Auch unter den österreichischen Moslems beginnt das Hinterfragen ihrer Grundsätze

Jeden Freitag, wenn die Sonne am höchsten steht, versammeln sich in der Schura-Moschee am Wiener Praterstern ein paar hundert Moslems, um die Predigt von Scheich Adnan Ibrahim zu hören. Ende vorvergangener Woche hatte er hier eine Fatwa, einen für alle Gläubigen weltweit verbindlichen Befehl, gesprochen: Jeder aufrechte Moslem, der von geheimen Terrorplänen und Anschlägen erfahre, müsse dies unverzüglich den Behörden melden.

Scheich Adnan war vor einigen Jahren als palästinensischer Flüchtling nach Österreich gekommen, ein gebildeter Mann, der in seinen Predigten gern die Weltliteratur zitiert. Er wollte, sagte er zu profil, dem Land, das ihm „Asyl und Geborgenheit gegeben hat, etwas zurückgeben“. Außerdem glaube er, dass in solchen Zeiten schnell einmal „Gefahr im Verzug“ sei und die Gläubigen „nicht erst auf eine Aussprache mit dem Imam warten sollen, wenn ihnen etwas zu Ohren kommt, was die Behörden wissen sollten“. Auch wenn sie dabei „Glaubensbrüder verraten“ müssten.

Im Grunde „eine Selbstverständlichkeit“, meint der Imam, erst recht in einem Land, in dem das gute Einvernehmen mit der moslemischen Gemeinde als politische Maxime gilt. Moslems dienten in der Habsburger Armee, beteten in Häusern, die der Kaiser hatte errichten lassen. Schon 1912 war ihre Religion offiziell anerkannt worden. Kaum ein Land hat den innerreligiösen Dialog über die Jahrzehnte so hingebungsvoll gepflegt wie Österreich. All das trug dazu bei, dass sich die Moslems hierzulande „willkommen und nicht benachteiligt fühlen“, sagt der Islam-Religionslehrer Fuat Sanac.

Doch die Koordinaten für das scheinbar Selbstverständliche haben sich verschoben. Seit den Anschlägen auf Pendlerzüge in Madrid am 11. März 2004 und den Attentaten auf Londoner U-Bahnen und Busse lastet auf Moslems in den westlichen Ländern der Generalverdacht, aus ihrer Mitte könnte der nächste Attentäter kommen. „Terror hat keine Religion“, hört man dieser Tage oft. Doch die Illusion, mit dem Islam habe das alles nichts zu tun, ist nicht mehr aufrechtzuerhalten. Scheich Adnan fand für die schmerzhafte Erkenntnis ein eindrückliches Bild: Extremismus schieße „aus der Religion hervor wie ein Pfeil aus einem Bogen“.
Am vergangenen Freitag drängten sich weniger Menschen in der Schura-Moschee, ein schmuckloser Bau, von außen kaum als Gebetsstätte erkennbar, der im Inneren zu einer weitläufigen Halle wird, in deren rückwärtigem Teil die Frauen sitzen dürfen, nicht hinter einem Vorhang oder einer Mauer verborgen, wie es andernorts üblich ist. Scheich Adnan strengte sich an, die Moral seiner Fatwa zu vertiefen, an die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie und die Rechte der Frauen zu erinnern. Just während Adnans Rede wurde eine österreichische Fotografin angeherrscht, weil sie kein Kopftuch trug. Die Moschee gilt dennoch als relativ liberal. Schon nach der Ermordung des niederländischen Filmemachers Van Gogh durch einen Islamisten hatte Scheich Adnan seine Schäfchen zu Selbstreflexion aufgefordert. „Erforsche dein Gewissen“, sagte Adnan, „wer sich nach außen hin distanziert, sich innerlich aber freut, ist ein Partner des Verbrechens.“

Genugtuung. Trotz Bemühungen einzelner Autoritäten tun sich auch die einheimischen Moslems mitunter schwer, die Anschläge der Gotteskrieger zu verurteilen. So mancher Moslem, der sich insgeheim als Opfer des Westens fühlt, distanziert sich vom Terror und schickt dann Erklärungen hinterher, die sich wie Entschuldigungen ausnehmen. Andrea Saleh, Vorsitzende des Vereins der muslimischen Frauen Österreichs: „Bei einigen gibt es eine gewisse Genugtuung über den Terror, weil sie ihn als Reaktion auf die Lage der Muslime in der Welt betrachten.“

Diese Doppelzüngigkeit ist für Omar Al Rawi, Integrationsbeauftragter der Islamischen Glaubensgemeinde und SPÖ-Landtagsabgeordneter, nicht akzeptabel. Die Moslems in Österreich hätten eine gewisse Bringschuld gegenüber dem Land, in dem sie leben. „Wenn wir zu Recht gegen die Schändung des Korans auf die Straße gehen, müsste dann nicht erst nach solchen Terroranschlägen unsere Wut lodern?“
Wenn es diese Wut nun gibt, dann glimmt sie bisher eher still vor sich hin. Erst vergangene Woche ordneten die geistlichen Führer an, die Beschlüsse der großen Imame-Konferenz vom Oktober 2004, die ausnahmslos „jeden extremistischen Gewaltakt auf der Welt“ verurteilen, in den Moscheen auszuhängen. Es ist ein wichtiges Signal an die Gemeinde und vielleicht der Anfang eines schmerzhaften Reflexionsprozesses. Plötzlich werden überall in Europa lange zugedeckte Bruchlinien und unter den Teppich gekehrte Konflikte zwischen den Generationen sichtbar.

Die Anschläge in Madrid und London wurden von jungen Männern der zweiten und dritten Zuwanderergeneration verübt. Glaubt man Geheimdiensterkenntnissen, rekrutieren sich Selbstmordattentäter auch künftig vor allem aus diesen vermeintlich angepassten Kreisen. „Man ist fassungslos, wenn man sich die Lebensläufe der Attentäter von London anschaut“, sagte Innenministerin Liese Prokop vergangene Woche anlässlich der Präsentation des Verfassungsschutzberichts. Die neuesten Erkenntnisse bestätigen die Innenministerin, den „österreichischen Weg“ weiterzugehen: Die ohnedies engen Kontakte zur Islamischen Glaubensgemeinschaft und zivilgesellschaftlichen Institutionen müssten noch intensiviert werden, um die „Selbstreinigungskräfte“ zu stärken.

So hofft die Polizei, radikale Elemente in der Gemeinde rechtzeitig isolieren zu können. Unter den Moslems selbst kursieren ähnliche Überlegungen. Als wirksames Mittel gegen fundamentalistisch platte Gottesvorstellungen und den daraus folgenden politischen Irrwegen empfiehlt Harun Özdemirci, Vorsitzender des türkischen Kulturvereins ATIB, einen „guten Religionsunterricht“. Als bisher einziges EU-Land zahlt in Österreich der Staat Religionslehrer, die von der Islamischen Glaubensgemeinschaft ausgewählt werden und in deutscher Sprache unterrichten müssen.

Ressentiments. Diese Politik der wechselseitigen Verständigung hat sich bewährt, auch wenn die Bevölkerung das ein wenig anders sieht. Einer Umfrage des Marktforschungsinstituts market im Auftrag von profil zufolge empfindet ein Drittel der Befragten das Zusammenleben zwischen moslemischer und nicht moslemischer Bevölkerung als „weniger gut“ beziehungsweise „gar nicht gut“.
Die Meinung der Moslems zu diesem Thema wurde nicht erhoben. Es scheint jedenfalls auch in Österreich eine größer werdende Zahl junger Männer zu geben, die sich in der Gesellschaft nicht zu Hause fühlen und sich aus dem Islam ihre eigene Ideologie zusammenbasteln. Religionslehrer Fuat Sanac, Vorstandsmitglied der Islamischen Glaubensgemeinschaft, hat schon einige Bekannte abdriften sehen. Ein Technik-Student habe einmal in größerer Runde mit dem Gedanken gespielt, eine Bombe zu legen: „Wenn ich hier nicht in Ruhe leben kann, sollen das auch die anderen nicht.“ Ein anderer habe nach einem längeren Urlaubsaufenthalt angefangen, am angeblich zu westlichen Lebensstil seiner Freunde herumzunörgeln.

Sanac sieht in den besorgniserregenden Entwicklungen auch das Versagen der Elterngeneration. Die Gastarbeiter, die in den siebziger Jahren nach Österreich gekommen waren, träumten davon, ordentlich Geld zu verdienen, um es im Alter in der Heimat gut zu haben. Allein in der Türkei stehen hunderttausende Häuser leer, die mit dem Geld von Putzfrauen, Bauarbeitern und Montagekräften errichtet wurden. Die zweite Generation, ihre Kinder, wurde gedrängt, möglichst schnell zum Familieneinkommen beizutragen, statt Jahre in der Schule oder an der Universität zu vergeuden. Früher, als Sanac noch als Imam arbeitete, predigte er oft: „Schickt eure Kinder in die Schule!“

Skurrile Auslegungen. Nur wenige befolgten seinen Rat. Die Kinder, die in den siebziger Jahren in die Schule gingen, hatten noch kaum Islam-Unterricht. Erst 1982 startete der Religionsunterricht mit damals fünf Lehrern in ganz Österreich.
Nach Sanacs Erfahrung habe dies die Bildung einer Art Volksreligion gefördert. Immer wenn Eltern erziehungstechnisch anstanden, musste der Islam herhalten. Dagegen helfe nur ein fundierter Religionsunterricht.
Selbst in seiner eigenen Familie habe er schon skurrile Auslegungen des Islam erlebt. Sein halbwüchsiger Sohn wollte zu Silvester Knallkörper zünden. Das machen nur die Christen, verbot die Mutter. Daraufhin zeigte der jüngere Bruder keck auf den Wohnzimmerluster und sagte: „Der ist auch von Christen. Soll ich ihn kaputtmachen?“
Von einem falsch verstandenen Islam hinein in extremistische Zirkel könnte es ein kleiner Schritt sein. Farid Hafez, Vorstandsmitglied der „Muslimischen Jugend“, Student der Politikwissenschaft, kam in Ried im Innkreis als Sohn eines Ägypters und einer Österreicherin zur Welt. Er war der einzige Moslem in der Klasse, betete in Abstellräumen und nahm mangels Alternative am katholischen Religionsunterreicht teil. Wirklich religiös wurde er erst in der Pubertät. Niemand weiß, was aus Hafez geworden wäre, hätte er in seiner Pubertät nicht doch einen ordentlichen islamischen Religionsunterricht an seiner Schule bekommen.
Als besonders gefährdet gelten Beobachtern der extremistischen Szene bosnische Jugendliche, die mit ihren Eltern Anfang der neunziger Jahre als Flüchtlinge nach Österreich kamen und aus der Ferne mitbekamen, wie ihre Landsleute etwa in Srebrenica abgeschlachtet wurden.
Mittlerweile gibt es in Österreich moslemische Gruppierungen, die mit einer rigiden Ausrichtung besonders Jugendliche ansprechen. Etwa die Predigerbewegung Tabligh, die vorgibt, mit Politik nichts zu tun zu haben, in Wahrheit jedoch für die Wiedererrichtung eines Kalifats kämpft.

Gottesstaat. Die Idee eines islamischen Gottesstaats wird auch in der berüchtigt gewordenen Moschee in Wien-Neubau gepredigt. Deren Iman, der Bosnier Abu Muhammed, und der konvertierte Österreicher Armin Bibars lehnten in einem „Presse“-Interview ganz offen die westliche Demokratie ab.

Auf solche Tendenzen reagierte die Islamische Glaubensgemeinschaft bisher mit Verharmlosen und Beschwichtigen. Ihr oberster Repräsentant, Anan Schakfeh, fand lange auch nichts dabei, dass ein Vertreter der fundamentalistischen Befreiungspartei Tahrir die Religionslehrer in Wien aussuchte. Diese Organisation strebt laut jüngstem Verfassungsschutzbericht einen islamischen Gottesstaat und die Vernichtung des Staates Israel an und bedient sich dafür konspirativer Strukturen.

Keinerlei Einfluss hat die Glaubensgemeinschaft auf private islamische Schulen, die von Saudi-Arabien oder Libyen finanziert werden. In den dort verwendeten Schulbüchern wurden, wie „News“ berichtete, Kinder gegen den Westen aufgehetzt: „Bekämpfet die Ungläubigen, die in eurer Nachbarschaft wohnen. Lasst sie eure Strenge spüren.“
Nach den Terroranschlägen lösen Empfehlungen dieser Art auch bei Moslems großes Unbehagen aus. Statt Ekel vor der Welt, in der sie leben, sollten die Jugendlichen an demokratische Spielregeln gewöhnt werden, meint der SPÖ-Abgeordnete Al Rawi. „Viele sind ja aus Diktaturen geflüchtet. Sie sollten hier die Chance bekommen, als Betriebsräte zu kandidieren oder auf kommunaler Ebene ihre Vertretung wählen zu können.“ Auch wenn der ÖGB sich seit Jahrzehnten nicht dazu entschließen kann und das Wiener Wahlrecht, das eine Wahlmöglichkeit auf Bezirksebene vorgesehen hatte, erst vor einem Jahr gekippt wurde, ist Al Rawi optimistisch: „Wir haben in Österreich keinen Assimilationsdruck. Aber wir sollten auch nicht wie bisher nebeneinander herleben.“

Von Edith Meinhart und Christa Zöchling