Architektur: Geschichten in Beton

In Berlin wird diese Woche das von dem US-Architekten Peter Eisenman entworfene „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ eingeweiht. Damit findet eine über 17 Jahre hinweg erbittert geführte Debatte über die richtige symbolische Erinnerung an den Holocaust ein vorläufiges Ende.

Es regnete, als es am Freitag vergangener Woche erstmals möglich war, die beiden Teile des Berliner Holocaust-Denkmals zu betreten, das riesige Feld der dunklen Betonstelen und den darunter liegenden „Ort der Information“. Das Wasser schien die Oberfläche der Betonblöcke zu meiden, die Tropfen perlten daran ab. Die Ursache dafür liegt ganz profan in einer speziellen Anti-Graffiti-Beschichtung, doch es wirkte wie ein Hinweis darauf, dass auch die vielen Fragen, die in den vergangenen Jahren an die Initiatoren des Denkmals gestellt wurden, stets daran abgeglitten sind. Kann die Dimension eines solchen Verbrechens mit künstlerischen Mitteln überhaupt erfasst werden? Ist nicht andererseits die Dimension des Mahnmals selbst – knapp 20.000 Quadratmeter entsprechen der Größe zweier Fußballfelder – ein fataler Irrweg, weil in der monumentalen Geste der Wiedergutmachung der Wunsch erkennbar wird, das Thema ein für alle Mal abzuschließen?

Kein Symbol. Peter Eisenman, der in New York lebende Architekt des Denkmals, hat auf die Frage, was sein Stelenfeld denn bedeute, einmal geantwortet: nichts. Sie seien kein Symbol, keine abstrakte Darstellung eines jüdischen Friedhofs, wie sie von vielen interpretiert werden, bloß der Rahmen für eine individuelle, körperliche Erfahrung. „In unseren Köpfen schwirren lauter Fotos und Filme über den Holocaust herum. Das Mahnmal versucht, die Macht dieser Medienbilder zu brechen“, erklärte er.

Seit 1997 hatte Eisenman mit seinem Entwurf an der Diskussion über die Errichtung einer zentralen Gedenkstätte für die sechs Millionen während der NS-Diktatur ermordeten Juden teilgenommen. Eisenman reagierte gelassen, als der damalige deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl ihn und den Bildhauer Richard Serra, mit dem der Architekt das Konzept erarbeitet hatte, zu sich rief und erklärte, dass er den Entwurf zu karg fände und zu groß obendrein. Serra zog sich daraufhin aus dem Projekt zurück, Eisenman reduzierte die Zahl der Betonstelen von 4000 auf rund 2700 – und stimmte der Idee zu, das Gelände mit Bäumen einfassen zu lassen.

Nach dem Regierungswechsel im Jahr 1998 wurde die nächste Korrektur fällig (siehe Kasten Chronologie). Ein Jahr später befasste sich der Bundestag erstmals intensiv mit dem Denkmal – und beschloss eine vierte Fassung, die nach einer langen Planungsphase nun realisiert worden ist.

Was jedoch am Dienstag dieser Woche eröffnet wird, ist das Resultat einer viel länger zurückreichenden Debatte – einer Debatte, die nicht zufällig mit dem Jahr des Mauerfalls und dem Umzug von Parlament, Regierung und Ministerien von Bonn nach Berlin zusammenfiel. Es ging dabei nicht allein um die ermordeten Juden und die zahllosen anderen Opfer des Nationalsozialismus – oder darum, wie ihrer gedacht werden könne. Die Diskussion über das Denkmal berührte auch nicht nur Aspekte des künstlerischen Ausdrucks und der Angemessenheit der Mittel. Im Kern ging es um nichts Geringeres als die Frage, ob und wie sich die wiedervereinigte Bundesrepublik von der alten, der Bonner Republik, unterscheiden würde.

Die Initiatorin des Denkmals, die Journalistin Lea Rosh, regte bereits 1988 an, ein „riesiges, unübersehbares Monument“ in Berlin an den Holocaust erinnern zu lassen. Sie hatte zuvor die israelische Gedenkstätte Yad Vashem besucht und sich gefragt, warum nicht auch im Land der Täter an einem zentralen Ort die Erinnerung an die Opfer gewahrt werden könne. So gründete sie eine Bürgerinitiative, die sich über Zeitungsannoncen und Gespräche mit Politik und Wirtschaft um eine Lobby für das Vorhaben bemühte. 1991 forderte der in Berlin tagende jüdische Weltkongress die Bundesregierung auf, Roshs Plänen „unverzüglich zuzustimmen“.

Gleichzeitig verfolgte Helmut Kohl, der sich als Kanzler der Einheit feiern ließ, eigene geschichtspolitische Interessen. Bereits in den achtziger Jahren, kurz nach seinem Amtsantritt, hatte er die für die damaligen politischen Verhältnisse unerhörte Idee, direkt neben dem Reichstag ein zentrales historisches Museum errichten zu lassen. Seine Gegner befürchteten, dass der Nationalsozialismus dort als eine Epoche unter vielen anderen behandelt werden sollte.

Nach dem Mauerfall sorgte Kohl erneut für Aufregung. In der „Neuen Wache“, einem Gebäude an der Straße Unter den Linden, wo bereits in der Weimarer Republik der Toten des Ersten Weltkriegs gedacht wurde, ließ er ohne Konsultation des Parlaments eine „Zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland“ einrichten. Erinnert wurde dort laut Inschrift an die „Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft“. Die Empörung darüber, dass dabei alle Unterschiede zwischen den Opfern eingeebnet und der Wehrmachtssoldaten ebenso wie der KZ-Opfer gedacht werden sollte, konnte die Einweihung am Volkstrauertag des Jahres 1993 nicht mehr stoppen. Hinter den Kulissen hatte Kohl mit Ignatz Bubis, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, einen Deal abgeschlossen: Bubis würde an der Einweihung der „Neuen Wache“ teilnehmen, wenn sich der Bundeskanzler im Gegenzug dazu verpflichtete, die Denkmalinitiative Lea Roshs zu unterstützen.

„Grabplatte“. Die Bundesregierung und das Land Berlin stellten ein Grundstück südlich des Brandenburger Tores und eine Finanzierung von zwei Dritteln der Bausumme in Aussicht. 1994 wurde ein erster Wettbewerb ausgelobt. Es gingen 528 Entwürfe ein, zwei wurden ausgewählt. Erst ab diesem Moment setzte die mediale Debatte über das Denkmal ein, denn die beiden gewählten Projekte waren vor allem eines: sehr groß. Zugleich machte das Wort von der „Betroffenheitsinsel“ die Runde, die das Denkmal, seinerzeit noch Teil einer riesigen Brachfläche am ehemaligen Mauerstreifen, zu werden drohte. Auch die Nähe zu den Resten von Reichskanzlei und Führerbunker wurde kritisiert. Während Lea Rosh sich für den – von der Künstlergruppe um Christine Jackob-Marks eingereichten – Entwurf einer riesigen Betonplatte einsetzte, auf der sechs Millionen Namen angebracht werden sollten, wiesen insbesondere Kunsthistoriker auf die ästhetische Hilflosigkeit der geplanten „Grabplatte“ hin. Es gab noch andere Einwände: Viele der in Osteuropa deportierten Juden seien namentlich nicht bekannt. Zudem erinnere der Vorschlag, die Namenstafeln durch Spenden zu realisieren, an einen Ablasshandel, der auf ein „Freikaufen von der Schuld“ hinauslaufe.

Machtwort. Trotzdem entschieden sich die Auslober (Bundesregierung, Land Berlin und Roshs Förderkreis) für diesen Vorschlag – und gegen die Alternative: eine Stahlskulptur, in welche die Namen der Vernichtungslager eingeschnitten werden sollten. Zwei Tage später aber sprach Helmut Kohl sein viel zitiertes Machtwort gegen die Betonplatte, dem indes bereits ein klares Nein von Ignatz Bubis vorausgegangen war.

Nun war alles wieder offen. Befürworter und Gegner schärften in der Presse und auf Symposien ihre Argumente. Wobei die Gegner, sofern sie sich öffentlich artikulierten, keineswegs vorrangig aus dem rechten Spektrum stammten (siehe dazu auch Interview mit Lea Rosh). Der Architekturhistoriker Bruno Flierl etwa fragte, wie sich vermeiden lasse, dass „das Denkmal als eine Art Nationaldenkmal missverstanden wird“. Der Gedenkstätten-Beauftragte des Zentralrats, Salomon Korn, erinnerte daran, dass eine neue Künstlergeneration sich bereits seit den siebziger Jahren mit „Antidenkmälern“ beschäftigte, die den „Betrachter zwingen, das Erinnern nicht an das Denkmal zu delegieren, sondern die Erinnerungsarbeit selbst auf sich zu nehmen“.

Korn stellte auch die Größe des Grundstücks infrage, die von Lea Rosh damit verteidigt wurde, dass das Verbrechen ja ebenfalls monumental gewesen sei. In Berlin war zu jenem Zeitpunkt bereits ein Gebäude im Entstehen, das einen anderen, den umgekehrten Weg hätte weisen können: Daniel Libeskinds Jüdisches Museum verbindet eine symbolisch lesbare, aber nicht eindeutige Form mit den so genannten voids im Inneren: Leerräume, die den Baukörper durchziehen und so die Abwesenheit jüdischen Lebens nach dem Holocaust in Erinnerung rufen. Der Historiker Götz Aly hatte selbst 1994 am Wettbewerb für das Holocaust-Mahnmal teilgenommen und einen Vorschlag unterbreitet, der in diese Richtung wies. Er hatte die Vorgabe des Ortes ignoriert und angeregt, zwei Säulen des Brandenburger Tors zu entfernen.

Vor allem aber sorgte die Ausschließlichkeit der Widmung für erbitterten Streit. Würde der Verzicht auf ein gemeinsames Denkmal der Opfer nicht dazu führen, die Denkschemata des NS-Staates zu übernehmen? Müssten dann nicht viel mehr Mahnmale gebaut werden? Der Historiker Reinhart Koselleck sprach polemisch sogar von der „Hierarchie der Totenmale, nach Größe gestaffelt und geordnet nach den rassenideologischen Farbdreiecken, mit denen die SS ihre Lagerhäftlinge gegenseitig ausspielte“.

Der Berg an offenen Fragen und drängenden Anforderungen hatte 1997 längst eine Höhe erreicht, an dem selbst ein erweiterter Kreis von Entwürfen aus dem ersten Wettbewerb scheitern musste. Im Herbst desselben Jahres fand daher ein zweiter Wettbewerb mit beschränkter Teilnehmerzahl statt, zu dem auch Peter Eisenman eingeladen wurde, der seinen Entwurf mit dem Bildhauer Richard Serra abstimmte. Wieder konnte sich die Jury nicht auf eine einzelne Arbeit einigen: Diesmal waren es sogar vier Finalisten, darunter übrigens auch Daniel Libeskind. Nun musste der Kanzler kein Machtwort mehr sprechen, nur das Stelenfeld ein wenig dezimieren. Die Diskussion neigte sich in Richtung Eisenman/Serra.

Ihr „Field of Memory“, das – leicht abgeändert – nun verwirklicht worden ist, vermeidet jede sofort entzifferbare Symbolik. Manche sehen darin einen Friedhof, andere ein Kornfeld. Ihr Entwurf kennt als einziger der vier gewählten keine vorgeschriebene Choreografie des Gedenkens: Der Weg steht dem Betrachter offen, kein Punkt ist zum Anbringen von Kränzen privilegierter als ein anderer. Die Stärke des Konzepts, seine Offenheit für Interpretation und individuelle Erfahrung, ist jedoch zugleich seine Schwäche. „Zu abstrakt“, lautete der Vorwurf, dem sich nach dem Wechsel der Bundesregierung auch der Staatsminister für Kultur und heutige Mitherausgeber der Wochenblattes „Die Zeit“, Michael Naumann, anschloss. Eisenman parierte die Kritik, indem er ein – deutlich überdimensioniertes – Museum am Rande seines Feldes vorschlug, das die Didaktik nachliefern sollte, die dem Denkmal selbst fehlt. Aber auch damit konnte sich niemand so recht anfreunden; so beschloss der Bundestag 1999 die unter Experten als „Eisenman II plus“ bezeichnete Lösung: ein verkleinertes Stelenfeld plus ein unterirdischer „Ort der Information“.

Subtil manipuliert. Erst vor Ort wird deutlich, dass die Betonlandschaft nur die Ouvertüre ist für den Weg hinab in den „Ort der Information“: Oben, zwischen den Stelen, ist verblüffenderweise eher die Ratio angesprochen. Man durchwandert das Feld und wundert sich, dass jede Gasse anders ist, jeder Richtungswechsel den Eindruck verändert. Mal neigen sich die Stelen bedrohlich zur Seite, dann wieder geben sie den Blick frei auf den Himmel und die Umgebung. Dass der Architekt ihr strenges Raster – man denkt unwillkürlich an die Barackenreihen der Vernichtungslager – so subtil manipuliert hat, dass kein Eindruck von Monumentalität aufkommen will, macht das Stelenfeld überraschend „individuell“. Jede der 2,38 Meter breiten und bis zu 4,70 Meter hohen Stelen scheint ein Eigenleben zu führen, auch wenn sie alle gemeinsam sanfte Wellen bilden, wie der Blick aus einem der nahe gelegenen Hochhäuser des Potsdamer Platzes zeigt. Obwohl der Abstand zwischen den Stelen nur 95 Zentimeter beträgt, stellt sich kein Gefühl der Beklemmung ein. Es ist eher ein Staunen, mit dem man das Feld durchwandert. Auf einem Friedhof würden sich andere Gedanken einstellen.

Am südlichen Rand des Geländes führen Stiegen hinunter in den „Ort der Information“. Eisenman hat dafür nur das Konzept skizziert – vier Räume, in denen sich die Stelen in unterschiedlicher Weise im Untergrund fortsetzen. Die Ausgestaltung lag in den Händen der Designerin Dagmar von Wilcken. Im „Raum der Stille“ gelingt ihr vieles in besonders ergreifender Weise. Anstelle der Stelen sind hier beleuchtete Glasflächen in den Boden eingelassen, auf denen Briefe und Tagebuchaufzeichnungen gezeigt werden. Es sind Nachrichten, die vom nahen Tod handeln. Sie rühren zu Tränen.

Hier wird deutlich, dass die Stelen Platzhalter sind: für individuelle Schicksale, von denen im „Ort der Information“ erzählt wird. Im „Raum der Familien“ ragen die Stelen von der Decke herab und sind Träger für Schicksale wie das der Dornbirner Familie Turteltaub, die nach einer gescheiterten Flucht in Italien interniert und 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

Wenn man aus dem „Ort der Information“ wieder an die Oberfläche tritt, über eine andere Stiege, die mitten hineinführt ins Stelenfeld, dann hat sich dieses verändert. Es regnet noch immer. Aber dass das Wasser an den Stelen abtropft, erscheint jetzt in einem ganz anderen Licht. Das ist nicht mehr bloß Beton, der hier verbaut wurde. Mit den Stelen treten Geschichten an die Oberfläche, die zu erzählen längst überfällig waren.

Von Oliver Elser