Archäologie: Das Geheimnis der Awaren

Vor mehr als 1000 Jahren wurde im heutigen Ungarn ein prächtiger Goldschatz vergraben. Die 1799 entdeckten Kelche, Krüge und Tassen gaben Experten jahrhundertelang Rätsel auf. Nun sind die im Kunsthistorischen Museum Wien gelagerten Pretiosen mit modernster Technologie untersucht worden.

Seit Mitte November des Vorjahres hat der Archäologe und Techniker Mathias Mehofer die Fenster seines ebenerdig gelegenen Labors mit schweren Metallrollos gesichert. Der Grund der arbeitsrechtlich bedenklichen Maßnahme: „Wir mussten verhindern, dass jemand von draußen sieht, womit wir hier hantieren“, so Mehofer. Gut möglich, dass ein Einblick ins Labor Begehrlichkeiten geweckt hätte: Mehofer beschäftigt sich mit dem sagenumwobenen „Goldschatz der Awaren“.

Jeweils nur eines der insgesamt 23 prächtigen, aus Gold gefertigten Gefäße hatten Mitarbeiter des Wiener Kunsthistorischen Museums in den vergangenen Monaten unter strengen Sicherheitsvorkehrungen zur Untersuchung ins Labor gebracht. Hier schob der Archäologe die über 1000 Jahre alten Objekte in die Unterdruckkammer eines Rasterelektronenmikroskops, um sie bis ins letzte Detail zu untersuchen. Nach erfolgter Untersuchung wurden die Pretiosen sofort wieder zurück ins Museum verfrachtet.

Mittlerweile sind die Arbeiten mit dem Mikroskop erfolgreich abgeschlossen. Der Pendelverkehr zwischen Institut und Museum ist eingestellt, der Schatz wieder vollständig in den massiven Vitrinen verstaut. Dafür lagert nun ein Datenschatz von 2000 höchstdetaillierten Aufnahmen auf der Festplatte des Laborrechners – Mathias Mehofer kann die Rollos wieder hochziehen.

Bedeutender Fund. Die Fachwelt wartet gebannt auf die Auswertung der Analysen, denn immerhin gilt der Awarenschatz als der bedeutendste Fund aus dem europäischen Frühmittelalter. Nirgendwo in dieser Weltregion sind derartige Goldmengen gefunden worden – gemeinsam bringen die Krüge, Kelche, Schalen und Becher fast zehn Kilogramm auf die Waage. Auch die handwerkliche und künstlerische Qualität des Schatzes überragt alle anderen bisherigen Funde.

Entsprechend intensiv wurden die mit feinen Reliefs überzogenen Goldarbeiten von Archäologen und Kunsthistorikern untersucht, seit sie vor 200 Jahren im heutigen Ungarn aufgetaucht sind. Doch wichtige Fragen konnten trotz dieser Anstrengungen bislang nicht beantwortet werden. „Viele der Studien sind einseitig, vorurteilsbehaftet, manche einfach schlampig“, schimpft der Historiker und Archäologe Falko Daim. Unklar ist deshalb nach wie vor: Wem hat dieser Schatz einmal gehört? Welche Goldschmiede waren in der Lage, Gefäße mit einer Wandstärke von weniger als einem Millimeter aus einem Klumpen Gold zu formen? Und vor allem: Woher kam die Inspiration für die wunderlichen Verzierungen der Gefäße? „Unser Fragenkatalog ist riesig“, sagt Kurt Gschwantler, Leiter der Antikensammlung im Kunsthistorischen Museum.

Um die Rätsel des Awarenschatzes zu lösen, hat Daim deshalb einen neuen Anlauf unternommen. Finanziert von Universität und Forschungsförderungsfonds (FWF), unterstützt auch vom Kunsthistorischen Museum (das den Schatz zuvor noch nie für Untersuchungen außer Haus freigegeben hatte), will Daim alle verfügbaren naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden auf den Schatz anwenden. An der Interdisziplinären Forschungsplattform für Archäologie der Universität Wien laufen alle Fäden zusammen: Birgit Bühler kümmert sich um die feinschmiedetechnischen Aspekte, Viktor Freiberger vom Kunsthistorischen Museum versucht, die Handschrift der frühmittelalterlichen Goldschmiede zu deuten, Mathias Mehofer analysiert die chemische Zusammensetzung der Objekte. Das erste Ziel von Daim ist es, das Dickicht von fantasievollen Theorien auszulichten, das seit der Entdeckung des Schatzes vor mehr als 200 Jahren um das Gold gewuchert ist.

1799 hatten Bauern nahe der Ortschaft Nagyszentmiklós im Karpatenbecken zwischen Donau und Theiß die Gefäße durch Zufall gefunden. Bereits zu diesem Zeitpunkt setzte die Legendenbildung ein: Angeblich befand sich auch ein goldenes Kreuz bei dem Schatz, das von den Entdeckern an einen lokalen Adeligen und von diesem an ein nahe gelegenes Kloster verschenkt worden sein soll. Heute fehlt von dieser Reliquie freilich jede Spur.

Nach der 1799 gültigen Rechtsprechung durften Schatzjäger nur ein Drittel ihrer Beute für sich behalten. Den Rest mussten sie zu gleichen Teilen dem Grundbesitzer und dem Staat überlassen. Diese Abgaben wollten sich die Finder von Nagyszentmiklós ersparen: Unter der Hand verscherbelten sie die Gefäße an einen fahrenden Händler aus Wien. Dieser wiederum wollte den Schatz in Pest verhökern. Doch das Vorhaben flog auf, Beamte der Ungarischen Königlichen Kammer verhafteten den Händler, beschlagnahmten den Goldschatz und ließen ihn schließlich nach Wien überstellen.

Ähnlichkeiten. Seither wird über die ursprüngliche Herkunft des Schatzes gerätselt. Einige der Goldarbeiten, etwa ein Trinkhorn, weisen große Ähnlichkeiten mit Objekten auf, die in Gräbern von Awaren gefunden wurden. Auch einer der Schriftzüge erinnert an awarische Lettern. Doch andere Elemente zeigen deutliche Einflüsse aus anderen Kulturen: So gibt es Becher, die mit griechischen Buchstaben und türkischen Worten geschmückt sind.

Einen besonderen kulturellen Mix zeigt die Darstellung eines siegreichen Reiterkriegers, die den prächtigsten Krug des Ensembles ziert. „Die Lanze ist eindeutig orientalisch“, erklärt Antikenexperte Gschwantler. „Der Brauch, den Kopf eines getöteten Gegners als Trophäe an den Sattel zu hängen, ist von eurasischen Steppenvölkern bekannt. Der Brauch, einen Gefangenen am Haarschopf mitzuschleifen, stammt dagegen aus dem alten Rom.“

Nicht weniger erstaunlich: Die Goldschmiede bedienten sich offensichtlich recht großzügig diverser Mythen aus der Antike, doch anstatt die alten Geschichten detailgetreu zu illustrieren, erfanden sie – ungewöhnlich für die Zeit – einfach neue Motive. So findet sich auf einem Krug eine Darstellung, die an die klassische Ganymed-Sage erinnert: Zeus in Vogelgestalt entführt einen Menschen, damit dieser als Mundschenk den Göttern diene. Auf der Flasche aus dem Awarenschatz sieht das dagegen so aus: Ganymed ist eine Frau, in der Hand hält sie knospende Zweige, ein Fruchtbarkeitssymbol.

Eindrucksvoll auch die handwerklichen Fähigkeiten der Goldschmiede. Einige Gefäße sind mit kleinsten Punzierungen überzogen. „Sie sind mit freiem Auge zwar kaum zu erkennen. Doch sie verstärken die Reflexionen und lassen das Gold damit noch wertvoller erscheinen“, erklärt Archäologe Mehofer.

Einzelne Buchstaben auf den Schalen wurden als Hinweis gedeutet, der Schatz könnte von Bulgaren angehäuft worden sein. In der Form der Flaschen glaubten manche Experten sogar den Beweis für die Herkunft aus dem heutigen Iran zu erkennen.

Schneeballeffekt. Die mittlerweile gängigste Theorie besagt freilich, dass der Schatz von den Awaren stammt. Dieses Reitervolk war zur Mitte des sechsten Jahrhunderts aus den Tiefen der eurasischen Steppe aufgetaucht. Dank des von ihnen erfundenen Steigbügels konnten sie rasch große Distanzen zurücklegen, besiegte Stämme schlossen sich ihnen mehr oder weniger freiwillig an. „Das war wie ein Schneeballeffekt, die Eroberungen haben immer mehr an Fahrt gewonnen“, sagt der Wiener Mittelalter-Historiker und Wittgenstein-Preisträger Walter Pohl. Die Awaren erreichten das Karpatenbecken, die westlichsten Ausläufer ihrer Kultur finden sich heute in Ostösterreich und in Kärnten.

Im Süden drangen sie im Jahr 626 rasch bis nach Konstantinopel, der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, vor. Nur kurz belagerten die Awaren die Stadt, dann zogen sie sich zurück – um in der Folge hohe Steuerleistungen von Byzanz zu erpressen. „Es wurden Friedensverträge geschlossen, doch hie und da machten die Awaren kleinere Raubzüge, um den Preis für den Frieden weiter in die Höhe zu treiben“, so Pohl. Zuletzt mussten die Byzantiner 200.000 Soldi, Goldmünzen mit einem Stückgewicht von 4,5 Gramm, abliefern – und das pro Jahr.

Für die Kriegergesellschaft der Awaren hatten solche Reichtümer enorme Bedeutung: Der oberste Fürst, der Khagan, konnte so seine Gefolgsleute beschenken und sich damit ihre Treue sichern. Gold- und Metallverarbeitung genoss deshalb bei den Awaren höchstes Ansehen. Gut möglich also, dass sie auch die kunstvollen Stücke des Schatzes von Nagyszentmiklós hergestellt haben. Denkbar ist für Walter Pohl jedoch auch, dass einzelne Stücke von byzantinischen Goldschmieden nach awarischen Vorgaben gefertigt worden sind. „Das könnte den ungewöhnlichen Stilmix auf manchen Objekten erklären“, so Pohl.

Vielleicht war es gerade die interkulturelle Quersubvention durch die Byzantiner, die es den Awaren erlaubte, ihre Macht 250 Jahre lang aufrechtzuerhalten. Zum Vergleich: Das Reich von Attila dem Hunnenkönig zerfiel bereits wenige Jahrzehnte nach dem Tod des Eroberers.

Die Sesshaftigkeit veränderte jedoch die awarische Gesellschaft grundlegend: Während der Zeit der großen Eroberungen waren die meisten Männer auch Krieger. Später war die Mehrheit des Volkes mit dem Anbau von Getreide beschäftigt, die Tradition der kriegerischen Reiter wurde nur noch von einer kleinen Elite gepflegt und verkam zur Folklore.

Verheerender Feldzug. Reich, sesshaft, aber wehrlos – das war die geeignete Losung für den Frankenherrscher Karl, genannt der Große: „Er entfesselte zunächst einen Propagandafeldzug gegen die Heiden im Osten, später einen verheerenden Feldzug“, so Pohl. Die Awaren konnten dem nur wenig entgegensetzen. Rasch waren ihre Herrscher unterworfen, die Goldschätze geraubt. Karl verteilte sie als Geschenke an befreundete Königshäuser in halb Europa und auch an den Papst. Erhalten geblieben ist davon so gut wie nichts, die Kunstwerke der Besiegten wurden kurzerhand eingeschmolzen. Der Schatz von Nagyszentmiklós wäre damit das Einzige, was die Awaren vor der Eroberung in Sicherheit bringen konnten.

Von der nun begonnenen Untersuchung der Gefäße erhofft sich Archäologe Falko Daim zunächst, den Schatz genau strukturieren zu können. Auf den Aufnahmen aus dem Rasterelektronenmikroskop suchen er und Mathias Mehofer jetzt nach charakteristischen Werkzeugspuren. Damit ließe sich ermitteln, welche Objekte aus ein und derselben Werkstatt stammen (siehe Kasten). Anschließend soll versucht werden, diese Objektgruppen in eine historische Reihenfolge zu bringen. Denn eines ist schon jetzt klar: Der Schatz wurde im Verlauf von mehreren Generationen angehäuft. Mit der Chronologie ergäbe sich wieder ein weites Feld für die herkömmliche archäologische Deutung. Wenn nämlich geklärt ist, in welcher Phase welche Motive überwiegen, könnten neue Rückschlüsse auf die kulturelle und politische Entwicklung des Awarenreiches gezogen werden.

Für Mathias Mehofer beginnt damit die mühsame Aufarbeitung der 2000 Detailaufnahmen. Dass er jetzt nicht mehr täglich mit den wertvollen Originalen hantieren muss, hat zwar lichttechnische Vorteile für seinen Arbeitsplatz, bringt aber auch einen Wermutstropfen mit sich: „Von nun an kann auch ich diese schönen Objekte nur durch das Glas der Vitrine betrachten.“

Von Gottfried Derka