und versuchen, eine Jury aus Industrie und Wirtschaft zu überzeugen, die präsentierten Prototypen so weit zu unterstützen, dass diese bald auch Marktreife erreichen können.