ArchitekturLoos Walter, nicht Adolf

Porträt: Der Name Loos ist untrennbar mit dem Architekten Adolf Loos verbunden. Leben und Werk seines unbekannten österreichischen Namensvetters Walter Loos werden erst jetzt allmählich erforscht. Dem Vordenker und Bohemien, der nach Argentinien emigrierte, ist nun eine Schau gewidmet.

Walter Loos, eine der großen Zukunftshoffnungen der österreichischen Architektur von heute“, verkündete im März 1934 „Nuestra Arquitectura“, eine renommierte argentinische Architekturzeitschrift. Dass der junge Architekt Walter Loos – Jahrgang 1905 – damals bereits über Kontakte nach Südamerika verfügt hätte, ist nicht bekannt, und auf die Idee, dass er selbst später am Río de la Plata leben würde, wäre der gebürtige Wiener wohl selbst nicht gekommen. Erstaunlich also, dass sich ein argentinisches Fachblatt für Walter Loos interessierte; und die Prophezeiung einer glänzenden Zukunft in Österreich steht in scharfem Kontrast zur Tatsache, dass der Architekt in seinem Heimatland in Vergessenheit geriet.

Trotzdem war es 1934 nicht abwegig, Loos eine große Zukunft vorauszusagen. Er hatte als Architekt einen Blitzstart hingelegt. Um 1928, mit gerade 23 Jahren, realisierte er erste Entwürfe für Einfamilienhäuser. Zu seinem Formenrepertoire gehörten Flachdächer, Fensterbänder, begehbare Dachterrassen, freie Grundrisse und glatte, weiße Fassaden – das war eindeutig neues Bauen, Avantgarde. Im Mittelpunkt seiner Entwürfe standen jedoch die Bedürfnisse der Bewohner, denen Walter Loos modernes Wohnen auf entspannte Weise ermöglichte. Zur Steigerung des Wohngefühls trug bei, dass Loos gekonnt auf die landschaftlichen Reize der Umgebung einging. In präziser Abstimmung auf die Lage des jeweiligen Hauses ließ er Innen- und Außenraum ineinander übergehen.

In nur wenigen Jahren – sein letzter österreichischer Bau datiert aus 1936 – errichtete Walter Loos mehrere Einfamilienhäuser, die zum Besten gehören, was hierzulande in der Zwischenkriegszeit gebaut wurde. Zudem entwarf er Möbel und Interieurs. Warum also kennt man den Mann, dem zurzeit in Wien eine Ausstellung1) gewidmet ist, heute kaum mehr?

Namensvetter. Darauf gibt es mehrere Antworten: keine öffentlichen Gebäude, keine theoretischen Schriften, ab 1940 im fernen Argentinien der österreichischen Wahrnehmung entzogen und nicht zuletzt – ein berühmter Namensvetter. Denn wer Loos sagt, meint Adolf. Mit diesem war der jüngere Walter aber weder verwandt noch verschwägert. Als Student arbeitete er zwar 1925 einige Monate in der Werkstatt von Adolf Loos, der gerade mit dem Bau des Hauses Tzara in Paris beschäftigt war. Mehr Beziehung zwischen Loos und Loos gibt es aber nicht.

Ab 1926 pendelt Walter Loos zwischen Österreich und Deutschland. In Würzburg beginnt er mit seinem Freund Peter Feile ein ehrgeiziges Siedlungsprojekt. In Ermangelung von Kaufinteressenten bleibt es jedoch bei drei bemerkenswerten Musterhäusern. Als 1935 der Bebauungsplan von Flachdachkuben auf Giebelhäuser im Heimatstil geändert wird, ist Loos bereits seit zwei Jahren wieder in Wien ansässig. Das nationalsozialistische Regime habe ihn als „Kulturbolschewisten“ angegriffen, vermerkt der Architekt später in seinem Curriculum Vitae. An unangenehmen Erfahrungen mit dem NS-Regime fehlte es Walter Loos offenbar nicht. Das erklärt vielleicht, warum er 1938 gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Elfriede Steininger, einer erfolgreichen Modedesignerin, die „Ostmark“ verlässt, obwohl sie beide nicht jüdischer Herkunft und nach heutigem Wissensstand politisch auch nicht exponiert waren.

Wie Loos verschlägt es auch einige seiner Auftraggeber in die Fremde. Für den Komponisten Alexander Zemlinsky hat Loos in Wien-Döbling ein Haus geplant, das inmitten gründerzeitlicher Villen durch seine Würfelform hervorsticht. Zemlinsky wird vom NS-Regime als Jude verfolgt und flieht in die USA. Ebenso der Industrielle Otto Lenz, dessen Haus zu den größten Bauten zählt, die Walter Loos realisiert hat. Das Ehepaar Landesberger will den Architekten 1938 mit der Einrichtung der ersten gemeinsamen Wohnung beauftragen. Der „Anschluss“ vereitelt den Plan. Loos begegnet den beiden in Buenos Aires wieder.

Walter und Elfriede, genannt Fridl, emigrieren 1938 zunächst nach London. Von dort geht es 1939 mit einem Besuchervisum für die Weltausstellung weiter nach New York. Die beiden Künstler erzielen in ihren jeweiligen Metiers rasch Erfolge, doch fehlt ihnen eine Arbeitsgenehmigung. Fridl wird deshalb sogar verhaftet und nach Ellis Island verbracht. Ihre Deportation droht. Walter und Fridl heiraten und verlassen die USA, allerdings mit der festen Absicht zurückzukehren. Als sie im Juni 1940 in Buenos Aires an Land gehen, wollen sie nur das Visum für eine legale Immigration in die Vereinigten Staaten abwarten. 1941 wird jedoch die Einwanderungsquote für deutsche Staatsbürger annulliert. Das Künstlerpaar bleibt in Argentinien.

Heftige Proteste. Schnell wird deutlich, dass die pulsierende Metropole Buenos Aires für Walter und Fridl Loos mehr als nur eine Notlösung darstellt. Der Architekt Loos wird noch einmal einige Zeit lang als Versprechen für die Zukunft gehandelt: 1943 erhält er als erster Ausländer und trotz heftiger Proteste argentinischer Konkurrenten den Staatspreis der Schönen Künste. Im selben Jahr kann er erstmals in Argentinien bauen. Für eine dänische Emigrantin entwirft er ein Sommerhaus im Badeort Mar del Plata. Dem Gedanken des „outliving“ trägt der Patiohof Rechnung: Loos knüpft damit an autochthone Bautraditionen an und verfolgt doch seine eigene Linie. Über das Patiohaus wird viel berichtet, trotzdem kommen nur wenige Bauaufträge nach. Die kompromissloseste Architektur verwirklicht Loos in Argentinien für sich selbst. Im Badeort Chapadmalal baut er ein Doppelhaus in kubischer Form mit durchgehend verglaster Fassade.

In Argentinien machte sich auch der Filmregisseur Kurt Land einen Namen, seine Frau Susi arbeitet als Assistentin von Walters Frau Elfriede. 1962, mit einer Verzögerung von mehr als zwei Jahrzehnten, wird Walter doch noch als Innenarchitekt für das Ehepaar Landesberger tätig. Er gestaltet ein winziges Einraumappartement. Die Fähigkeit, aus kleinsten Grundrissen ein Maximum an Wohnkomfort herauszuholen, hat Loos schon bei seinen beiden Häusern in der Wiener Werkbundsiedlung bewiesen. In Argentinien perfektioniert er dieses Können. Er entwirft flexible Möbel, die durch ihre Schlichtheit und eine bezwingende Logik in der Funktion bestechen – und verzeichnet denn auch vor allem als Möbeldesigner und Innenausstatter Erfolge: Seine Möbel sind von zeitloser Eleganz, für seine Interieurs kombiniert er unterschiedliche Formen, Farben und Muster, ohne den Eindruck von Beliebigkeit zu erwecken.

Prominente Kundschaft. Mehr noch als Walter reüssiert Fridl Loos in Buenos Aires mit ihren Modeentwürfen. Ihr Markenzeichen sind gewagte Farbkombinationen und die geglückte Verbindung von Wiener Schneiderkunst mit argentinischer Folklore. So setzt sie etwa den Schnitt des Ponchos für Abendkleider ein. Zu ihren Kundinnen zählen die Schauspielerinnen Hedy Lamarr und Lana Turner sowie die New Yorker Kosmetikindustrielle Helena Rubinstein.

Das Œuvre der beiden entwickelt sich in Argentinien in enger Parallelität: Sie bedienen nicht nur denselben Kundenkreis, sie versuchen auch beide, traditionelle argentinische Materialien und Formen in ihr durch die Moderne geprägtes Werk einzubringen.

In den vierziger Jahren sind Walter und Fridl sehr erfolgreich, zeichnen sich aber nicht gerade durch geschicktes Unternehmertum aus. Man pflegt einen großzügigen Lebensstil und führt ein offenes Haus. „Er hatte nichts Akademisches an sich“, sagte ein argentinischer Kollege und Freund über Loos. Eine treffende Beschreibung des Architekten wie des Menschen. Konventionen bedeuten Loos wenig. Er ist ein Bohemien durch und durch, entschlossen, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Unter dem südlichen Himmel fühlt er sich bald heimisch.

Doch Walter Loos’ argentinische Karriere flacht nach ihrem fulminanten Beginn allmählich ab. Viele Ideen bleiben unrealisiert, wie etwa sein originelles Konzept „schwimmender Häuser“, das er für ein überschwemmungsgefährdetes Erholungsgebiet nahe Buenos Aires erdacht hat. Frustriert über die geringen Möglichkeiten, Entwürfe zu verwirklichen, spricht er dem Alkohol mehr zu, als ihm gut tut. 1974 stirbt er – 26 Jahre vor seiner Frau Fridl – in Buenos Aires. Walter Loos hinterlässt ein schmales, über zwei Kontinente verteiltes Werk.

Von Sonja Pisarik