Atlas des ethischen Konsums

Biotomaten mit mieser CO2-Bilanz. Gütesiegel-Rinder, die wie geprügelte Hunde leiden. Ökostrom, der die Atomindustrie unterstützt. Wer ethisch korrekt konsumieren will, muss lernen, dass auch Missverständnisse nachhaltig seinkönnen. profil ging den verschlungenen Spuren unseres Konsumverhaltens nach – und kam mit vielen schlechten, aber auch ein paar guten Nachrichten zurück.

Ein Warnhinweis: Einkaufen kann Ihre seelische Gesundheit gefährden. Es beschädigt das Gewissen, es verwirrt, und es macht die Welt beim besten Willen nicht besser. Die Macht des Konsumenten, der an der Supermarktkassa darüber abstimmt, wie die Welt seiner Ansicht nach auszusehen habe – ökologisch korrekt, menschenrechtskonform und tierleidfrei oder egal wie, Hauptsache billig – wird überschätzt. Denn diese Macht stößt schon weit vor der Kassa an ihre Grenzen. Weil der Konsument eben schon am Obstregal verzweifelt, weil ihm, der doch die Welt verbessern soll, für seine Wahl schlicht die Informationen fehlen. Verpackungsangaben zu Herkunft und Herstellung vieler Produkte bleiben vage, Skandalmeldungen in den Medien tragen weniger zur Aufklärung als zur Verwirrung bei, Gütesiegeln ist auch nicht restlos zu trauen, und selbst eindeutige Wahrheiten werden bei näherer Betrachtung unwahrscheinlich. Klassisches Beispiel: Bio-Tomaten aus österreichischen Glashäusern mögen geschmacklich und arbeitsrechtlich der spanischen Massenware deutlich überlegen sein, ihre CO2-Bilanz fällt trotzdem schlechter aus, weil der energetische Mehraufwand für den Betrieb der Gewächshäuser die Transportkosten der sonnenbestrahlten Importe leider überwiegt. Wie man es macht: Irgendetwas macht man falsch.

Trotzdem spricht natürlich nichts – oder jedenfalls nur ganz wenig – gegen regionale, ökologische Landwirtschaft. Es spricht allerdings einiges dagegen, sie naiv zu idyllisieren, und noch mehr, sie als bekömmliches ethisches Accessoire zu konsumieren und sich hinterher gut genug zu fühlen, um vieles schlechter zu machen. Eine in diesem Zusammenhang viel zitierte, im Fachblatt „Social Psychology & Personality Science“ veröffentlichte Studie legte nahe, dass Bioladen-Käufer sich im Restleben weniger sozial und hilfsbereit verhalten als normale Supermarktkunden – weil sie ja schon beim Einkauf bewiesen haben, dass sie bessere Menschen sind. Und, ganz ehrlich, wer schon einmal einen Bioladen von innen gesehen hat, glaubt dieser Studie gern. Probiotische Lebensweltenkönnen einem den Magen ganz schnell nach rechts verdrehen.

Eine Umfrage des Marktforschungsinstituts Nielsen im Auftrag der Agentur „Südwind“ ergab im Herbst 2011, dass 73 Prozent der Österreicher prinzipiell bereit wären, sich für die Einhaltung sozialer Mindeststandards in der Produktherstellung einzusetzen. Dass der Konsument diese Einhaltung beeinflussen könne, glaubten aber nur noch 46 Prozent. Genau 80 Prozent meinten außerdem, dass sich die Unternehmen besser selbst darum kümmern sollten. Dass diese das ganz freiwillig und aus philanthropischem Antrieb machen, ist wiederum zu 100 Prozent ausgeschlossen, denn: There is no such thing as a free lunch.

Man muss nicht jede Tomate zweimal umdrehen. Aber es bleibt einem nicht erspart, sich bei der ersten Umdrehung ein paar Gedanken zu machen. profil hat einige ausgewählte Konsumgüter näher analysiert (darunter auch Tomaten). Die Ergebnisse regen zum Nachdenken an. Das sollen sie auch. Eindeutigkeit ist in Ethikfragen nicht zu haben. Ein Rundgang in 12 Produkten – vom Fischstäbchen über das iPhone bis zum H&M-T-Shirt ...

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