„Auf der Straße bin ich selig“

Der Berliner Pop-Melancholiker Maximilian Hecker über Emotionsverkümmerung, den Verzicht auf Virtuosität und die Leichtigkeit des Seins als Straßenmusiker.

Interview: Philip Dulle

profil: Sie haben Ihr neues Album in Eigenregie eingespielt und produziert. Können Sie nur in vollständiger Autonomie arbeiten?
Hecker: Vielleicht. Auch wenn bei so viel Selbstständigkeit das Risiko größer ist, da ich den Produktionsprozess selbst vorfinanziere – ich fühle mich damit um einiges wohler.

profil: Ihr neues Werk ist von großer Schlichtheit, basiert fast ausschließlich auf Klavier, Gitarre und Gesang. Welchen Wert messen Sie der Reduktion zu?
Hecker: Mein Zugang zur Musik war immer meditativ, ich will starke Gefühle erfahrbar machen. Ich stelle fest, dass vor allem in industriellen Pop-Produktionen das Empfinden als beschämend erlebt, stattdessen ein Pseudogefühl generiert wird. Hinter all der Technik und Perfektion verkümmert die eigentliche Emotion. Also setze ich lieber auf Reduktion und den Verzicht auf Virtuosität und Perfektion.

profil: Hatten Sie nicht nach Ihrer letzten Asien-Tour eine veritable Schaffenskrise?
Hecker: Stimmt. Ich hatte keine Freude mehr an meinem Beruf. Ich dachte immer, als Künstler müsse man perfekt sein. Wahrscheinlich bin ich für das Pop-Business einfach nicht geschaffen.

profil: Was hat Sie denn aus der Krise gerettet?
Hecker: Gerettet hat mich „Nana“ – ein Song über meine Begegnung mit einer japanischen Pros­tituierten, die seither zu meiner Muse geworden ist. Durch die musikalische Bearbeitung wurde mir eines bewusst: Wenn ich Dinge, die noch so niederschmetternd sein mögen, in Lieder fassen kann, habe ich schon gewonnen.

profil: Wenn Sie in Ihrer Musik von eigenen sexuellen Erlebnissen berichten: Ist das nicht auch eine Art Prostitution?
Hecker: Das klingt mir zu negativ. Meine Songs wirken da und dort vielleicht exhibitionistisch, aber man sollte jemanden, der seine Gefühle offen ausspricht, nicht zum Sonderling erklären.

profil: Wenn man den Titel Ihres neuen Albums – „I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“ – ernst nimmt, sehen Sie sich nur noch als Wesen reiner seelischer Befindlichkeit.
Hecker: Ich unterteile meine Empfindung stark nach Schwarz und Weiß, nach Kunst und Leben. Wenn etwas Kunst ist, muss es radikal sein: Gefühl und Kunst bedeuten dann das Gegenteil von sozialer Zugehörigkeit.

profil: In Asien gelten Sie als Superstar und Werbeikone, in Europa scheinen Sie noch immer ein Geheimtipp zu sein. In welcher Welt fühlen Sie sich wohler?
Hecker: Der Starkult in Asien bedeutet mir sehr viel, obwohl es schwierig ist, sich als Europäer auf Durchreise dort wohlzufühlen. Im Grunde bin ich schon gern zu Hause in Berlin.

profil: Sie spielen neuerdings wieder als Straßenmusiker. Wollten Sie dieser Tristesse nicht einmal entfliehen?
Hecker: Ich empfinde das nicht als Zumutung, im Gegenteil, auf der Straße bin ich selig – zumal ich ja weiterhin reguläre Konzerte am Flügel gebe. Ich musste wieder dorthin zurückkehren, wo mir die Musik Spaß macht, wo es keine unmittelbare industrielle Verwertbarkeit gibt.


Maximilian Hecker,

32, verdingte sich in den neunziger Jahren als Straßenmusiker in Berlin und schaffte es bereits mit seinem ersten Album „Infinite Love Songs“ (2001) unter die zehn besten Alben des Jahres der „New York Times“. Heckers jüngstes Album („I Am Nothing But Emotion, No Human Being, No Son, Never Again Son“) erscheint am 26. März. Im Zuge seiner Solo-Tournee wird Maximilian Hecker in Linz (21. März, Posthof) , Wien (22. März, WUK) und Innsbruck (23. März, Weekender) gastieren.