Auf der Endstrecke der Nachlass-Literatur:
'Neues' von Doderer, Merkel und Bernhard

Ein unlängst entdeckter Thomas-Bernhard-Essay machte den Anfang – nun erscheinen Prosatexte aus dem Nachlass von Heimito von Doderer und Inge Merkel.

Von Wolfgang Paterno

Noble Zurückhaltung zählt gemeinhin nicht zu den idealen Arbeitsvoraussetzungen von Mitarbeitern in den Presse-Departments großer Verlage. Publikationen von Debütanten werden in der Werbung zum „Ereignis“ hochstilisiert; die jeweils jüngste Arbeit routinierter Erzählkräfte ist wie selbstverständlich ein „Höhepunkt des Schaffens“, ein „Meisterwerk“. Trouvaillen aus dem Nachlass berühmter Autoren erhalten bevorzugt die verkaufsfördernden Adjektiva „sensationell“ oder „genial“. Anschwellender PR-Gesang war etwa zum Erscheinen der Jahrzehnte verschollen geglaubten Milieustudie „Rummelplatz“ (2007) des ehemaligen DDR-Autors Werner Bräunig zu verzeichnen: Als „berühmtester ungedruckter Roman der Nachkriegszeit“ wurde das Buch taxfrei avisiert.

Schmährede. „Nach Thomas Bernhard kann die Kunst der Übertreibung auch die Form der Untertreibung annehmen“, zitierte das Frankfurter Verlagshaus Suhrkamp jüngst ein Aperçu des Autors anlässlich der kürzlich erfolgten Veröffentlichung von „Meine Preise“, einer um 1980 fertiggestellten, zu Lebzeiten des 1989 verstorbenen Literaten nie publizierten Textsammlung. Die übermütige Schmährede müsse, so folgerte der Verlag in eigensinniger Logik, „im Sinne einer solchen Untertreibung als Sensation gelten“.

Neben dem Bernhard-Fundstück förderten Archivausgrabungen unlängst neue alte Textmaterialien weiterer österreichischer Klassiker zutage. Neben einem Roman­fragment der 2006 in Mexiko 84-jährig verstorbenen Wienerin Inge Merkel werden mit den ­Erzählungen „Seraphica“ und „Montefal“ als Resultat wissenschaftlicher Recherche zwei Frühwerke Heimito von Doderers (1896–1966) erstmals der literarischen Öffentlichkeit präsentiert.

Der Münchner C. H. Beck Verlag , der das Gesamtwerk des Romanciers („Die Strudlhofstiege“) seit Langem beispielhaft betreut, betreibt für die neu entdeckten Manuskripte allerdings Marketing ohne superlativische Schattierung – aus gutem Grund: Die rund 70 Druckseiten umfassenden Texte sind keine Sensation, sondern Teil der schriftstellerischen Entwicklungsgeschichte des Autors, vorsichtige Versuche und Fingerübungen, über die literarische Distanz zu gehen – letztlich Stoff für die Literaturwissenschaft. Die zwischen 1922 und 1927 entstandenen Erzählungen fächern Themen aus der mittelalterlichen Welt in einer Weise auf, welche die von Doderer später kultivierten Ansprüche an Form, Inhalt und ­Ereignisdichte seiner Schreibarbeit mit nai­ver Leichtigkeit unterlaufen.

In „Seraphica“ , einer drögen Darstellung von Leben und Wirken des Heiligen Franz von Assisi, schreibt der Schriftsteller als Kitschier: „So finden wir ihn lautersten Lebens voll zu jener Zeit, im brüderlichen Kreise Flammen nährend, die seine Glut immer kräftiger weckte. Er gibt den Herzen Richtung.“ Der Doderer-Experte Martin Brinkmann merkt im Nachwort in ­aller Offenheit an, dass diese Erzählung „allen Erwartungen zuwiderläuft, die der erfahrene Leser mit seinem Autor verbindet“. Der „Montefal“ überschriebene Text führt wiederum in eine verkehrte höfische Ritterwelt mit Jagden, Gelagen und Drachen, in der siegreiche Streiter in Melan­cholie versinken und das Leben deshalb „verspielt, versungen, verritten und vertan war“. Eine verritterte Geschichte, sozusagen.

Um ein außergewöhnliches Fundstück handelt es sich indes bei dem (vom Herausgeber so betitelten und in groben Zügen rekonstruierten) Romanfragment „Der rote Rock“, Inge Merkels letzter, nur in Bruchstücken erhaltener schriftstellerischer Arbeit. Die Autorin („Das große Spektakel“), die als Latein- und Deutschlehrerin im Schuldienst tätig war und erst spät zu schreiben begann, erzählt darin, gleichsam mit doppelter Geisterstimme, von einer „achtzigjährigen Frau auf der Endstrecke ihres Lebens“, die sich, der Schriftstellerin gleich, zum Sterben nach Mexiko begibt. Erinnerungen und Traumvisionen an die Zeit in Österreich prägen die letzten Tage der Todkranken. Es war, „als käme der Frühling 1938“, schreibt Merkel in einer Reminiszenz. „Stattdessen wälzte und ballte sich der Schrecken in nächtlichen Märschen heran, und unter dem schmelzenden Föhnwind schob sich im stampfenden Gleichschritt das Entsetzen über die Grenze. Nicht nur die Grenzen des Landes, sondern mehr noch die scharfen Grenzen der Gesittung.“