Atomkraft: Kernfragen

Am 26. April jährt sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl zum 20. Mal. Während Experten noch immer über die Opferzahl streiten, planen Ingenieure einen neuen Sarg für die noch immer strahlende Ruine des Atommeilers.

Vor 20 Jahren, am frühen Morgen des 26. April 1986, wollten Ingenieure den Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl für Wartungsarbeiten herunterfahren. Gleichzeitig beabsichtigten sie, einen Turbogenerator zu testen, der im Notfall wichtige Systeme der Anlage mit Strom versorgen sollte. Doch das Experiment ging schief: Es kam zu einer kritischen Leistungszunahme der Brennstäbe um das Hundertfache – und zwar derart schnell, dass selbst eine Reaktorabschaltung von Hand nicht mehr klappte.

Stattdessen stieg die Temperatur weiter und setzte eine fatale Kettenreaktion in Gang. Der Kern erhitzte sich bis zum Schmelzpunkt, die Brennstabhüllen platzten, das Kühlwasser verdampfte, Wasserstoff wurde freigesetzt, verbrannte und sprengte das Dach des Reaktorgebäudes. Überdies begann der Grafit zwischen den Brennelementen zu brennen. Das Feuer wurde erst neun Tage später unter Kontrolle gebracht.

Bis dahin flogen 50 Tonnen Brennmaterial, 70 Tonnen Uran und 900 Tonnen radioaktiver Grafit in die Luft: eine radioaktive Rauchwolke, gesättigt vor allem mit dem kurzlebigen Jod 131 und Cäsium 137, dessen Spuren aufgrund seiner Halbwertszeit von 30 Jahren noch heute in ganz Europa zu finden sind. Zwei Tage später löste die prekäre Luftfracht Alarm in einem schwedischen Kraftwerk aus. So erfuhr die Welt von dem Unfall. Der KP-Generalsekretär der Sowjetunion, Glasnost-Held Michail Gorbatschow, trat am 14. Mai vor die Weltöffentlichkeit.

Reaktorruine. Der explodierte Atommeiler und die Nuklearwolke über Europa führten die potenzielle Gefahr von Kernkraftwerken drastisch vor Augen. Doch während man am 20. Jahrestag die in Beton eingesargte Reaktorruine als Mahnmal gegen technische Hybris wahrnehmen mag, bleiben die Konsequenzen weiterhin sichtbar. Die Strahlenbelastung forderte ungezählte Opfer – noch heute sterben Menschen an den Folgen. Hunderttausende wurden zwangsweise umgesiedelt. Die Angst vor der unsichtbaren Radioaktivität belastet die Psyche der Menschen zusätzlich.

Wer allerdings in und rund um Tschernobyl eine radioaktiv verseuchte Wüste erwartet, täuscht sich (profil 6/06). Wo der Mensch sich zurückgezogen hat, hat die Natur in der Todeszone, in einem Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktor, Gebiete zurückerobert: Füchse streifen durch die Wälder, Rotwild, Schmetterlinge, Luchse, seltene Vogelarten. Moose und Blumen sprießen, nur die roten Äste einiger Bäume deuten auf Krankheiten hin. Die Ukraine hat die Zone offiziell zum Naturschutzgebiet erklärt – und muss sich deshalb vorerst nicht um die Dekontamination kümmern.

Touristen kommen busweise vom zweieinhalb Stunden entfernten Kiew angereist, um sich 100 Meter vom Meiler entfernt ablichten zu lassen. Selbst rund 350 meist ältere Einheimische sind zurückgekehrt – allerdings ohne offizielle Erlaubnis. Sie essen das Obst und Gemüse aus ihrem Garten und melken täglich ihre Kühe. Doch auf den Märkten im entfernten Umland sind Geigerzähler ein alltägliches Bild.

Es ist eine höchst trügerische Idylle, brüchig wie der ausgediente Betonsarkophag, der die weiterhin strahlende Reaktorruine umhüllt. Die internationale Forschungsgemeinschaft debattiert seit Jahren, wie viele Todesopfer das Unglück gefordert hat – und wie viele Menschen den Spätfolgen noch erliegen werden. Unter diese Debatte wollte die in Wien ansässige Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) in Zusammenarbeit mit der Weltgesundheitsorganisation WHO im vergangenen September einen vorläufigen Schlussstrich ziehen. Die beiden Institutionen publizierten eine Studie des von ihnen organisierten Internationalen Tschernobyl-Forums. Das Ergebnis, kurz gefasst: alles halb so wild.

Nur 62 Strahlentote könnten demnach bislang ursächlich der Katastrophe zugeschrieben werden, die meisten von ihnen Mitglieder der Rettungsmannschaften, die unmittelbar nach der Explosion bei der Brandbekämpfung und den Aufräumarbeiten halfen. Zwar seien mehr als 4000 Personen an Schilddrüsenkrebs erkrankt, Kinder und Jugendliche vor allem, doch nur 15 der Patienten seien bislang ihrem Leiden erlegen.

Kaum war der Bericht veröffentlicht, hagelte es Kritik. Denn die Daten beschränken sich allein auf die Zahl der Toten jener rund 600.000 Personen, die der größten Strahlung ausgesetzt waren. Unberücksichtigt dabei sind aber jene 6,8 Millionen Menschen, die weiter von Tschernobyl entfernt lebten. Auch für diese Gruppe gibt es eine Mortalitätsschätzung – nur wurde diese in der 50-seitigen Zusammenfassung der IAEO nicht erwähnt. Demnach starben unter ihnen weitere 5000 Personen an direkten Folgen des Reaktorunglücks.

Im restlichen Europa besteht das Problem darin abzuschätzen, welche Folgen die vergleichsweise niedrigen Strahlendosen dort auf die Lebenserwartung haben. Eine von den Grünen im Europaparlament beim Strahlungswissenschafter Ian Fairlie in Auftrag gegebene Studie geht davon aus, dass weltweit bis zu 60.000 weitere Tote zu beklagen sein werden. Elizabeth Cardis von der International Agency for Research on Cancer in Lyon wiederum schätzt, dass in Europa noch 16.000 Menschen an den Folgen der radioaktiven Strahlung Tschernobyls sterben könnten. Wenn Cardis’ Schätzung stimmt, wären das 0,01 Prozent aller Krebstoten unter jenen 570 Millionen Europäern, die von Tschernobyl betroffen waren.

Neue Stahlhülle. Doch „werden wir nie wissen, ob wir mit dieser Schätzung Recht haben oder nicht“, erklärt Cardis in der aktuellen Ausgabe des Fachblatts „Nature“. Und obwohl auf Österreich und Süddeutschland weit mehr Cäsium 137 herabregnete als auf das übrige Westeuropa, lässt sich deshalb auch hierzulande noch keine klare Aussage treffen.

Während die Statistiker noch über die wahre Anzahl der Toten streiten, machen sich in der Ukraine Ingenieure daran, dem Reaktorkomplex eine neue Stahlhülle zu verpassen. Denn dort strahlen Tonnen radioaktiven Materials weiter vor sich hin, an einigen Stellen gar so stark, dass eine Dosis einen Menschen innerhalb von wenigen Minuten töten könnte. Der Beton hat Risse, Regen und Schmelzwasser sickern ins Innere der verseuchten Industrieruine, die einsturzgefährdeten Wände müssen von innen abgestützt werden. Der Plan sieht nun vor, einen riesigen Stahlhangar – 150 Meter lang, 100 Meter hoch – auf Schienen über die Überreste dessen zu schieben, was einst Block 4 war. Geplante Fertigstellung: 2010, geschätzte Kosten: 700 Millionen Euro.

Es muss sichergestellt sein, dass im Inneren kein Wasser kondensiert, damit der Stahl nicht korrodiert. Die Luft soll im Inneren fast stillstehen, damit kein Luftzug radioaktiven Staub aufwirbelt, der unter der Glocke Arbeitende gefährden könnte. Ferngesteuerte Kräne sollen Teile des alten Sargs demontieren. Nur die brennstoffenthaltende Masse, so die Planung, bleibt unberührt.

Eine Aufgabe für die nächste Generation.

Von Hubertus Breuer