Architektur: Zeitrichtig

Die Wiener Baukünstler Coop Himmelb(l)au haben mit dem Auftrag, die monumentale Europäische Zentralbank in Frankfurt zu errichten, eine neue Stufe in ihrer Karriere erreicht. In Wien werden sie trotzdem weiterhin unter ihrem Wert geschlagen.

„Wir, die wir 1968 begonnen haben, wussten, dass das Unterfangen, den Turm von Babel fertig zu bauen, kein leichtes werden würde – so haben wir mit einem Detail begonnen – nämlich der Wolke.“ Wolf D. Prix, 1998

Arrogant, provokativ, zynisch, ironisch, maßlos ist die Architektur von Coop Himmelb(l)au – oder ist das alles doch eher Wolf D. Prix selbst? Der extrovertierte „Außenminister“ (© „Der Spiegel“) des Architekten-Duos verkörpert in Gestik und Wortwahl geradezu die Architektur, die er gemeinsam mit dem stillen, freundlichen, ja gemütlich wirkenden Partner und „Innenminister“ Helmut Swiczinsky in Wien entwickelt. Der habituelle Kontrast zwischen den beiden Proponenten des Power-Duos setzt sich, metaphorisch quasi, im Verhalten ihrer Architekturfantasien gegenüber dem gebauten Alltag fort. Sie waren immer gegen die Welt, wie sie ist, und forderten eine andere, eine normalerweise eben unmögliche.

Nun sind die neben Hans Hollein einzigen österreichischen Architekten, die in der internationalen Architekturszene seit Jahrzehnten an vorderster Front stehen, wohl endlich am Höhepunkt ihrer Karriere angelangt. Die zu Jahresbeginn erfolgte Entscheidung für Coop Himmelb(l)aus Projekt der Europäischen Zentralbank in Frankfurt ist gerahmt von einer Vielzahl an weiteren spektakulären internationalen Projekten, die derzeit gebaut werden. Da wird das seit einigen Jahren neckisch in Klammer gesetzte und immer weiter nach unten verrutschende „l“ in ihrem Namen vermutlich bald endgültig verschwinden. Rutschen. Man könnte sagen: Wer in den Himmel baut, baut sich den Himmel blau.

Die BMW-Welt in München, die Coop Himmelb(l)au gegenwärtig realisieren, ist ein Event-Space, ein Marktplatz verschiedener Funktionen, mit dem sakralen Ritual der persönlichen Autoabholung für die Kunden im Mittelpunkt. Das rund 4000 Tonnen schwere, 15.000 Quadratmeter große Dach gemahnt ganz bewusst an eine Wolke: Ein Traum wird Wirklichkeit, den die Coops seit ihren frühen Tagen träumen. An den Anfang kehren sie auch zurück, indem sie durch das Dach hindurch einen Blick auf das BMW-Hochhaus ihres Lehrers, des bis heute unterschätzten Wiener TU-Professors Karl Schwanzer, gewähren. Schwanzers markanter „Vierzylinder“ lässt sich als Tribut an die automobile Technik sehen, Coops Wolkenform hingegen erinnert frappant an die neue Designphilosophie der Häute und Oberflächen der BMW-Autos. Gleichzeitig wird in München ein zehn Jahre altes Projekt endlich verwirklicht: Die Erweiterung der Akademie der Künste ist im Bau. Ebenso das Musée des Confluences in Lyon, ein riesiges Wissenschaftszentrum. Große Museen in den USA und Asien gesellen sich dazu.

Durchbruch. Die Zeit scheint nun endlich reif für die Früchte eines jahrzehntelangen Entwerfens am Rande des scheinbar Unvorstellbaren, des Unzumutbaren. Die Welt verlangt heute nach glitzernden Diamanten, nach spektakulären Zeichen, nach der Begegnung mit bisher nie gesehenen Formen und Räumen. „Coop Himmelb(l)au kommt spät, aber mit Macht“, schrieb der deutsche Architekturtheoretiker Frank Werner schon 1988. Denn die späten achtziger Jahre brachten für die Coops tatsächlich den wesentlichen Durchbruch, weshalb heute viele glauben, dass sie erst damals mit der Architektur begannen. Der Dachausbau Falkestraße versammelte die Welt der Architekturmedien in Wien, um das kreative Ergebnis himmelblau verdichteter Aggressionen gegen die Wucht des alten Wien zu verkünden. Der Industrielle Herbert Liaunig engagierte Coop Himmelb(l)au, um aus einer simplen Blechkiste für ein neues Funder-Werk in St. Veit an der Glan die berühmt gewordenen „tanzenden Kamine“ zu extrahieren. Das zukunftsträchtige Forschungszentrum in Seibersdorf folgte.

In jenen Jahren schafften sie es auch, an der ebenso kuriosen wie legendären „Dekonstruktivismus“-Ausstellung im Museum of Modern Art in New York, gemeinsam mit Frank O. Gehry, Zaha Hadid, Rem Koolhaas, Bernard Tschumi, Daniel Libeskind und Peter Eisenman, teilzunehmen. Nichts, absolut nichts hatten diese Architekten mit ihren individuellen Positionen gemein, außer dass sie alle keine historisierenden Formen des damals noch angesagten postmodernen Stils verwendeten. Deshalb tobt bis heute der unentschiedene Kampf der Architekturtheorie, was eigentlich alles als Postmoderne oder Dekonstruktivismus, als zweite Moderne oder einfach nur neue Architektur gelten könnte. Wolf Prix hat dazu gewohnt scharfzüngig vermerkt, dass es keine moderne oder avantgardistische oder sonst wie genannte, sondern nur eine „zeitrichtige Architektur“ gebe. Keine Frage ist, welche er damit gemeint hat: vor allem seine eigene.

Tatsächlich wurden mit der MoMA-Ausstellung 1988 die Coops als unangepasste Underdogs aus dem schlampig schöngeistigen Wien, die als Inspiration ihrer Architektur immer noch an Jimi Hendrix und die Rolling Stones glaubten und, grob gesagt, das anarchische Potenzial der Popkultur der sechziger Jahre als ewigen kreativen Widerstand kultivierten, jäh in den Olymp der Weltarchitektur gestoßen. Denn ihrer künstlerischen Position sind sie stets treu geblieben. Geboren aus der Aufbruchstimmung der späten sechziger Jahre, als sich das „Austrian Phenomenon“ gegen die müde Nachkriegsarchitektur formierte, um die Utopie einer neuen Welt einzufordern, entstand im Wiener Biotop eine Bewegung, die Architektur nicht mehr als funktionalistische Bedarfsdeckung sah, sondern künstlerische Visionen dagegen entwickelte. Persönlichkeiten wie Hollein, Abraham, Pichler, Gruppen wie HausRucker Co, Missing Link, Zünd up und eben Coop Himmelb(l)au entstanden, um der Welt eine neue Gestalt der Welt zu geben. So gibt Wolf D. Prix als bis heute prägende Erfahrung dieser Zeit an, erstmals das Bild der Erde vom Weltraum aus gesehen, ihre Gestalt und Gestaltbarkeit erkannt zu haben.

Muss brennen. Viele Mitstreiter aus den revolutionären Sechzigern haben sich verflüchtigt, haben eigene Wege gefunden. Coop Himmelb(l)au zeichneten und experimentierten sich mit Kleinaufträgen durch die architektonisch dunklen siebziger Jahre. Zum literarisierenden Ausritt in der erfolgreichen Reiss-Bar (1977) in Wien, wo sie den Namen des Lokals mit einem gebauten Riss illustrierten, gesellten sich Humanic-Filialen, die Bar Roter Engel, das Atelier Baumann, die Passage Wahliss. Die achtziger Jahre eröffneten sie mit der Behauptung, „Architektur muss brennen“ , um am Ende eine Dependance in Los Angeles zu eröffnen. Prix unterrichtete ein Jahrzehnt in L. A. an der SCI-Arc, gebaute Nachweise gelangen indes nicht. Dramatisch scheiterte 1987 der Himmelb(l)au-Entwurf zum Umbau des Ronacher – am Wiener Kleingeist und an der hiesigen Unprofessionalität. Beißenden Spott und auch Verachtung gießen die Coops seither über das alte Wien und zeichnen mit geschlossenen Augen weiter an ihren berstenden und fliegenden Skulpturen. Es kann als eine Strafe der Geschichte gesehen werden, dass auch fast zwei Jahrzehnte (!) später der nun neuerlich ausgeschriebene Umbau des Ronacher vorhersehbar das damals vorgelegte Niveau nicht erreichen wird.

Radikalfantasien. Alessandro Mendini lud die Coops Anfang der neunziger Jahre ein, an der postmodernen Museumscollage in Groningen teilzunehmen. Wolf Prix ist stolz darauf, dass „es keinem Kurator gelang, dort jemals eine klassische Ausstellung zu realisieren“. Mit Wohnbauten für den Bauträger SEG gelangen um diese Zeit die ersten größeren Realisierungen in Wien. Man sagt, dass die Entwicklung des Gasometer-Projekts auf eine spontane Idee von Helmut Swiczinsky zurückgeht. Mitte der neunziger Jahre setzte der Stimmungsumschwung ein. Auch Coop Himmelb(l)au profitierten von der zunehmenden medialen Aufmerksamkeit. Ihr monströses mexikanisches Guadalajara-Projekt eines neuen Stadtteils, von ausgewählten Star-Architekten konzipiert und inszeniert, bleibt allerdings weiterhin eine Seifenblase.

Aber das UFA-Kinozentrum in Dresden (1993–98), ein wüster, roher Kristall, überzeugte auch die letzten Zweifler von der Baubarkeit radikaler Fantasien. Denn „das visionär Gebaute und nicht nur das Gedachte“ sei „der nächste Schritt in die Zukunft“, haben Coop Himmelb(l)au behauptet. Was aber ist das genau: visionär? Zunächst nur dies: die Ablehnung einer Architektur der minimierten Funktionalität und der Wille, den Raum gänzlich anders zu denken. „Herzräume, weiche Räume, harte Räume, unruhige Kugeln, fliegende Dächer, Wolkenkulissen folgen“, so lauteten die Merkwörter von Coop Himmelb(l)au dazu schon am Beginn. Gebaut offerieren sie nun neue räumliche Qualitäten. Besonders dort, wo eine freie, öffentliche Nutzung mit kalkulierten privaten oder wirtschaftlichen Bedürfnissen kollidiert, erzwingen Coop Himmelb(l)au wortwörtlich neue Zwischenwelten.

Das ist es, was den Bauherren so lange Angst vor Himmelb(l)au-Konzepten machte. Dass jenseits der Bedarfsdeckung etwas Unvorhersehbares entsteht, dass eine neue Räumlichkeit auch ungeahnte Möglichkeiten neuer Nutzungen provoziert. So etwas ist riskant. Daran arbeiten Wolf Prix und Helmut Swiczinsky mit Partnern und Team seit nunmehr 36 Jahren. Endlich dürfen sie mit den symbolträchtigen Türmen der Europäischen Zentralbank in Frankfurt nun ihre Idee einer „vertikalen Stadt“ realisieren. Coop Himmelb(l)au hatten diese Idee schon früher im Visier: mit einem Wohnhausentwurf 1983, mit dem Mariahilfer-Platz-Projekt 1990 in Wien oder ihrer Medienskyline 1985 in Hamburg. Keines dieser Unternehmen ließ sich verwirklichen. Konzeptive architektonische Ideen brauchen, um realisierbar zu werden, offensichtlich bestimmte Konstellationen.

„Entwerfen“ heißt nämlich, wenn es nach Coop Himmelb(l)au geht, nicht „verdienen“, sondern „nachdenken“. Dazu braucht es eben das Bild der „Wolke“, das sie schon 1968 als Rauminstallation erstmals in Architektur verwandelten, und es braucht ungebrochenen Glauben an sie. Wenn, ja wenn dies die Gesellschaft nur endlich einmal zur Kenntnis nehmen könnte.