Aus der ­Finsternis in die Dunkelheit

Aus der ­Finsternis in die Dunkelheit

Nach dem Sturz von Saddam ­Hussein im Jahr 2003 sollte der Irak eine Musterdemokratie werden. 2013 ist das Land immer noch weit davon entfernt: Die Bilanz eines Scheiterns – und der Bericht von einer persönlichen Tragödie.

Nachrichten aus einem befreiten Land: Donnerstag, 14. März 2013 – Extremisten greifen das Regierungsviertel in der Hauptstadt an, mindestens 18 Tote bei Bombenanschlägen. Sonntag, 10. März – ein Oppositioneller, der Demonstrationen gegen den amtierenden Premierminister organisiert hatte, wird ermordet aufgefunden. Freitag, 8. März – die Polizei erschießt drei Teilnehmer einer Protestkundgebung.
Diesen Mittwoch jährt sich der Beginn des Irak-Krieges zum zehnten Mal. Am Abend des 20. März 2003 hatte eine Serie spektakulärer Luftschläge auf Regierungs-, Militär- und Geheimdiensteinrichtungen in Bagdad die „Operation Iraqi Freedom“ eingeleitet – eine Militärintervention gegen das diktatorische Regime von Saddam Hussein, die von der US-Regierung unter Präsident George W. Bush mit falschen Behauptungen über angebliche Massenvernichtungswaffen geradezu erzwungen worden war.

Das Ziel der Invasion bestand einerseits darin, an die immensen Ölvorräte des Iraks heranzukommen und der industrialisierten Welt damit eine Alternative zu Saudi-Arabien zu sichern – aber nicht nur: Eine ähnlich große Rolle spielte auch der nachgerade rührend naive Plan der amerikanischen Neo-Konservativen, einen demokratischen Domino-Effekt in der Region auszulösen. Die Befreiung und politische Neuordnung des Iraks würde dafür sorgen, dass auch andere Länder die verkrusteten Diktaturen abschütteln und sich im Sinne des Westens neu orientieren, prophezeite Bush, gestützt auf die Prophezeiungen neokonservativer Wortführer wie Paul Wolfowitz und Richard Perle.

Damit sind sie desaströs gescheitert. Und auch die von Bush geäußerte Hoffnung, dass ihm die Geschichte letztlich Recht geben wird, dürfte sich kaum erfüllen.

Guerilla-Aufstand und Bürgerkrieg
Zu ihrer Idee gab es aber abgesehen von militärischem Draufhauen keinen Plan. Das Regime von Saddam Hussein brach zwar binnen weniger Tage zusammen – für einen geordneten Übergang zu einem neuen politischen System hatten die amerikanischen Strategen allerdings nicht vorgesorgt.
Die Folge: ein blutiger Guerilla-Aufstand gegen die Besatzer, der in einen konfessionell motivierten Bürgerkrieg zwischen Sunniten und den zuvor von ihnen unterdrückten Schiiten überging. Erstere waren zu Saddams Zeiten zwar zahlenmäßig in der Minderheit, politisch aber dominant gewesen, Zweitere begannen sich nun an ihren vormaligen Unterdrückern zu rächen.

Die Bilanz des Krieges ist bitter. Bis zum offiziellen Abzug der Amerikaner, der unter Bushs Nachfolger Barack Obama 2010 begann, starben dabei nach Angaben des US-Verteidigungsministeriums 112.600 Zivilisten, andere Quellen sprechen sogar von bis zu 600.000 Opfern. Zudem kamen mindestens 9500 irakische Sicherheitskräfte sowie 4418 US-Soldaten ums Leben. Etwa 32.000 Angehörige der amerikanischen Streitkräfte wurden verwundet.

„Mehr als eine Billion Dollar“ hat das Abenteuer laut Obama bis 2010 gekostet. Eine aktuelle Studie der Brown University geht sogar davon aus, dass es mehr als doppelt so viel war. Bis heute sind Zehntausende US-Soldaten im Irak stationiert. Währenddessen hat sich die Lage im Land selbst nur teilweise entspannt.

Zerbrochen und verfeindet
De facto ist der Irak in drei Teile zerbrochen: Im Norden haben die Kurden mit ihrer autonomen Region ein Eigenleben entwickelt. Der Rest des Landes neidet ihnen die Öl- und Gasfelder und die Erfolge, die darauf beruhen – und zerfällt inzwischen in verfeindete sunnitische und schiitische Gebiete. Gleichzeitig nimmt die schiitisch dominierte Regierung von Premierminister Nouri al-Maliki immer despotischere Züge an. Tausende Iraker, darunter überproportional viele Sunniten, sitzen in Haft, der Einfluss des Irans steigt sowohl finanziell als auch politisch.

Das Level der Gewalt liegt zwar deutlich niedriger als in den Jahren 2006 und 2007, dem Höhepunkt des Bürgerkriegs. Entführungen, Morde und Bombenanschläge sind aber immer noch an der Tagesordnung. Nicht zuletzt deshalb gelang es auch lange Zeit nicht, die Ölförderung, die ursprünglich eine Priorität der USA gewesen war, wieder in Gang zu bringen. Vergangenes Jahr produzierte der Irak erstmals wieder mehr als drei Milliarden Barrel pro Tag: Das ist aber gerade so viel wie zu Beginn der 1990er-Jahre.

Die Weltbank reiht den Irak in ihrem Index investmentfreundlicher Länder knapp vor Afghanistan auf Platz 165 von 185. Mehr als 60 Prozent der Erwachsenen haben keinen fixen Job, ein Viertel der Familien lebt unter der Armutsgrenze.

Ziad Haris ist einer von ihnen. In Bagdad geboren, lebte er mehrere Jahre in Deutschland und arbeitet seit den 1990er-Jahren für deutschsprachige Medien, darunter auch für profil. Haris stammt aus einer Familie, die sowohl sunnitisch-arabische als auch kurdische Wurzeln hat. Er schildert in einem sehr persönlichen Text, wie es sich heute im Irak lebt.

Er verlor seinen Bruder, sein Haus und zuletzt auch seine Heimat:
Ziad Haris über den Irak-Krieg und sein eigenes Schicksal, das für ­Zehntausende andere Landsleute steht.

+++ Lesen Sie hier Ziad Haris' Text: „Heute schlafe ich nirgendwo länger als zwei Nächte“ +++

Infobox
Kriegsrelikte
Slogans, Personen und Ereignisse, die von der US-Invasion und ihren Folgen in Erinnerung bleiben werden.

Milzbrand

Ein Röhrchen mit getrockneten Milzbrand­sporen: Unter anderem damit wollte US-Außenminister Colin Powell den UN-Sicherheitsrat 2002 überzeugen, dass Saddam Hussein über Massenvernichtungswaffen verfügt. Der Beweis erwies sich als gefälscht. Powell betrachtet den Auftritt mittlerweile als „Schandfleck meiner Karriere“.

Shock and Awe

Militärische Taktik, den ­Gegner mit Angriffen zu verunsichern, die so spektakulär sind, dass sie „Schock und Ehrfurcht“ auslösen – im Irak etwa schwere Luftangriffe auf Gebäude im Zentrum von Bagdad.

Comical Ali

Spitzname des irakischen ­Propagandaministers Muhammad al-Sahhaf, der während des Kriegs mit bizarren Auftritten berühmt wurde. Unter anderem versicherte er vor laufender Kamera standhaft, der Irak sei im Begriff, die Amerikaner zu schlagen, als hinter ihm bereits US-Panzer zu sehen waren. Lebt heute in Dubai.

Pik-Ass

Spielkarte mit dem Bild von Saddam Hussein – das gesamte Set wurde an US-Soldaten verteilt und zeigte die Porträts irakischer Kriegsverbrecher: Saddams Söhne Kusai und Udai ­waren auf der Kreuz- bzw. Herz-Ass-Karte abgebildet.

Statuensturz

Nichts symbolisiert den Zusammenbruch des Saddam-Regimes mehr als der Sturz seiner Statue am Firdos-Platz in Bagdad. Was aussah wie eine lang geplante Inszenierung, war in Wirklichkeit Zufall: US-Marines hatten Iraker beim Versuch beobachtet, das Standbild zu zerstören, und mit einem Kranpanzer nachgeholfen.

Mission accomplished

Ziemlich voreiliger Slogan auf einem Transparent, das den Hintergrund bei einer Rede von George W. Bush bildete: Dabei verkündete der US-Präsident bereits am 1. Mai 2003 das „Ende der bedeutenden Kampfhandlungen im Irak“ – ohne zu ahnen, dass die schlimmsten Auseinandersetzungen erst bevorstanden.

Erdloch

Die letzten Tage als freier Mann verbrachte Saddam Hussein unter der Erdoberfläche – in einem behelfsmäßig ausgehobenen Bunker nahe seiner Geburtsstadt Tikrit. Dort wurde er am 13. Dezember 2003 entdeckt und verhaftet.

Abu Ghraib

Millionenstadt, die westlich an Bagdad grenzt. Dort befand sich jenes berüchtigte Gefängnis, in dem US-Soldaten Gefangene folterten und fotografierten. Die Bilder gelangten 2004 an die Öffentlichkeit und beschädigten das Image Amerikas mehr als alles zuvor.