Arthur Schnitzler: Tagebücher als monumentales Zeitdokument

Melancholie, Selbstzweifel und Geldnöte: Arthur Schnitzlers Tage­bücher sind ein monumentales Zeitgeschichte-Dokument und zeigen bislang unbekannte Facetten des Dichters. Anlässlich seines 150. Geburtstags erscheint nun eine Jubiläumsedition.

Der Weltschmerz war Arthur Schnitzlers lebenslanger Begleiter. „Abends. Ich war und bin elend gestimmt“, notierte der 17-jährige Medizinstudent im November 1879, dem ersten Jahr seiner Tagebuchaufzeichnungen, „unzufrieden mit allem & jedem. Auch mit mir. Mit einem Mal (oho!) ist mir die Liebe Fanys nicht glühend genug. Bin ich verrückt? …“

Am Ende seines 69-jährigen Lebens, 1931, hieß es dann nur mehr lakonisch-resignativ: „Befinden übel wie gewöhnlich.“ Zu Beginn seines ungeliebten Medizinstudiums lebte Schnitzler noch wie damals üblich im elterlichen Haushalt in der Praterstraße, einem „Hotel Mama“, in dem der Geist des Liberalismus des assimilierten jüdischen Bürgertums wehte. Dort gab die „Fünfguldenlebemann“-Attitüde des Erstgeborenen häufig Anlass zu Konflikten: „Verdrießlichkeiten zu Hause wegen meiner Emanzipation. Zänkereien wegen meines Verkehrs …“ Die erotische Getriebenheit, die Schnitzler zeit seines Lebens rastlos nach neuen Reizen suchen ließ, zeichnet sich bereits in der Spätpubertät des Sohns eines literaturpassionierten Kehlkopfspezialisten deutlich ab. Noch während seiner schriftlichen Matura schreibt er: „Schwanken zwischen Fännchen und Thilde …“ Und wenige Zeilen vorher: „Ida beginnt sich für mich zu interessieren.“ Auch sein dualistisches Frauenbild scheint bereits in dieser frühen Phase fest zementiert: „Ich ging nun mit Ida allein eingehängt nach Hause. Unter strömendem Regen … Ich äußerte unter anderem, ein Mädchen müsse entweder schön oder geistreich sein; das gäbe ihr ein Recht auf Existenz …“

In seinem manischen Liebesleben beschränkte er sich auf keinen Typus: Er schwärmte für verheiratete Melancholikerinnen wie die Reichenauer Hoteliersgattin Olga Waissnix, zappelte im erotischen Würgegriff der Bühnenhysterikerin Adele Sandrock, wilderte im naiven Proletariat der Vorstadt und in der Demimonde des Praters. Paradoxerweise reagierte Schnitzler mit absurder Eifersucht, wenn er, der notorische Betrüger, selbst hintergangen wurde: Als „Canaille“, „Komödiantenhure“ und „niedrigste Creatur unter der Sonne“ beschimpfte er 1893 deshalb die Schauspielerin Marie Glümer. Das Theater wird schon früh zur Leidenschaft. Zu Jahresende 1879 bilanzierte er seinen regen Kulturkonsum: „Ich war im Burgtheater 14, Oper 11, Stadtth. 15, Wieden 4 … außerdem in Concerten 19mal.“

Die Sonderausgabe der zehnbändigen Schnitz­ler’schen Tagebücher, anlässlich seines 150. Geburtstags am 15. Mai eben erschienen, ist ein Mammutprojekt, das ein mehrköpfiges Forschungsteam an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über 25 Jahre beschäftigte. Das Kompendium erweist sich jedoch nicht nur als biografische Tour de Force für Schnitzler-Süchtige, sondern auch als monumentales Zeitgemälde, in dem von stark wieder aufflackerndem Antisemitismus, dem Beginn der Psychoanalyse, dem Untergang der Monarchie und dem Wandel der Alltagskultur durch das Kino (Schnitzler belegte rund 800 Kinobesuche) keine Facette der Umbruchepoche ausgelassen wird.

Schnitzler war ein manischer Chronist seiner Welt, seiner Befindlichkeiten und Epoche, der in diesen 7844 Seiten akribisch 19.207 Tage seines Lebens dokumentierte. Die letzte Eintragung an einem „üblen Nachmittag“ erfolgte zwei Tage vor seinem Tod, am 19. Oktober 1931: „Allein zu Hause genachtm. (genachtmahlt, Anm.) – Brief von Heini, der vor wenigen Tagen … umgezogen ist. Begann Friedells Kulturgeschichte 3. Band zu lesen …“
Bei seinem Freund Egon Friedell, der sich nach dem Einmarsch der Nazis in Österreich aus dem Fenster stürzen sollte, findet sich ein analytischer Absatz über die Bedeutung seines Werks: „Schnitzler hat das Wien des Fin de Siècle eingefangen und für spätere Geschlechter konserviert. Er hat damit etwas Analoges geleistet wie Nestroy für das Wien des Vormärz.“

Das musste Balsam für die von Selbstzweifeln über die eigene literarische Größe malträtierte Dichterseele gewesen sein. Denn Schnitzler, der von der antisemitisch gefärbten Kulturkritik häufig als oberflächlicher „Dichter der Semmering-Juden“ klein gemacht wurde, litt darunter, dass ihm die Anerkennung in der Literaturelite zu Lebzeiten verwehrt bleiben sollte.
Sein künstlerisches Trauma ereignete sich am 16. Februar 1921, als Wien anlässlich der Premiere von „Der Reigen“ den bis dahin größten Theaterkrawall seiner Geschichte erlebte. 600 stöckeschwingende Demons­tranten, bestehend aus selbst ernannten Sittenwächtern und enthusiastischen Antisemiten, stürmten die Wiener Kammerspiele, zertrümmerten die Spiegel und warfen vom Balkon aus Teer­-
geschosse, Stühle und Stinkbomben auf die Zuschauer. „Welches Spiel
der Verlogenheiten“, schrieb Schnitzler tief gekränkt über diese Schmähungen in sein Tagebuch. „Politicum. Unaufrichtig Feind wie Freund. – Allein, allein, allein.“

In der Folge übte Schnitzler Selbstzensur und verhängte ein Aufführungsverbot über die zehn Szenen, in denen er mit dem zwischengeschlechtlichen Kräftespiel seiner Protagonisten ein soziologisches Abbild der Zwischenkriegszeit zeichnete.

Nach dem Tod seines Vaters wachte Schnitzlers Sohn Heinrich, Regisseur und Schauspieler, der 1959 aus dem kalifornischen Exil nach Wien zurückkehren sollte, über dessen Wunsch. „Mein Vater nahm das sehr ernst“, erinnert sich der heute 68-jährige Enkel des Schriftstellers, Michael Schnitzler. „Ich weiß noch, dass er schwer mit sich zu ringen hatte, als der von ihm so verehrte Sir Laurence Olivier ihn um die Rechte an dem Stück bat. Er sagte ihm dennoch ab, denn er wollte niemanden bevorzugt behandeln.“ Anfang der 1980er-Jahre liefen die Urheberrechtsfristen ab.

„Sein Dilemma war, dass er sich als Boulevard-Schriftsteller miss­-
verstanden fühlte“, meint der Wiener Literaturwissenschafter Peter Michael Braunwarth, der sich seit 1975 im Team – zuletzt in Zusammenarbeit mit Rainer Urbach und Susanne Pertlik – mit der wissenschaftlichen Edition der Tagebücher befasste. „Er war aber alles andere als ein neidischer Kollege, sondern ein großer Bewunderer von Thomas Mann, Gerhart Hauptmann und insbesondere Hugo von Hofmannsthal, der für ihn immer unantastbar blieb.“

In einer Notiz über eine Zugfahrt nach Payerbach und die Begegnung mit einem Schriftsteller 1923 suchte Schnitzler seine Kränkung herunterzuspielen: „Hans Müller im gleichen Coupé, er fand, ich sei eigentlich nicht genug berühmt. Ich sagte: über Gebühr, aber nicht bekannt genug.“

In dieser Vollständigkeit und Akribie habe kein anderer Dichter je Tagebücher verfasst, sagt Braunwarth über die Edition: „Er war sich durchaus im Klaren, welche Bedeutung diese Bücher für die Nachwelt haben könnten. Alma Mahler erwähnt in ihren Memoiren, dass Schnitzler seine Tagebücher sogar für bedeutender hielt als seine literarischen Werke.“ Tatsächlich legen diese Schriften auch charakterliche Facetten Schnitzlers offen, die ansonsten unbeleuchtet blieben. „Er war ein unglaublich diskreter Mensch und hat jede Form von öffentlichen Auftritten gehasst“, erklärt Braunwarth, der eben mit dem dritten Band („Liebelei“) einer kritischen Gesamtausgabe befasst ist („Leutnant Gustl“ und „Anatol“ sind bereits erschienen). „Bei seinen eigenen Premieren wollte er nicht in der ersten Reihe sitzen und unerkannt bleiben. Als er von der Akademie der Wissenschaften geehrt werden sollte, verscherzte er es sich mit dem Direktor, indem er auf das begleitende Bankett verzichtete.“

Der Weltschmerz seiner Jugend manifestierte sich mit fortschreitendem Alter in schweren Depressionen. „Vertrödelter Tag in tiefster Verstimmung“, heißt es 1920 und wenig später: „Vernichteter Nachmittag – wie viele vernichtete Stunden gibt es eigentlich in meinem Leben?“ 1927 schrieb er: „Schwerste Depressionen bis zu Tränen.“

Auch bei seiner Seelenfreundin Alma Mahler, die immer wieder – auch nach der Trennung – die Rolle der Vermittlerin und Mediatorin zwischen Arthur und seiner 1921 geschiedenen Ehefrau Olga spielte, konstatierte er 1923 Angststörungen und Agoraphobie: „Z.N. (Zum Nachtmahl) bei (Felix) Salten; wo Alma Mahler. – Sie spricht von ihrer Angst allein zu gehen; – manchmal versucht sies – bis zur Oper, mit einem Wagen zurück. Fährt nie Tram.“

Die größte Tragödie im Leben des Dichters fand jedoch im Jahr 1928 statt: Der Selbstmord seiner erst 18-jährigen Tochter Lili, die mit dem Italiener und faschistischen Offizier Arnoldo Cappellini in Venedig verheiratet war, warf den ohnehin psychisch schwer angeschlagenen Dichter endgültig aus der Bahn. Nach einem kryptischen Telegramm des Ehemanns, dass Lili schwer erkrankt sei, flog Schnitzler mit Sohn Heini und seiner Ex-Frau „O.“ am 27. Juli 1928 nach Venedig: „… wir wissen alles (hatten es gewusst). Un coup de pistolet … Gestern um halb elf war sie schon hinüber …“
Während Olga sich von ihrer Tochter im Leichenschauhaus noch verabschieden wollte, schaffte der in Trauer versteinerte Vater diesen Gang nicht. Drei Tage später notierte er im sperrigen Telegrammstil seinen Schmerz: „Mit Arnoldo, O. und Heini in der Wohnung. Am Bette von Lili. Überall herum. Tiefste Verzweiflung. – Ihre Sachen, alle Kleinigkeiten. Kind, Kind, Kind!“

Der egomanische Verführer, der von einer „Herzensschlamperei“ zur nächsten raste, zeigt sich in seinen Tagebüchern als liebevoller Vater, dem das Wohlbefinden von „Heini“ und „Lili“ sehr am Herzen liegt. Erstaunlich auch, mit welcher Wehmut und wie lange er seiner Ex-Frau Olga nach der Trennung im Jahr 1921 noch nachhing. „Der Brief bewegte mich sehr; – wieder einmal scheint ein Abschluss definitiv … so unvorstellbar mir ein Zusammenleben mit ihr erscheint; das völlig Unwiderrufliche erschüttert mich zutiefst …“, schrieb er noch 1923.

Im Jahr der unwiderruflichen Zerrüttung selbst sprach Schnitzler häufig von Tränenausbrüchen, deren er sich – auch dies für das damalige Männerbild mehr als unüblich – nicht schämte. „Ich kann zuerst vor Thränen kaum reden. Sie (Lucy, Anm.) spricht das harte Wort aus, dass O. … das Maß von Leid nicht werth sei, das sie über mich gebracht hat.“ An anderer Stelle bricht es aus ihm heraus: „Melancholie, Melancholie, Melancholie!“ Dann heißt es nach einer Begegnung mit O., die Schnitzler um 40 Jahre überleben sollte: „Immer wieder ein Tod, immer wieder ein neues Begräbnis.“

Möglicherweise ging sein Verlustschmerz deswegen so tief, weil der notorische Frauenverführer von seiner Frau, einer früheren Schauspielerin, mit seinen eigenen Waffen geschlagen worden war: Ihre Affäre mit dem Komponisten und Pianisten Wilhelm Gross war in Wien um 1920 Stadtgespräch gewesen. Die berechnende Olga hatte ihren Mann mehrfach davor gewarnt, „ein Sensationsbratl“ aus der Scheidung machen zu wollen. Nach der endgültigen Trennung blieben die Kinder bei Schnitzler, und Olga zog nach einer „Kofferexistenz“ ins deutsche Baden-Baden, wo sie mit der Unterstützung ihres Ex-Manns eine Bleibe erwarb.

Trotz passabler Auftragslage war Schnitzler oft von Geldsorgen und Angst vor der Steuerbehörde geplagt. „Die durch den Marksturz veränderte Situation praeoccupirt mich; – und mir ahnen Sorgen. Lili gut aufgelegt“, hielt er 1922 fest. Wie bedeutsam ihm Lilis Lebensfreude war, lässt sich an unzähligen Eintragungen festmachen. Offensichtlich hatte er die Todessehnsucht seiner Tochter erahnt.

Den Umstand, dass Schnitzler nach der für ihn so schmerzhaften Trennung von Olga mit seinen Kindern in der Villa in der Sternwartestraße in Wien-Währing weiter wohnen blieb, begründet Schnitzler-Forscher Braunwarth weniger mit einem avantgardistischen Vater-Verständnis des Dichters als mit der Tatsache, „dass Heini zu diesem Zeitpunkt bereits 20 war und man die damals zwölfjährige Lili nicht aus ihrer gewohnten Umgebung reißen wollte“.

Obwohl er sich seit dessen ersten Publikationen mit Sigmund Freud auseinandergesetzt hatte und – animiert durch die Lektüre der „Traumdeutung“ – auch seine eigenen Träume aufzeichnete, kam es erst 1922 zu einer Einladung in die Berggasse. „Z. N. (Zum Nachtmahl) bei Prof. Freud“, schrieb Schnitzler am 16. Juni, „… Frau und Tochter Anna (die Lili im vorigen Jahr ein paar Monate unterrichtet hat). … Er war sehr herzlich … Begleitet mich in später Stunde von der Berggasse bis zu meiner Wohnung. – Das Gespräch wird wärmer und persönlicher; – über Altern und Sterben; – er gesteht mir gewisse Solneßgefühle ein (die mir völlig fremd sind).“ Damit bezog Freud sich auf Ibsens Drama „Baumeister Solneߓ, dessen Protagonist zugunsten seiner eigenen Karriere ein von brutaler Rücksichtslosigkeit geprägtes Aufsteigerleben führt; Freud entsorgte widerspenstige Jünger mit ähnlicher Gnadenlosigkeit. Für Schnitzler hegte er größere Bewunderung als umgekehrt. Schon 1906 schrieb der Begründer der Psychoanalyse an den Dichter: „Ich habe mich oft verwundert gefragt, woher Sie diese oder jene geheime Erkenntnis nehmen könnten, die ich mir durch mühselige Erforschung des Objekts erworben …“

Peter Michael Braunwarth
, der auch Schnitzlers „Traumtagebuch“ (von 1875 bis 1931, bei Wallstein) soeben erstmals veröffentlichte, erklärt, dass Schnitzler niemals und „trotz seiner depressiven Gefährdung“ eine Psychoanalyse erwog: „Er hatte viel zu große Angst um den Verlust seiner Kreativität. Er wusste, dass seine Neurosen künstlerisch wichtig für ihn waren. Außerdem widersprach Freuds Monomanie Schnitzlers Charakter.“ Kritische Eintragungen über die Entwicklung der Psychoanalyse finden sich in den Tagebüchern jedenfalls. „Kein Schwindel, keine Mystik, keine Psychoanalyse – also ohne Snobismus irgendwelcher Art“, notierte Schnitzler 1923, und im selben Jahr betont er die Notwendigkeit, „die Methode von ihren Übertreibungen und zwanghaften Vorstellungen zu reinigen“.

Trotz seiner zunehmenden Distanz zu Freud protokollierte Schnitzler seine Träume penibel weiter und widmete ihnen ein eigenes Typoskript, das er posthum herausgegeben wissen wollte. „Ich soll zum Vicebürgermeister von Wien gewählt werden“, heißt es da, „bin im Rathaus, aber in kurzer Pepitahose und blauem Rock … Ich bedenke unbehaglich, wie ich mich gegen antisemitische Pöbeleien benehmen soll …“ Der Judenhass des Wiener Pöbels ist ein durchgängiges Thema in den Tagebüchern. „Ich nenne ihn (den Antisemitismus) den genialsten Einfall, den die menschliche Gemeinheit je gehabt hat”, schreibt er 1924.

Oft finden sich nur dürre Bemerkungen wie „Pogromstimmung und Gefahr“ oder „antisemitische Krawalle im Rathausviertel“, eine Einladung zu einem Vortrag aus „polit. anti-hakenkreuzlerischen Gründen“ lehnte er ab. Schnitzler war zwar aus tiefster Überzeugung Demokrat, politische Umtriebigkeiten waren ihm aber zuwider. Dennoch besaß er durchaus prophetische Begabung: Kommentare zur Brüchigkeit der Monarchie und dem unvermeidlichen Ausbruch des Ersten Weltkriegs finden sich früh in seinen Schriften.

Die Gefahr, die von Hitler ausging, unterschätzte Schnitzler. Der Diktator kommt in den Tagebüchern nur zweimal vor, verpackt in dem verharmlosenden Begriff „Hitlerei“. Im September 1924 notierte er über den Dramatiker Hermann Bahr: „… der nun für die Hitlerei schwärmt und Kaiserin Zita besuchen will“. 1930 erwähnte er „den ungeheuren Schaden, den die Hitlerei im Ausland anrichtet“, und fügte hellsichtig hinzu: „Der künftige Krieg.“