AUA-Vorstände Bierwirth und Malanik im Interview: "Lufthansa ist keine Hängematte"

Die AUA-Vorstände Andreas Bierwirth und Peter Malanik über Privatisierung, Konkursgefahr und den Abgang von Alfred Ötsch.

Interview: Josef Redl und Rosemarie Schwaiger

profil: Herr Malanik, können Sie sich noch erinnern, wie Sie zu Amtsantritt die Frage „Was ist für Sie das größte Unglück“ im AUA-Mitarbeitermagazin beantwortet haben?
Malanik: Ich habe da eine sehr ironische Antwort gegeben, die leider in ihrer Ironie nicht von allen verstanden worden ist. Ich würde eine solche Antwort auf gar keinen Fall mehr geben.

profil: Damals haben Sie gesagt, das größte Unglück wäre für Sie, „wenn eine feine Sauce gerinnt, die Gänseleber anbrennt und gleichzeitig das Rehfilet trocken wird“. Auf die AUA bezogen – was wäre denn momentan das größte denkbare Unglück?
Malanik: Es ist furchtbar schwer, ein Unglück gegen ein anderes abzuwägen, denn das relativiert immer das eine wegen des Vergleichs mit dem anderen. Deshalb habe ich mittels Ironie versucht, gar keine Antwort zu geben. Meine Antwort von damals ist sehr übel aufgenommen worden. Ich habe daraus gelernt.

profil: Ein Antwortvorschlag: der drohende Konkurs der AUA. Wie nahe steht die Airline nun der Insolvenz?
Bierwirth: Ich bin überzeugt, dass die Existenz der AUA nicht zu hinterfragen ist. Auch wenn das gerne so dargestellt wird. Wir werden die Krise meistern.

profil: Sie selbst haben die AUA unlängst als „toten Patienten“ bezeichnet, Aufsichtsratschef Peter Michaelis sprach zuletzt häufig vom Konkurs.
Bierwirth: Das angesprochene Statement vom „toten Patienten“ ist auf einer internen Veranstaltung gefallen. Die Wortwahl war absichtlich krass, um nach innen ein Gefühl für die Ernsthaftigkeit der Situation zu vermitteln. Die Finanzkrise hat zu einer dramatischen Lage geführt. In Osteuropa, auf das wir einen starken Fokus gelegt haben, kollabieren die Märkte. Ohne die Rettungsbeihilfe von 200 Millionen Euro, die wir bekommen haben, wäre es mit der Liquidität sehr knapp geworden.

profil: Dramatisieren Sie, damit die Mitarbeiter zu Zugeständnissen bereit sind?
Bierwirth: Die Lage ist ernst, und eines muss klar sein: Wenn wir die Rettungs­beihilfen einfach verbrennen, dann verbrennen wir Lufthansa-Geld. Es geht hier weniger um das Risiko einer Illiquidität, sondern vor allem um die Erwartungen der Lufthansa.
Malanik: Und noch eines muss klar sein: Die Lufthansa ist keine Hängematte, sondern mehr wie ein Fitnessclub, dem man beitritt.

profil: Alfred Ötsch hat nach dem Abgang von Thomas Kleibl Anfang 2008 die Finanzagenden mit übernommen. Wer von Ihnen beiden ist nach dem Ötsch-Rücktritt eigentlich für die Finanzen zuständig?
Bierwirth: Intern haben wir eine Aufteilung, wo einer das Finanzressort übernommen hat, nach außen tragen wir beide die Verantwortung.

profil: Und wer macht das intern?
Malanik: Das kommunizieren wir nicht.

profil: Originell. Von den 200 Millionen Euro Rettungsbeihilfe sind bereits im Dezember 67 Millionen zur Schuldentilgung aufgewendet worden. Wie lange wird das Geld noch reichen?
Malanik: Die Schuldentilgung in der Höhe von 67 Millionen musste erfolgen, das war immer so geplant. Wenn man nicht auf die äußeren Umstände reagiert, dann kommt in jedem Unternehmen einmal der Punkt, wo es nicht mehr weitergeht. Aber wir reagieren mit zahlreichen Maßnahmen.

profil: Zu Jahresende hätte die AUA ohne die Beihilfe ganze vier Millionen Euro in der Kassa gehabt. Wann ist der Punkt erreicht, wo auch die verbliebenen 133 Millionen aufgebraucht sind? Kann es sein, dass die AUA demnächst zahlungsunfähig wird?
Bierwirth: Nein, und es ist falsch zu glauben, wenn die 200 Millionen aufgebraucht sind, ist es aus. Die Gesellschaft hat ja noch weitere Assets. In erster Linie sind das natürlich die Flugzeuge.

profil: Das heißt: Wenn im ersten Halbjahr bei Personal und Zulieferern nicht genug gespart werden kann, geht es an die Substanz, dann werden Flugzeuge verkauft.
Bierwirth: Klar. Aber es geht bei all diesen Überlegungen weniger um die Frage der liquiden Mittel, sondern darum, der Lufthansa zu zeigen, dass sich eine Übernahme lohnt.

profil: Könnte die AUA ohne Lufthansa noch überleben?
Malanik: Das ist eine rein hypothetische Frage. Aber selbstverständlich hat der Vorstand einen Plan B. Der schaut nur nicht sehr gut aus.

profil: Diesen Plan B haben Sie auch nach Brüssel übermittelt, wo die Kommission den AUA-Verkauf an die Lufthansa prüft. Wie sieht dieses Konzept genau aus?
Malanik: Wir haben im internationalen Vergleich einen sehr hohen Anteil an Transferflügen, nicht zuletzt aus Osteuropa. Diese Strecken wären besonders stark betroffen.
Bierwirth: Wenn man von München aus besser nach Osteuropa fliegen kann, dann hat das realwirtschaftliche Auswirkungen auf ganz Österreich. Viele Unternehmen haben sich in Wien angesiedelt wegen der guten Verbindungen in den Osten.

profil: Was wären die konkreten Auswirkungen auf das Unternehmen AUA?
Bierwirth: Ohne Destinationen zu nennen – wir würden ganz sicher um zwei Drittel weniger Langstreckenflüge durchführen. Wir wollen da aber lieber nicht ins Detail gehen. Wir wollen unsere Kunden nicht verunsichern. Das hätte sofort Auswirkungen auf die Buchungen auf den einzelnen Strecken.

profil: Sie haben kürzlich ein Krisenpaket präsentiert. Rund 50 Millionen Euro sollen bei Mitarbeitern über Gehaltskürzungen, Aussetzen der Pensionskassenbeiträge und Ähnliches eingespart werden. Gibt es schon Resultate bei den Verhandlungen?
Malanik: Ja, beim Tyrolean-Bodenpersonal, und wir sind in sehr konstruktiven Gesprächen mit den anderen Belegschaftsvertretern. Da werden wir so rasch wie möglich Erfolge erzielen. Ich möchte das gute ­Klima aber nicht mit einer zeitlichen Zielsetzung belasten.

profil: Ist es nicht ein schlechtes Signal, wenn Alfred Ötsch mit einer Millionenabfertigung spazieren geht und gleichzeitig die Mitarbeiter auf Teile ihres Gehalts verzichten sollen?
Malanik: Alfred Ötsch hatte einen Vertrag, den ich übrigens nicht kenne. Über Auflösungsmodalitäten hat die ÖIAG zu entscheiden.
Bierwirth: Von der Wirkung des Abgangs waren wir aber selbst überrascht. Es war im Unternehmen ganz plötzlich eine ganz andere Bereitschaft da, auf Inhalte zu hören, die Alfred Ötsch auch nicht anders präsentiert hätte. Der Begriff Märtyrer passt für Ötsch. Auch, dass die Geschichte einmal anders geschrieben wird – das wird so sein. Ohne die Person Ötsch und sein Engagement für den Strategiewechsel wäre es nie zu einer so raschen Privatisierung gekommen.

profil: Finden Sie den Zeitpunkt der Ablöse gelungen?
Malanik: Ob guter oder schlechter Zeitpunkt – es war auf jeden Fall die Möglichkeit für einen Neuanfang.

profil: Abgesehen von der Personalie Alfred Ötsch – bei der AUA wird es demnächst wohl zwingend einen Personalabbau geben müssen …
Malanik: Wenn wir davon ausgehen, dass wir auch in Zukunft diese Spezialistenrolle in Zentral- und Osteuropa einnehmen und auch das derzeitige Langstreckennetz ­aufrechterhalten werden, dann wird es ­keine großen personellen Veränderungen geben.

profil: Die gestrichenen Flüge müssen sich ja wohl auch auf der Personalseite auswirken.
Malanik: Jede Krise geht einmal vorbei. Dann werden wir unsere Mitarbeiter brauchen, um den Aufschwung zu nützen. Wir glauben, dass wir den Mitarbeiterstand mit Kurzarbeit, Urlaubsabbau und Gehaltsverzicht in etwa halten können werden.

profil: Bisher haben die Bemühungen um Gehaltsverzicht nicht sehr viele Ergebnisse gezeitigt. Ist das ein bisschen das Problem der AUA, dass da eine Verstaatlichtenmentalität herrscht nach dem Motto „Uns kann eh nichts passieren“?
Malanik: Ich glaube, dass diese Grundhaltung mittlerweile aus dem Unternehmen verschwunden ist.

profil: Herr Bierwirth, Sie schmunzeln …
Bierwirth: Weil das von außen gerne angeführt wird.

profil: Niki Lauda sagt das beispielsweise.
Bierwirth: Der hat ja auch nicht so viele Mitarbeiter. Etwa 38 Österreicher, die meisten anderen sind Leasingpersonal. Da redet es sich leicht.

profil: Die ersten Gespräche mit Lieferanten waren auch nicht allzu viel versprechend. Sowohl Flughafen Wien als auch OMV haben Ihnen ausrichten lassen, dass sie marktkonforme Preise verlangen und von diesen auch sicher nicht abweichen werden.
Bierwirth: Da draußen steht ein schönes, neues Terminal, und das muss gefüllt werden. Und wir können das füllen. Wenn wir bei der Lufthansa sind, wird es Transparenz im Preis geben. Und ich denke, dann werden die Gespräche sehr konstruktiv sein.

profil: Bis dahin fehlt Ihnen allerdings das Drohpotenzial.
Bierwirth: Wir werden den Flughafen-Leuten ganz klar sagen: Wenn ihr nicht mitmacht, dann muss der Flughafen sehen, was das für Folgen nach sich zieht.

profil: Sie haben im Rahmen Ihres Krisenplans ein Einsparungspotenzial in der Höhe von 225 Millionen Euro entdeckt. Da stellt sich die Frage, was Sie im vergangenen Jahr eigentlich gemacht haben. Immerhin dürfte man 2008 einen Rekordverlust von mehr als 130 Millionen Euro geschrieben haben. War der AUA-Vorstand – abgesehen von der Privatisierung und der Farce um Scheich Al Jaber – im Vorjahr untätig?
Malanik: Ich finde es interessant, dass ­dieser Eindruck entsteht. Wir haben im letzten Jahr eine derart gravierende Stra­tegiewende vollzogen, wie es sie in der ­Geschichte der AUA noch nicht gegeben hat.

profil: Einen Notverkauf kann man wohl kaum als Strategie bezeichnen.
Bierwirth: Ist aber so. Wir haben im Vorjahr komplett die Strategie umgestellt. Es war eine gewaltige Managementaufgabe, da neue Strukturen zu schaffen. Außerdem waren wir auch sonst im Jahr 2008 nicht untätig, haben beispielsweise ein Kostensenkungspaket von 50 Millionen Euro umgesetzt und bereits Streckenreduktionen eingeleitet.

profil: Trotzdem können Sie uns die eilige Privatisierung nicht als eine strategische Entscheidung verkaufen. Sie hatten keine andere Wahl.
Bierwirth: Als wir uns Anfang Mai die Strategiefrage gestellt haben, war es noch kein Notverkauf. Extreme Treibstoffpreisschwankungen und Weltwirtschaftskrise mit drastischen Nachfrageeinbrüchen waren damals für niemanden absehbar.

profil: Es war absehbar, dass Alfred Ötsch nach der Privatisierung seinen Hut nehmen muss. Ist er in den vergangenen Monaten zur Belastung für das Unternehmen geworden?
Bierwirth: Es wäre stillos, das jetzt im Nachhinein zu bewerten.
Malanik: Ich glaube, dass Alfred Ötsch unglaublich viel Mut bewiesen hat mit dem Strategiewechsel weg vom „Stand alone“. Er hat schon gewusst, was ihn in der Öffentlichkeit erwartet. Ötsch war der Einzige, der den Kurswechsel glaubhaft einleiten konnte. Er war es ja, der immer den Stand-alone-Kurs vertreten hat. Als dann ausgerechnet er gesagt hat, dass eine Partnerschaft nötig ist, hat das dem Unternehmen enorm geholfen.

profil: Das klingt jetzt wieder sehr nach Märtyrer.
Bierwirth: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass niemand den Privatisierungsprozess so schnell durchziehen hätte ­können wie Alfred Ötsch. Da hätte es bei ­jedem anderen erst einmal endlose ­Diskussionen gegeben. Hat der ein Ei­geninteresse? Vertritt der eine Parteilinie? Rück­blickend wird man irgendwann die Geschichte von Herrn Ötsch neu schreiben.

profil: Hätte man nicht viel früher auf eine Privatisierung drängen sollen?
Malanik: Das wird sich im Nachhinein nicht mehr feststellen lassen. Wir haben ja auch in den letzten Jahren Schulden getilgt. Bei einem früheren Verkaufsprozess hätten wir auch einen höheren Schuldenstand gehabt.
Bierwirth: Der Verkauf einer nationalen Fluggesellschaft ist eine verdammt emotionale Geschichte. Ich kenne weltweit keinen Fall, wo eine Airline ohne wirtschaftliche Not privatisiert worden ist.

profil: Die AUA-Privatisierung ist bekanntlich nicht ganz ohne Schwierigkeiten über die Bühne gegangen …
Bierwirth: Ich als Deutscher bin extrem beeindruckt, wie zielorientiert man da gehandelt hat. Das wäre anderswo nicht gegangen. Für mich war das eine politische Meisterleistung. Da ist etwas Großes in kurzer Zeit gelungen.

profil: Groß ist ja in erster Linie die Mitgift von 500 Millionen Euro, die man der AUA mitgegeben hat. Wo genau war da die Meisterleistung?
Bierwirth: Glauben Sie mir, wir haben auch mit den 500 Millionen noch genug Arbeit zu leisten, um den Erwartungen der Lufthansa gerecht zu werden.

profil: Dann bleibt uns nur noch, uns für das Gratis-Parkticket zu bedanken. Die AUA-Mitarbeiter müssen ja in Zukunft für die Garage zahlen.
Bierwirth: Ja, ab 1. März. Da haben Sie Glück, dass das Interview noch im Februar stattgefunden hat.

Fotos: Monika Saulich