Auf und davon

Über die ideale Zeit, das Weite zu suchen.

„Zweimal pro Jahr ist hinweg die richtige Richtung“
Harald Prinzhorn (†), Unternehmer

Geld ist die einzige Sache, die nur eine Seite hat. Zu wenig davon bewirkt Leid, zu viel davon mindestens Sorge. Conrad Hilton und Paul Getty waren reizende Burschen, ehe sie ihre erste Dollar-Million machten. Dann wurden sie ängstlich, gierig und geizig. Hilton lag nächtelang wach, als er gegen David Ogilvy eine 100-Dollar-Wette verlor. Getty gab immer weniger Trinkgeld und schließlich keines mehr. So wie manche Aristos, Schauspieler und Mitglieder der Bussi-Bussi-Society glauben manche Reiche, es sei schon Ehre genug, sie bedienen zu dürfen – eine Auffassung, die kein Wagenmeister oder Kellner teilt.

Kluge Reiche haben nur dann das Gefühl, im Luxus zu leben, wenn dieser nicht durch Geld, sondern durch Freiheit definiert ist: die Freiheit der Meinung, die Freiheit der Freundeswahl oder die Freiheit, sich antizyklisch bewegen zu dürfen. Von Letzterer ist hier die Rede. Die Freiheit, gegen den Mainstream zu leben, ist nicht für alle Menschen attraktiv. Viele suchen die vollendete Über-einstimmung mit ihrer Umwelt. Sie werden von der Wärme des Kollektivs angezogen. Dies ist der seelische Hintergrund für viele unverständliche Nachteile, die freiwillig in Kauf genommen werden, etwa die vorhersehbaren Autobahn-Staus in den ersten Urlaubstagen. Nicht alle Betroffenen sind Lemminge. Viele sind an die Ferien der Kinder gebunden oder an die Werksschließung ihrer Autofirma, die alle zugleich wegschickt, um über den Sommer auf neue Modelle umzurüsten.

Die Privilegierten nützten schon bisher die Möglichkeit, den Urlaub vor oder nach der Mehrheit anzutreten. Es gibt nun einen weiteren, zeitgemäßen Grund, erst dann wegzufahren, wenn alle wieder zurück sind. Er lautet: Die heutigen Chefs (Mittelmanager, Topmanager und Freiberufler) sind nach dem Urlaub noch schlechter drauf als vor dem Urlaub. Früher kehrten sie schöner, jünger, gesünder, fröhlicher und freundlicher zurück. Heute sind sie nervlich zerrüttet. Sie können ihre „heiligen Tage“ (Holidays) nicht mehr genießen. Sie fühlen sich durch jeden freien Tag in ihrer Stellung und Existenz gefährdet. Bei Managern dürfte der Hauptgrund darin liegen, dass nun weltweit ein kurzatmiges Shareholder-Value-Denken griff. Wer in jedem dritten Monat von gierigen Aktien-Coupon-Schneidern auf noch bessere Zahlen abgeklopft wird, hat keine Zeit mehr für Urlaube. Er braucht schon die freien Wochenenden, um seine Vierteljahresbilanz zu frisieren.

Der Nichterholungs-Effekt hastig eingeschobener Kurzurlaube macht die Chefs zu Wracks und ihre Mitarbeiter zu Opfern. Durch panische, berufliche Ideen in sun, sand & sea aufgeziegelt, wollen sie nach dem Urlaub oft alles ändern und Kosten sparen auf Teufel komm raus. Besser, ihnen in diesem Zustand nicht über den Weg zu laufen. Wer vom Urlaubswrack erblickt wird, wird abgewertet oder gefeuert. Man darf von einem inversen Kaiser-Karl-Effekt sprechen. Der letzte Habsburger wurde einst „Seh-Adler“ genannt, weil er auf seiner Flucht jeden adelte, den er sah.

Es mag sinnvoll sein, vor diesem Szenario einer leidträchtigen, Qualitätsverluste und langfristige Bilanzverluste gebärenden Gegenwart die persönlichen Reisestrategien zu perfektionieren. Ziel wäre, wenigstens diese schöne Ecke des Lebens optimal zu gestalten. Die folgenden Tipps fangen bei Kindern an, dienen dann auch den Erwachsenen. Tipp 1: Sorgfältige Auswahl der eigenen Eltern. Ideal sind jene, die selbst gern reisen. Der Vorteil frühester Reisen liegt im Abbau von drei Ängsten: Entfernungsangst, Berührungsangst, Fremdsprachenangst. Ins Kindergehirn fallen fremde Sprachen wie Farbe auf Schnee.
Tipp 2: Nütze diverse Ferien-Austauschprogramme, an der Hochschule auch die Chance eines anrechenbaren Auslandssemesters. Kindheits-und-Jugend-Netzwerke halten besonders lang. Tipp 3: Aus eigener Erfahrung empfehle ich (sofern man die Wahl hat), das Anstrengende in jüngeren Jahren zu erledigen. Ich bin heute froh, die USA und halb Südamerika, Asien mit Tibet und generell von Alaska bis Südafrika die wichtigsten Ziele abgehakt zu haben. Merkwürdige weiße Flecken, die außer mir jeder kennt, wie das vielfältige und schöne Deutschland, Korfu, Malta und Roseggers Waldheimat erreiche ich noch in dreißig Jahren als Greis zu Fuß oder per Ruderboot.

Tipp 4: Möglichst antizyklisch verreisen, aber mit Bedacht auf die Sinnhaftigkeit des Reisemonats für das Zielland. Tipp 5: Nehmen Sie Weltreisende des 18., 19. und 20. Jahrhunderts wie Goethe, Turner, Humboldt, Chatwin, Theroux und Grass als Vorbild. Sie haben ihre Reisen als Schreiber, Zeichner, Maler (Letztere auch als Fotografen) begleitet. So schufen sie wertvolle Reisewerke und durch osmotische Assoziation ihre eigene, ewige Erinnerung. Tipp 6: Reisen Sie nicht nur im Urlaub. Impfen Sie jede stressige Arbeitswoche mit dem Serum einer Tag- oder Nachtreise durch die eigene Stadt. Erweitern Sie damit die „Mischkunst des Lebens“, die uns einst Goethe lehrte: „Man soll alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“ WienerInnen werden beispielsweise sehen, dass sich rund um jede der 95 U-Bahn-Stationen neue Geografien eröffnen. Die mir persönlich lieben Bürgermeister Helmut Zilk und Michael Häupl schauen nach dem zweiten Achtel mit Recht drein wie die Herrscher aller Meere. Durchstreifen Sie die Gewässer mit Leica und Notizblock. Schenken Sie uns den neuen, frischen Bild-Text-Band von Wien. Die Klassiker ermatten uns schon ein wenig. Aber beeilen Sie sich, sonst bin ich schneller als Sie. Gute Reise.