Aristokratie: Die Blaublutgruppe

Wiedereinführung der Titel, Ringen um Anerkennung als „soziologische Realität“ – eine Schar Aristos führt einen skurrilen Kampf um die eigene Identität.

Schloss Eckartsau in Niederösterreich ist ein hübsches, wenngleich unspektakuläres Gemäuer. Immerhin weht leise der Hauch der Geschichte durch die Gänge – verbrachte doch Kaiser Karl I. hier seine letzten Tage auf österreichischem Boden, bevor es für die Habsburger ins Exil ging. Entsprechend ergriffen durchstreifen vier junge Männer in Trachtenjankern an einem sonnigen Herbstnachmittag die Räumlichkeiten.

Im Innenhof werden sie von der Schlossleitung mit Spannung erwartet. Schließlich sind es „echte Adelige“, die hier auf den Spuren der Habsburger wandeln, und sie haben auch noch eine Mission. Graf Johann-Ferdinand von Kuefstein, 26, die gräflichen Brüder Thomas, 33, und Markus, 30, von Norman-Audenhove und Freiherr Achaz Jäger von Waldau, 32, sind gekommen, um im historischen Ambiente des Schlossmuseums ihren neu gegründeten Verein zu präsentieren. Der sorgt in Adelskreisen für erheblichen Diskussionsstoff: die Vereinigung der Edelleute in Österreich, kurz V.E.Ö.

Mit diesem Verein, der inzwischen 50 Mitglieder zählt, wollen die jungen Blaublüter dem angegrauten Image des Adels in Österreich einen neuen Anstrich verpassen. Und mit dem gelb ausgemalten Innenhof von Schloss Eckartsau würden sie gleich anfangen, wie einer bemerkt: „Das ist nämlich nicht Schönbrunner Gelb!“

Die V.E.Ö. versteht sich als Neuauflage einer Organisation, die vor 67 Jahren gewaltsam aufgelöst worden war und seitdem ihrer Wiedererweckung harrte. Ursprünglich 1914 als Vereinigung katholischer Edelleute in Österreich aus der Taufe gehoben und durch die Wirren der Republik-Gründung gerettet, war der Verein 1938, nach dem Anschluss an Hitler-Deutschland, als einer der ersten verboten worden. Herrenmenschen wurden im Nationalsozialismus bekannterweise mittels ganz anderer Kategorien definiert. Ab 1945 starteten unverdrossene Standesbewusste mehrere Versuche, die Vereinigung zu reanimieren. Allein – die von demokratischer Widerspenstigkeit unterwanderte Vereinspolizei kannte keine Gottesgnade und lehnte den Antrag auf Vereinsgründung gleich dreimal ab. Mitte der siebziger Jahre schließlich warfen die Herren erschöpft das Stecktuch und gaben auf.

Provokationsakte. Im vergangenen Juni startete eine Hand voll junger Edelleute einen erneuten Versuch. Und siehe: Die Wiener Bundespolizeidirektion gestattete die Gründung der Vereinigung der Edelleute in Österreich – ohne jeden Kommentar. Gründungsmitglied Achaz Jäger-Waldau wunderte es: „Wir haben zu unseren Namen all unsere Adelstitel dazugeschrieben!“ Dass die Vereinsbehörde diese „bewusste Provokation“ durchgehen ließ, mutet seltsam an. Ist das Führen von Adelstiteln doch nach dem Adelsverbotsgesetz von 1919 untersagt. Der auf sämtlichen Unterlagen der V.E.Ö. abgebildete Doppeladler spricht auch nicht vorbehaltlos für die republikanische Grundstimmung der Vereinigten Edelleute. Auf profil-Anfrage bei der Bundespolizeidirektion Wien, Abteilung Vereinsangelegenheiten, erklärt der zuständige Beamte Rudolf Müllebner jedoch kurz: „Warum der Verein bewilligt wurde, unterliegt der Amtsverschwiegenheit. Also quälen Sie mich nicht.“ Mutig. Denn so alt wie das Adelsverbotsgesetz ist nämlich die Festsetzung der Verwaltungsstrafe, die im Falle des Zuwiderhandelns zu verhängen ist: Die Summe beläuft sich gemäß Paragraf 2 Adelsaufhebungsgesetz auf zwanzigtausend – Kronen. Niemand hat sich je die Mühe gemacht, den Betrag in Schilling und Euro umzurechnen. Und keiner erinnert sich daran, dass eine derartige Strafe tatsächlich je verhängt wurde.

Entsprechend herausfordernd sind die Aktivitäten, die von den klassenkämpferischen „Edelleuten“ rund um das Thema Adelstitel entwickelt werden. So etwa sandte ein Vereinsmitglied seine frisch zugestellte e-Card spornstreichs an die Gebietskrankenkasse zurück: Als EU-Bürger habe er ein Anrecht darauf, mit seinem vollen Namen, Alexander Eckard von Eckenfeld, geführt zu werden. Die zentrale Einlaufstelle verkündete, das Anliegen weiterleiten zu wollen. Herr Eckard wartet immer noch auf eine neue e-Card. „Aber die Dinger funktionieren eh nicht, also ist es egal“, meint er. „Was zählt, ist die Geste des Widerstands.“

Das Adelsrecht sei ein übernationales Recht, sind die jungen Herren überzeugt. „Das kann nicht einfach von einem einzelnen Land abgeschafft werden.“ Die streitbaren Blaublüter planen sogar, sich bis zum Obersten Gerichtshof und darüber hinaus – „bis zum Europäischen Gerichtshof, wenn es sein muss!“ – durchzukämpfen. „Es ist doch traurig, dass ich nicht meinen ganzen Namen führen darf, den jeder meiner Vorfahren seit Jahrhunderten getragen hat“, sagt der Volksschullehrer Thomas Norman-Audenhove. Sein Bruder Markus geht einen Schritt weiter: „Das Tragen seines richtigen Namens ist ein Menschenrecht“, behauptet der Jus-Student, „und wird jedem EU-Bürger in den restlichen EU-Mitgliedsstaaten gesetzlich gewährt. Das lassen wir uns nicht nehmen. Wir werden so lange kämpfen, bis man im EU-Land Österreich seine Titel wieder offiziell verwenden darf.“

Blutswallung. Noch etwas bringt das blaue Blut in Wallung: „Dass es Mitgliedern regierender oder ehemals regierender Häuser verboten ist, sich der Wahl zum Bundespräsidenten zu stellen.“ Tatsächlich heißt es im Bundesverfassungsgesetz: „Ausgeschlossen von der Wählbarkeit sind Mitglieder regierender Häuser oder solcher Familien, die ehemals regiert haben.“ Die dazugehörige Erklärung findet sich auf der Website www.hofburg.at: „Die Bestimmung richtet sich gegen in der Geschichte immer wieder zu beobachtende Versuche, auf dem Weg über die Präsidentschaft der Republik die Monarchie wieder aufzurichten.“ Für die Vereinigten Edelleute ein Akt der Barbarei: „Solche gesetzlichen Bestimmungen sind veraltet und diskriminierend. Zeit, dass dagegen etwas unternommen wird.“

Die Frage ist nur: von wem? Zwar leben dank der inflationären Verteilung von Adelsbriefen durch Kaiser Franz Joseph I. in Österreich heute geschätzte 20.000 Menschen adeliger Abstammung. Aber ob das reicht, um als gesellschaftspolitische Kraft wahrgenommen zu werden?

Denn die Rolle des Adels in dieser Republik reduziert sich inzwischen auf ein reines Society-Phänomen. Inmitten all der Boutiquen-Doyennen, Lugneratis und rührigen Container-Bewohner, die das Gesellschaftsspiel zwischen Schein und Sein bis zur Perversion verinnerlichen und das Prinzip Elite karikieren, erweisen sich die Aristos als verlässliche Konstante für die Befriedigung eines von nostalgischen Gefühlen unterwanderten Voyeurismus.

Soziologische Realität. Davon ist auch der ehemalige Präsident des Österreichischen Verfassungsgerichtshofes, Ludwig Adamovich, überzeugt: „Man denke nur an ,Gräfin‘ Evi Walderdorff und ,Fürstin‘ Manni Sayn-Wittgenstein, die in den Adabei-Spalten des Landes zu Hause sind“, meint er. „Man wird den Leuten die Titel wohl nie abgewöhnen können.“ Ob das Verbot demnach überflüssig sei, darüber könne man endlos diskutieren: „Tatsache ist, dass der Adel weiterhin eine soziologische Realität ist und dass man diese mit gesetzlichen Bestimmungen nicht abschaffen kann.“

Solche Sätze sind Balsam auf die Anerkennungsdefizite der jungen Edlen von der V.E.Ö. Um dieser „soziologischen Realität“ auch gebührend Tribut zu zollen, plant man im nächsten Jahr – in Zusammenarbeit mit den ungleich durchschlagskräftigeren bayrischen Aristoverbänden – einen eigenen Adelsball, unter ihresgleichen jovial „Zackenhupf“ genannt (in Anlehnung an die den jeweiligen Adelsrang anzeigenden Kronen im Familienwappen), der sich stilistisch vom alljährlichen Karlsbader Adelsball klar unterscheiden soll. „Doch solche Unternehmungen sollen nicht von unseren Hauptzielen ablenken“, erklärt Achaz Jäger-Waldau.

Als vorrangige Mission betrachtet der Verein gemäß seinen Statuten nämlich vor allem „die Pflege echt adeliger Gesinnung“, worunter man eine „religiös-sittliche Weltanschauung, die Hochhaltung der sich aus der geschichtlichen Überlieferung und aus der Familientradition ergebenden Grundsätze und die Geltendmachung dieser Grundsätze auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens“ verstehe.

Ferner möchte man sich folgenden Dringlichkeiten widmen: „Der Förderung und Verbreitung der christlichen Überzeugung sowie genealogischer und heraldischer Studien“ und schließlich „der Schaffung und ständigen Weiterführung einer Matrikel jener Familien bzw. Adelshäuser, die zur Führung eines Adelstitels, nach dem Gesetze des geltenden Adelsrechtes, berechtigt sind“.

Zusätzlich will die Vereinigung auch „Einrichtungen für die materielle Unterstützung wirtschaftlich schwacher Standesgenossen der V.E.Ö.“ ins Leben rufen. „Sie sehen, es geht uns nicht um reine Vereinsmeierei“, erklärt Markus Norman-Audenhove, „und auch nicht um Wichtigtuerei. Wir glauben nun mal an die Gerechtigkeit unserer Sache. Und einer muss einmal damit anfangen, sie einzufordern.“

Auf die geschlossene Unterstützung des Adels können die jungen Edelleute jedoch nicht hoffen. Vor allem diejenigen, die in der Republik Karriere gemacht haben, zeigen sich skeptisch. Der pensionierte Generalsekretär des österreichischen Außenamtes, Albert Rohan, selbst von hocharistokratischem Geblüt, kommentiert den Klassenkampf lächelnd: „Für mich hat so ein Verein nur einen Sinn, wenn der Adel als Klasse in einer bestehenden Monarchie existiert und sich immer wieder erneuert, so wie es etwa in England der Fall ist. In unserer Staatsform hat der Adel aber keine Funktion und kann daher nur als museales Element herhalten.“

Das will Ferdinand Kuefstein partout so nicht stehen lassen. „Republik und Adel schließen einander nicht aus“, entwirft er kühn ein neues Demokratieverständnis. „Im Idealfall ergänzen sich die beiden.“

So schnell lassen sich die Repräsentanten eines fantastischen Realismus also nicht entmutigen. Im Gegenteil.

Sobald einige der alten Familienoberhäupter ins Spiel kommen, sind die derzeitigen Mitglieder überzeugt, würden die anderen schon folgen. „Das gibt einen Dominoeffekt. Und jene, die heute skeptisch sind, werden schon morgen die eifrigsten Mitglieder sein.“ Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Von Sylvia Steinitz