Architektur: Braune Bauten

Der Streit um das „Führerzimmer“ im Wiener Volkstheater illustriert das alte Dilemma im Umgang mit der in Österreich allgegenwärtigen nationalsozialistischen Architektur: abreißen oder ausstellen?

Jahrzehntelang nahm niemand Notiz von den nussbraunen Holzvertäfelungen, mit denen im Direktionsbereich des Wiener Volkstheaters ein Zimmer und eine Stiege ausgekleidet waren. Kein Architekturhistoriker hat dort je Einlass in den stets unverschlossenen Raum begehrt, um eine der „letzten erhaltenen Innenraumgestaltungen der NS-Zeit“, wie es im Jargon der Denkmalpflege nun heißt, zu besichtigen. Erst als der neue Volkstheater-Intendant Michael Schottenberg vor wenigen Monaten mit Vertretern des Denkmalamts durch das Theater spazierte, um kleinere Umbauten zu besprechen, mit denen das Haus zur neuen Spielzeit aufgefrischt werden sollte, kam es im vertäfelten Besprechungsraum zum Eklat.

Als Schottenberg erstmals das Wort „Führerzimmer“ hört und ihm an Ort und Stelle erklärt wird, dass „hier nichts angetastet werden“ dürfe, regt sich Widerwillen in ihm. Er protestiert vehement gegen solche Vorschriften – und riskiert bei der Premiere von Thomas Bernhards „Vor dem Ruhestand“ eine Kraftprobe. Während das echte Zimmer demontiert und in den Ruhestand nach Unterwaltersdorf geschickt wird, wo es nun im Kulissendepot des Volkstheaters lagert, wird als Kulisse für das Bernhard-Stück eine Replik gezeigt, die drei alten Nazis als Wohnstätte dient.

Es folgt die Androhung einer Klage durch die Denkmalbehörde, auf die der Intendant erwidert, er würde sogar ins Gefängnis gehen, um die Rückkehr „der ausscheidungsbraunen Wand, hinter der die Fäulnis wütet“, zu verhindern. Der Wiener Planungsstadtrat Rudolf Schicker springt Schottenberg zur Seite: Er lobt den Gesetzesbruch und unterstellt dem verantwortlichen Bundesdenkmalamt „skurriles und gefährliches“ Verhalten. Denn etwa zum selben Zeitpunkt wird der Stadt Wien untersagt, ein kleines Wartehäuschen vor dem Hotel Bristol abzureißen, das zunächst – aus Mangel an sicheren Informationen – ebenfalls auf das österreichische Schicksalsjahr 1938 datiert wurde.

Angesichts solcher Vorkommnisse stellt sich eine Frage: Steht eine Renaissance der NS-Architektur bevor – oder hat bloß eine kurzfristige Debatte über den Umgang mit ungeliebten Bauwerken begonnen?

In der Causa „Führerzimmer“ schien sich vergangene Woche ein Kompromiss abzuzeichnen. Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny versuchte zu vermitteln und brachte das Wien Museum als Abnehmer der Holztafeln ins Gespräch. Direktor Wolfgang Kos signalisierte gegenüber profil jedenfalls Interesse: „Ohne die Einbauten je gesehen zu haben, könnte ich mir vorstellen, sie in die Sammlung zu übernehmen. Ganz unabhängig von der Frage nach dem kunsthistorischen Wert lässt sich an einem solchen zeitgeschichtlichen Objekt gut zeigen, wie Bedeutung entsteht und gespeichert wird. Denn auch Objekte können interessante Biografien haben. Das beginnt mit der Funktion des Zimmers in der NS-Zeit, betrifft das Vergessen nach 1945 und endet schließlich mit einer theatralisch inszenierten Aktion von Schottenberg, die zu einer interessanten Debatte geführt hat.“ Das wäre nun ganz im Sinne des Intendanten, der den Eindruck dringend zerstreuen will, ihm sei es bei dem Abbruch nur um einen billigen Skandal und ein neues Arbeitszimmer gegangen. Doch die Landeskonservatorin Barbara Neubauer bleibt hart, will von einem Transfer ins Museum nichts wissen und fürchtet Nachahmungstäter.

Kein Hitler-Besuch. Unterdessen legt das Bundesdenkmalamt nach und versucht, der Geschichte des Zimmers mehr Gewicht zu geben: Nachdem Adolf Hitler den Raum wohl nie betreten hat, der in den Bauplänen lediglich „Empfangszimmer“ genannt wurde und dazu dienen sollte, hochrangige Gäste direkt in die Vorstellung zu schleusen, soll nun zumindest bei dessen kunstgeschichtlicher Bedeutung ein wenig nachgeholfen werden. Nur so ist es zu erklären, dass der Architekt und Gründer der Wiener Werkstätte, Josef Hoffmann, als möglicher Urheber ins Gespräch gebracht wurde, obwohl bis dato keinerlei Belege dafür vorliegen, dass der Entwurf des Zimmers nicht von dem Wiener Architekten Leo Kammel stammte, der auch den Einbau einer „Führerloge“ ins Raimund-Theater verantwortete und heute nur Insidern bekannt ist. Jene Loge wurde übrigens längst eliminiert.

Den prominenten Namen Josef Hoffmann in die Debatte einzuführen mag unbegründet sein, könnte dieser aber eine ganz neue Richtung geben. Denn wie das aktuelle Interesse an dem schon vor acht Jahren erschienenen Buch „Bauen unterm Hakenkreuz“ von Helmut Weihsmann zeigt, hat eine Auseinandersetzung mit der Architektur in der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich bisher nur sporadisch stattgefunden (siehe Interview-Kasten Seite 140). Die wenig glanzvolle Mitläuferrolle von Hoffmann, aber auch die Kontinuität, mit der etwa Roland Rainer seine stadtplanerischen Ideen über das Jahr 1945 hinweg rettete, fanden bisher kaum Beachtung. Weihsmanns Buch enthält zwar eine detaillierte Liste der im Nationalsozialismus errichteten Gebäude; ein Überblick zur biografischen Verstrickung österreichischer Architekten, wie ihn für Deutschland der Historiker Werner Durth bereits vor 20 Jahren („Deutsche Architekten 1900–1970“) vorlegte, fehlt bisher.

Stattdessen hält sich hartnäckig die These, die Architektur jener Jahre sei vorwiegend von „Reichsdeutschen“ importiert worden. Tatsächlich ist überliefert, dass Albert Speer sich abfällig über die Architekten in der „Ostmark“ geäußert hat. Doch ob die Österreicher eher bei der kriegsbedingten Modernisierung des Landes an kasernenhaften Werkssiedlungen und Fabriken eifrig mitzeichneten oder an den grotesken Plänen für Linz, Krems, Wien und Salzburg – für das heutige Bild dieser Städte ist eher von Belang, was realisiert wurde. Quer durch die Bundesländer zieht sich die Kette der prägenden NS-Bauten. Angefangen im Westen mit dem heute von der Tiroler Landesregierung genutzten Landhaus über die Brückenkopfbauten am Linzer Hauptplatz und die Triester Straße in Graz bis zu den Flaktürmen in Wien, erstreckt sich eine – aus guten Gründen – denkmalgeschützte Spur des „Dritten Reiches“. Allerdings findet das, was durch den Schutz eigentlich ermöglicht werden soll, die Auseinandersetzung mit der NS-Architektur in Österreich, im Alltag kaum statt.
Das mächtige Portal des Innsbrucker Landhauses etwa wird auf der Website der Landesregierung als niedliches Logo verwendet – und am Gebäude erinnert kein Hinweis an die Zeit seiner Entstehung im Jahr 1938. Unkommentiert sind auch die Linzer Bauten, doch da darin die Kunstuniversität untergebracht ist, finden bisweilen Aktionen statt, in deren Rahmen die Architektur zur Reibungsfläche wird. Zudem sei man keineswegs glücklich, dass die ohnehin mächtige Fassade seit einiger Zeit durch massive Beleuchtung bei Nacht in ihrer Monumentalität überinszeniert werde, heißt es aus der Hochschule.

Flaktürme. Der Umgang mit den Flaktürmen in Wien hingegen ist ein Dauerthema. Unlängst erst wurde der Einspruch des Denkmalamts gegen die Überbauung eines der Augarten-Türme mit einem Bürohaus von der höheren Instanz, dem Bildungsministerium, gekippt. Für den Turm im Arenbergpark plant das Museum für Angewandte Kunst seit Jahren ein künstlerisches Belebungskonzept: Es gibt sogar Anzeichen dafür, dass ein Durchbruch bei der Finanzierung kurz bevorsteht. Kunst scheint das einzige Mittel zu sein, die beiden Extremvarianten im Umgang mit der NS-Architektur zu umschiffen: Abriss oder Umgestaltung würden der Erinnerung an den Nationalsozialismus die buchstäblich „begreifbaren“ – und eben nicht nur medial vermittelten – Ansatzpunkte nehmen, während die allzu liebevolle Pflege der NS-Architektur die Gefahr birgt, banalisierend und kulissenhaft zu wirken.

In Österreich undenkbar ist wohl eine weitere Variante: In Berlin, wo im Zuge der Übersiedlung der Bundesregierung mehrere prominente NS-Bauten für Ministerien umgebaut wurden, schuf der Architekt Hans Kollhoff im ehemaligen Reichsbankgebäude eine fast bizarre Synthese aus Alt und Neu. In Kontrast zur gängigen Denkmalschutzdoktrin, die eine klare Unterscheidung der Zeitschichten fordert, wurde das Gebäude in eine Atmosphäre der dreißiger Jahre zurückversetzt, die Kollhoff den Vorwurf der gestalterischen Nähe zum Faschismus einbrachte.

Vielleicht wäre die künstlerische Bearbeitung letztlich auch ein Weg, im Rechtsstreit um das Volkstheater weiterzukommen. Das „Führerzimmer“ ist weder ein so geschichtsträchtiger Ort, dass sich jeder Eingriff verbietet, noch wäre es angemessen, den Raum zum „Mahnmal des aufmüpfigen Intendanten“ zu deklarieren und in ein Museum zu transferieren.

Alle Seiten bedauern übrigens mittlerweile, dass „der Führer“ erneut in aller Munde ist.

Von Oliver Elser