Arafats kaputtes Erbe

Mit hinter dem Rücken gekreuzten Fingern lässt sich kein Staat machen.

Pessimisten können den Tod Jassir Arafats zum Anlass nehmen, sich das Inferno auszumalen: chaotische Nachfolgekämpfe, aus denen rivalisierende Warlords der Hamas als Sieger hervorgehen, die ihre Herrschaft über das restlos verarmte palästinensische Volk rechtfertigen, indem sie sich gegenseitig in Anschlägen gegen Israel überbieten. Worauf Israels Armee die letzte Rücksicht fallen lässt und zu „ungezieltem“ Niedermetzeln übergeht.
Alles, was wir in den letzten Jahren schon hatten, zum Quadrat.

Ich versuche ein Optimist zu sein und stattdessen zu hoffen, dass mit Arafat eben diese Politik zu Grabe getragen wird. Dass endlich ein vernünftiger politischer Führer aus Arafats Schatten tritt und in die Lage versetzt wird, Verhandlungserfolge mit Israel vorzuweisen. Dass das Volk ihm, anstelle der Hamas, Vertrauen schenkt, weil es des Steinewerfens und Bombenzündens müde ist.

Wenn jetzt Bill Clinton und Yitzhak Rabin auf der anderen Seite stünden, gäbe ich der zweiten Variante sogar die größere Chance – aber dort stehen leider Ariel Sharon und George W. Bush.

Wenn es dennoch zu einer positiven Entwicklung kommen sollte, wird das nicht Arafats Verdienst sein. Er hat keine demokratischen oder rechtsstaatlichen Institutionen geschaffen, keine politischen Eliten herangezogen; keinen Nachfolger aufgebaut und ihm langsam Macht übergeben.

Stattdessen nur die eigene Ohnmacht zelebriert: Ohnmacht gegenüber Israel, das seiner leeren Versprechungen überdrüssig war; Ohnmacht gegenüber der Hamas, die er nicht mehr zu kontrollieren vermochte; Ohnmacht gegenüber dem
eigenen Volk, das er nie regiert hat.

Jassir Arafat hat die „palästinensische Sache“ erfolgreich ins Weltbewusstsein gebombt – von da ab hat er sie nur mehr verkommen lassen.

Vor zwanzig Jahren habe ich mich lange mit Issam Sartawi, dem später von der Hamas ermordeten außenpolitischen Sprecher der PLO, über Arafat unterhalten: „Will er“, habe ich ihn gefragt, „letztlich das Gleiche wie du – Land für einen palästinensischen Staat gegen Frieden mit Israel tauschen – und kann es nur nicht so offen sagen?“

Doch statt eine Antwort zu geben, ist Sartawi, so befreundet wir waren, jedes Mal ausgewichen. „Arafat ist kein Terrorist mehr“, pflegte er zu sagen. Oder: „Arafat gehört nicht zu denen, die nicht über Frieden verhandeln wollen.“ Und manchmal: „Ich glaube schon, dass Arafat hinter mir steht.“

Als Sartawi auf einer großen PLO-Konferenz für diesen Frieden warb, blieb er ohne jede Unterstützung.

In Wirklichkeit hat Arafat die entscheidende psychische Leistung Sartawis nie vollbracht: von einem Terroristen wirklich zu einem Mann des Friedens zu werden. Wo Sartawi überzeugt war, dass es nach dem Holocaust einen jüdischen Staat geben muss, ließ Arafat sich Israels Anerkennung mühsam abringen; wo Sartawi darunter litt, dass bei einer von ihm organisierten Flugzeugentführung eine junge Israelin umgekommen war, finanzierte Arafat weiterhin Terroristen; wo Sartawi im Frieden zwischen Israel und einem Staat der Palästinenser die Keimzelle zu einem demokratischen Mittleren Osten sah, sah Arafat einen schalen Kompromiss unter dem Druck der USA.

Was immer Arafat zugestand, er tat es, weil er es musste, nicht weil er es wollte. Und Leute, die ihn nicht mögen, behaupten: mit hinter dem Rücken gekreuzten Fingern.

Es war dieser Mangel an ehrlicher innerer Wandlung, der ihn letztlich jeden Erfolg gekostet hat.

Dabei war dieser Erfolg zum Greifen nahe: Oslo war ein echter Durchbruch; die dort ausgehandelte Vorgangsweise bot echte Chancen; Israels Regierung wollte sie wirklich nutzen; und die Mehrheit der Israelis wie der Palästinenser wollte wirklich den Frieden.

Aber für Arafat war Oslo zwar ein „Abkommen“, aber kein Wendepunkt: Er blieb dabei, die Intifada gutzuheißen; er blieb dabei, Terroristen zu finanzieren; er blieb dabei, Jerusalem als seine Hauptstadt zu fordern.

Die ihm wohl wollen, meinen, er habe sich darin nur verkalkuliert – sei der falschen Ansicht gewesen, die Fortsetzung eines gewissen Terrors würde die Israelis dazu bewegen, den Palästinenserstaat rascher in die Tat umzusetzen, während er sie in Wirklichkeit zögern und zunehmend zurückschrecken ließ.

Die ihm, wie ich, kritischer gegenüberstehen, meinen: Arafat habe dem Terror nie wirklich Einhalt geboten, weil er innerlich der Terrorist geblieben ist, der davon geträumt hat, die Juden doch noch irgendwann ins Meer zu werfen.

So wie ein nur momentan zur Untätigkeit verurteilter Terrorist hat er jedenfalls den PLO-Staat geführt: autoritär, unfähig, chaotisch, korrupt. Es ist charakteristisch, dass derzeit allenthalben nach Teilen seines gewaltigen Vermögens gesucht wird, das ihn u. a. in die Lage versetzt hat, seiner Frau jeden Monat 100.000 Dollar nach Paris zu überweisen.

So wie er hat sich die gesamte Führungsgarnitur der PLO vorbei an der Bevölkerung am reichlich fließenden Geld bereichert. Die längste Zeit wurde es von den arabischen Öl-Staaten für die „palästinensische Sache“ aufgebracht, seit Oslo stammt der größte Teil von der EU.

Auf der Steuerung dieses Geldflusses beruhte der Rest von Arafats Autorität und der Rest der Loyalität seiner Adlaten …

Die Bevölkerung ist ärmer denn je: Es gibt nichts, das sie zu verlieren hat. Sofern man Politik auf Selbstmordattentaten aufbaut, vererbt Jassir Arafat seinen Nachfolgern eine solide Basis.