Architektur: Wolkenkuckucksheime

Seit fast 40 Jahren arbeitet die österreichische Gruppe Coop Himmelb(l)au an Bauvisionen, die lange als unrealisierbar galten. Heute zählt sie zu den Weltstars ihres Gewerbes. Eine groß angelegte Wiener Ausstellung blickt nun auf ihr umstrittenes Werk zurück.

Ein Spieltag der heimischen Fußballbundesliga, der 27. September 1971: Alpine Donawitz trennte sich von Rapid mit einem Unentschieden; Bischofshofen verlor gegen die Austria 1:2, das Ergebnis der Partie Vienna – Salzburg lautete ebenfalls 1:2. Swarovski Innsbruck kürte sich in einem torlosen Match gegen Voest Linz zum Herbstmeister.

Tags darauf berichtete der „Kurier“ über ein Ballspiel der anderen Art. Zehntausende waren zur Eröffnung der Fußgängerzone in die Wiener Innenstadt geströmt und ergötzten sich an zwei gigantischen Fußbällen, die, auf Stahlfedern verankert, vor dem Stephansdom hin und her gerollt werden konnten. Da die Menge mit den Riesenballons die öffentlichen Busse behinderte, kam es bald zu Tumulten und schließlich zu einem Polizeieinsatz. Die Erfinder der volksnahen Gaudi, über die auch ausländische Zeitungen berichteten, hatten an der Wiener Technischen Hochschule gerade ihr Architekturstudium absolviert – sie hießen Wolf D. Prix und Helmut Swiczinsky. Die Jungbaumeister nannten sich „Coop Himmelblau“ und erklärten auf Anfrage, dass „Coop“ eine Kurzform für Zusammenarbeit sei und „Himmelblau“ für gute Laune stehe. Mit pneumatischen Bällen nebst nackten Akteurinnen traten sie in Deutschland, der Schweiz und Großbritannien auf; eine aufblasbare „Villa Rosa“ sollte mobiles Wohn- und Lebensglück vermitteln.

Heute zählt Coop Himmelb(l)au, um zwei Klammern im Namen erweitert, zum illustren Dutzend der Global Players der Architektur. Vor wenigen Wochen wurde in München die BMW-Welt der Coop eröffnet – ein Erlebnispalast, in dem der deutsche Autokonzern seine Produkte an die Kunden ausliefert. Weitere internationale Großprojekte sind derzeit im Entstehen begriffen, unter anderem die Hochschule für Visuelle und Darstellende Künste in Los Angeles (geplante Fertigstellung 2008), das Lyoner Musée des Confluences in Frankreich (2010) sowie die Europäische Zentralbank in Frankfurt (2011). Erst kürzlich erhielt das Wiener Büro den Zuschlag für das Museum für zeitgenössische Kunst in Shenzhen, China. Und erst vergangene Woche setzten sich die österreichischen Baukünstler gegen illustre Konkurrenz durch, darunter immerhin Zaha Hadid und Eduardo Arroyo: In der Stadt Zarautz, im spanischen Baskenland gelegen und rund zehn Kilometer von San Sebastian entfernt, soll innerhalb der kommenden Jahre auf 11.000 Quadratmetern ein Zentrum der szenischen Künste entstehen, mit Theater- und Konzerthalle, Blackbox-Experimental-Auditorium und Musikschule.

Bilbao-Guggenheim-Effekt. Die um wirtschaftlichen Aufschwung und politische Anerkennung kämpfenden politischen Verantwortlichen der spanischen Baskenregion waren schon öfter bereit, für prestigeträchtige Kulturobjekte Geld auszugeben – prominentestes Beispiel: Frank Gehrys Guggenheim-Museum in Bilbao. In Salzburg dagegen scheiterte seinerzeit ein von Hans Hollein geplanter Guggenheim-Tempel. Auch die Himmelblauen wurden 1987 in Wien mit einer hierzulande gern gepflegten Tradition konfrontiert: hauen statt bauen. Prix und Swiczinsky hatten damals den Wettbewerb für die Sanierung des heruntergekommenen Varieté Ronacher mit dem Plan einer zukunftsweisenden Inszenierungsstätte für neue Medienformen unter einer Dachkonstruktion des Theaterbaus in der Wiener Innenstadt gewonnen. Während der damalige Bürgermeister Helmut Zilk das Projekt noch lauthals im Fernsehen pries, hatte Finanzstadtrat Hans Mayr mittels wirtschaftlicher und denkmalschützerischer Argumente eine Alternativvariante aus dem Hut gezaubert. Der Entertainer André Heller sollte nach dem Mayr-Plan in dem von dem Architekten Luigi Blau minimal sanierten Vergnügungstempel ein Privattheater – das Varieté „Wintergarten“ – etablieren. Dazu Wolf D. Prix, mit dem Hinausschmiss konfrontiert: „Man kann nicht einen Abfahrtslauf ausschreiben und dann einen Slalom stecken.“

Flotte Formulierungsgabe war von Beginn an eine der Stärken der Gruppe, mit der sie freilich in Österreich lange nicht eben reüssierte. Der einzige Bau, den die Coop bis Ende der achtziger Jahre in

Wien realisierte, war (abgesehen von Gaststätten wie der Reiss Bar und dem Roten Engel) ein Dachbodenausbau für die Rechtsanwaltskanzlei Schuppich in der Falkestraße, der in internationalen Architekturzeitschriften umgehend für Furore sorgte.

„Je härter die Zeiten, desto härter die Architektur“ – „Architektur, leicht wie Wolken“ – „stadtverletzende Architektur“: So lauteten einige der bewusst widersprüchlichen Formulierungen und Forderungen, die Teil des 1968 etablierten Denkens und Handelns waren und von Coop Himmelb(l)au bis heute nostalgisch gepflegt werden. Gelangt man in die Telefonwarteschleife des Wiener Büros, erklingt „Gimme Shelter“ von den Rolling Stones.

Hollein als Raketenzündung. Die Wiener Architekturtradition lehnten Prix und Swiczinsky von Beginn an vehement ab, auch wenn sie, wie die barocken Kirchendecken in der „Großen Wolkenkulisse“ (1976) vermuten lassen, stets verfremdet durch das himmelblaue Werk geisterte. Allgegenwärtig war Sigmund Freud, und als direktes Vorbild verehrt Prix bis heute den Querdenker und Gegenwartsarchitektur-Vermittler Günther Feuerstein, der „ein großer Motivator darin war, anders zu denken als rational, um sich von Sachzwängen frei zu machen“. Er habe den Studenten auch beigebracht, „dass es eine andere, nicht nur ökonomisch beengte Architektur gibt“. Was Feuerstein theoretisch vermittelte, setzten Hans Hollein und Walter Pichler in Manifesten und Ausstellungen um. Holleins im Grunde banaler Satz „Alles ist Architektur“ brachte die Befreiung von Sachzwängen auf den Punkt und geriet zum „Raketenzündstoff“ (Prix).

Ein internationales Vorbild in New York, einer Stadt, die Prix seinerzeit als „bigger than life“ erschien, war der Verhüllungsartist Christo, der zeigte, wie man Dinge im öffentlichen Raum auch gegen größte Widerstände durchsetzt. Prix besuchte Christo in New York und begeisterte ihn dafür, für den von Coop Himmelb(l)au ausgerufenen „Supersommer“ 1976 einen der Wiener Flaktürme zu verhüllen. Der US-Künstler stellte das Projekt im Museum des 20. Jahrhunderts vor, die Wiener Baubehörden weigerten sich allerdings, es zu genehmigen. Der „Supersommer“ 1976, für den Architekten (unter anderem Haus-Rucker-Co, Missing Link, Superstudio Firenze) und bildende Künstler Installationen und Aktionen am Naschmarkt realisierten, geriet nach Beschwerden von Anrainern wegen Lärmbelästigung zum Skandal – und für die haftenden Veranstalter, die Prix und Swiczinsky Ges.m.b.H., zum finanziellen Debakel.

Für Peter Noever, Direktor des Museums für Angewandte Kunst in Wien (MAK), ist die „Hartnäckigkeit, Unnachgiebigkeit und auch Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst“, mit der sich die Coop-Baumeister mit der Stadt, in der sie lebten, auseinandergesetzt haben, auch international gesehen beispiellos. „Sie haben die Metropole fokussiert, ein Drama um Wien entfacht.“ Mit dem geplanten „Supersommer“ hätten sie erstmals „direkt in die Organisation einer Stadt eingegriffen und demonstriert, dass diese sich neuen Themen stellen muss“. Mit einer Ausstellung, übrigens der ersten umfassenden in Wien, will Noever nun anhand von rund 200 Coop-Himmelb(l)au-Projekten im MAK eine Diskussion über das Gesamtwerk des Teams eröffnen. „Beyond the Blue“, so der Titel der Schau, wird am 11. Dezember im MAK eröffnet.

Fliegende Diamanten. Größere Aufträge hat die Coop inzwischen auch in der hassgeliebten Metropole an der Donau erhalten, wobei diese architektonisch betrachtet nicht unbedingt optimal gelöst wurden: Ein Hochhaus an der Wagramer Straße besticht etwa durch großzügige Wohnungen und Gemeinschaftseinrichtungen an der Vorderfront, während die rückwärtigen Wohneinheiten recht konventionell ausgefallen sind. Beim Coop-Turm im Gasometer wurden geplante Wohnungen wegen besserer Vermittelbarkeit im letzten Augenblick in ein Studentenheim umgewandelt – wie das nun auch für die zu teuer geplanten, mit bautechnischen Kompromissen umgesetzten Wohnungen von Zaha Hadid über den Stadtbahnviadukten in Erwägung gezogen wird. Kritiker orten gemeinsame Ursachen: Die Wiener Wohnbau-Institutionen schmückten sich gern mit internationalen Stars, ohne diesen gegenüber die nötigen Forderungen zu stellen.

Inzwischen breitet sich auch international Unbehagen angesichts der laut Kritiker Dietmar Steiner „fliegenden Diamanten“ der globalen Architektur aus. Bauherren und Architekten – so der schwer wegzuleugnende Eindruck – sind auf dem Jahrmarkt der persönlichen Eitelkeiten vor allem damit beschäftigt, einander mit scheinbar unverwechselbaren Solitären zu übertrumpfen, die in ihrer Vielzahl letztlich eintönig wirken.

Als Ende der neunziger Jahre ein schwerreicher mexikanischer Unternehmer den höheren Drang zur Architektur verspürte und sich ein Dutzend der weltweit bekanntesten Architekten zusammensuchte, um mit ihnen ein gewaltiges Infotainment-Zentrum im Umland der Provinzstadt Guadalajara zu planen, folgten viele Baumeisterkapazitäten dem Ruf: Von Philip Johnson über Jean Nouvel, Zaha Hadid und Daniel Libeskind bis zu Thom Mayne reichte die Liste – auch Coop Himmelb(l)au befanden sich im All-Star-Team. Schließlich wurde dem Entrepreneur die Architektur aber zu langweilig, er stoppte das Projekt und investierte stattdessen ins Filmgeschäft. Die Stars amüsieren sich heute noch gelegentlich am Rande internationaler Conventions über ihr mexikanisches Abenteuer.

Die personelle Struktur von Coop Himmelb(l)au hat sich übrigens vor einigen Jahren geändert. „Prix und Swi“ – so nannten sich die beiden in Kurzfassung gern selbst – haben sich längst getrennt. Warum, das weiß niemand so genau. Prix spricht über ein krankheitsbedingtes Ausscheiden des Partners (siehe Interview auf Seite 125). Auch Helmut Swiczinsky scheint keine Lust zu haben, das Rätsel der Trennung zu lösen. Er antwortete auf Anfrage von profil via E-Mail lediglich mit einem Bekenntnis zur heiteren Gelassenheit: „Es grüßt aus der Ferne – Swi, der Moderne.“

Von Horst Christoph