Ausbildung: Der Bildungskompass

Österreichs Maturanten stehen einer stetig wachsenden Vielfalt an Studienangeboten gegenüber. Die gezielte Analyse typischer Vor- und Nachteile der Bildungswege hilft bei der Orientierung. Ein Leitfaden.

Würde man sich an nüchternen Statistiken orientieren, fiele die Entscheidung leicht: Dann würde ein umsichtiger Maturant wohl ein Studium der Montanistik wählen: Bloß 256 Studienanfängern im Herbst 2002 stand eine vergleichsweise hohe Zahl von 190 Absolventen gegenüber. Die an der Montan-Universität in Leoben Studierenden fühlen sich Umfragen zufolge am besten betreut, und die Nachfrage seitens der Wirtschaft gilt als rege. Zudem sind die durchschnittlichen Einstiegsgehälter mit 2330 Euro brutto besonders attraktiv.

Am anderen Ende der Skala stünde das Medizinstudium: An die 20.000 Studenten drängen sich in überfüllten Hörsälen, warten oft lange auf Prüfungstermine, und die Drop-out-Rate ist auffällig hoch.

Nach derart rationalen Gesichtspunkten trifft allerdings vermutlich nur eine Minderheit der jährlich rund 38.000 Maturanten ihre Entscheidung über die künftigen Ausbildungs- und Berufswege. Rund 20 Prozent der Maturanten, so zeigen Daten des Wirtschaftsförderungsinstituts (WIFI), haben nach der Reifeprüfung noch keine präzise Vorstellung, welchen Beruf sie ergreifen wollen – oder ob sie etwa an einer der zwölf Universitäten mit gut 120 Studienrichtungen an mehr als 350 Standorten bundesweit inskribieren oder lieber einen der inzwischen mehr als 140 Fachhochschul-Lehrgänge wählen sollen.

Fast ein Drittel der Studierenden wechselt einer Erhebung des Wissenschaftsministeriums zufolge im Lauf des Studiums das Hauptstudienfach – 82 Prozent davon einmal, 14 Prozent zweimal und vier Prozent sogar noch öfter. Allerdings weisen Experten darauf hin, dass die Modularisierung und Differenzierung der Bildungswege ohnehin permanent zunimmt: Ausbildungen werden immer häufiger mit Unterbrechungen – etwa durch Berufstätigkeit – absolviert und später durch weiterführende Bildungsmodule oder Zusatzqualifikationen auf Spezialgebieten ergänzt.

Insofern sollte es nun leichter sein als früher, die gewählte Ausbildung später zu adaptieren und an individuelle Neigungen oder signifikante Markttrends anzupassen. Die folgende Darstellung der wichtigsten Ausbildungsvarianten gibt einen Überblick über die aktuellen Studien- und Bildungszweige und deren zentrale Vor- und Nachteile – und kann zumindest als erste Orientierungshilfe dienen.

Universitäten

Uni-Studien vermitteln eine breite Ausbildung mit viel Theorie. Die Mindeststudiendauer liegt bei acht bis zehn Semestern, die tatsächlichen Durchschnittszeiten betragen 13,5 Semester. Die Studierenden können sich ihre Stundenpläne selber einteilen, Studieninhalte sind teils variabel. Aufgrund der hohen Hörerzahlen ist der Uni-Alltag bei vielen Studienrichtungen recht anonym, die Betreuung besonders in Massenstudien alles andere als intensiv. Die Studiengebühren betragen 363,36 Euro pro Semester.

Stefan Humpl von der auf Bildungsfragen spezialisierten Wiener Unternehmensberatung 3s verweist darauf, dass die Jobaussichten für Universitätsabsolventen – abhängig vom jeweiligen Studium – höchst unterschiedlich sind. Gerade nach geistes- und sozialwissenschaftlichen Studien müssen sich Jungakademiker oft längere Zeit hindurch mit atypischen, Teilzeit- und befristeten Arbeitsverhältnissen über Wasser halten und sich mit wenig sozialer Absicherung begnügen.

Gegenüber Fachhochschul-Absolventen haben Uni-Abgänger bei Einstiegspositionen und -gehältern etwas die Nase vorn, meint Humpl. In Bezug auf längerfristige Aufstiegs- und Einkommenschancen erwartet er jedoch, dass sich die Karriereentwicklungen der beiden Gruppen angleichen werden.

Maria Hofstätter vom Arbeitsmarktservice (AMS) glaubt hingegen, dass man auch weiterhin „mit einem Uni-Abschluss einen Vorteil“ gegenüber Fachhochschulabsolventen hat. Zu diesem Schluss gelangt auch Daniela Davidovits, Autorin des eben erschienenen Buches „Matura, was jetzt?“1). Die Gründe dafür sieht Davidovits in der breiteren Ausbildung der Unis sowie im – ungewollt – besseren Training für die Anforderungen des Berufsalltags, weil sich Uni-Studenten „jahrelang durch ein mitunter chaotisches Hochschulstudium quälen und ihr Studentenleben oft mühsam selbst organisieren müssen“.

Fachhochschulen

141 Studiengänge, rund 20.600 Studierende und bisher etwa 10.000 Absolventen – das ist die Bilanz zehn Jahre nach Gründung der ersten Fachhochschulen (FH) in Österreich. FH-Studien dauern acht Semester, sind stärker praxisorientiert als jene an Universitäten und gleichen stärker dem Schulbetrieb. Die Studenten arbeiten meist nach einem vorgegebenen Stundenplan und im Schulklassensystem, lernen für fixe Prüfungstermine und genießen intensive Betreuung.

Laut Davidovits fallen FH-Studenten bei Prüfungen deutlich seltener durch als jene an den Unis. Ein Semester, meist das siebte, ist für ein Berufspraktikum vorgesehen. Viele FH-Studiengänge werden auch als Abend- und Wochenendkurse für Berufstätige angeboten. An den meisten Fachhochschulen sind wie an Unis Beiträge von 363,36 Euro zu bezahlen.

Im Gegensatz zu Unis ist die Zahl der Studienplätze an Fachhochschulen beschränkt. Im Schnitt gibt es für jeden verfügbaren Platz drei Bewerber. Vor allem für Studiengänge im Wirtschafts- und Sozialbereich ist der Andrang sehr groß, im Techniksektor hingegen sind Studienplätze fallweise frei; dabei gelten gerade in diesen Studienrichtungen die Berufsaussichten der Absolventen als besonders gut.

Dank der großen Praxisorientiertheit und kürzeren Ausbildungsdauer galten FH-Studien bis vor kurzem fast als Garantie für einen Job. Inzwischen hat auch unter FH-Abgängern die Zahl der Arbeitslosen zugenommen. Helmut Mahringer vom Wirtschaftsforschungsinstitut verweist allerdings darauf, dass die Zahl der FH-Absolventen dennoch deutlich stärker steige als die Arbeitslosigkeit. „Unter den Akademikern sind Fachhochschüler am gefragtesten“, beobachtet AMS-Expertin Hofstätter. Auch suchten diese deutlich kürzer nach einem Job als Uni-Abgänger.

Besonders das Praktikum sei als Einstiegshilfe von Bedeutung, weiß Bildungsforscher Humpl: „Je nach Studiengang bekommen zwischen 25 und 50 Prozent ihren Job direkt über die Praktika.“ In Bezug auf Einstiegspositionen und -gehälter werden FH-Abgänger allerdings etwas im Nachteil gesehen. Bei technischen Berufen stehen sie eher in Konkurrenz zu HTL-Abgängern als zu Diplomingenieuren von der Uni.

Bakkalaureat

Seit dreieinhalb Jahren gibt es in Österreich auch dreigeteilte Hochschulstudien: Der erste Teil, das Bakkalaureats-Studium, dauert meist sechs Semester. Darauf aufbauend kann ein Magisterstudium absolviert werden; in Summe sollen die beiden Teile in etwa so lang dauern wie das bisherige Diplomstudium. Danach steht das Doktorat offen.

An den Universitäten gibt es derzeit rund 160 Bakkalaureats-Studiengänge. An den Fachunis soll ab diesem Herbst rund ein Drittel aller Studiengänge in dieser Form angeboten werden. Ein Vorteil der Bakk-Studien liegt im schnellen Abschluss. Auch wenn man sich danach vorerst für das Berufsleben entscheidet, ist ein späterer Abschluss eines Magisterstudiums in recht kurzer Zeit möglich.

Die Chancen, mit einem Bakk einen Job zu finden, schätzen Experten derzeit als ziemlich gut ein. Zugleich wird Informationsbedarf bei den Unternehmen konstatiert – vor allem darüber, welche Qualifikationen von Bakk-Absolventen erwartet werden dürfen.

Allerdings warnt Humpl vor unrealistischen Erwartungen beim Berufseinstieg: „Man darf nicht glauben, dass man mit einem Bakkalaureat den Absolventen von Diplomstudien Konkurrenz machen kann.“ Man stehe eher im Wettbewerb mit Absolventen berufsbildender höherer Schulen (BHS), denen gegenüber man mit einem Bakk den Vorteil des höheren Alters habe – und dies schätzten Betriebe vor allem dort, wo es um Kundenkontakt und Auftritt nach außen gehe. Bei längerfristigen Einsatz- und Verdienstmöglichkeiten werden keine großen Unterschiede zwischen Bakkalaureats- und Diplomstudiumsabsolventen gesehen. Als Ausnahme gelten Tätigkeiten in Wissenschaft und Forschung.

Privatuniversitäten

Private Universitäten agieren vor allem in Nischen, wie etwa die Angebote Human Resource Management in Wien oder Biomedizinische Informatik in Innsbruck zeigen. Derzeit bieten sechs Privatunis jeweils mehrere Studiengänge an. Die Ausbildung ist deutlich teurer als an öffentlichen Unis: Eine Analyse im Auftrag des Wissenschaftsministeriums ergab, dass ein Studium dort bis zu 40.000 Euro kosten kann. Die an Privatuniversitäten erworbenen Abschlüsse haben dieselbe Gültigkeit wie jene von staatlichen Hochschulen.

Akademien

Angeboten werden meist dreijährige und kostenlose Ausbildungen – unter anderem an den allgemeinen Pädagogischen Akademien (Pädak), den Hebammenakademien, religions- und berufspädagogischen Akademien sowie Lehrgängen für medizinisch-technische Berufe. Die Pädaks bilden Lehrer für Pflichtschulen und Polytechnische Lehrgänge aus. Zumeist gibt es Aufnahmeverfahren.

Die Ausbildungen für medizinisch-technische Berufe sind im Umfeld von Krankenhäusern angesiedelt und dauern drei Jahre. Dazu gehört etwa der medizinisch-technische Labordienst oder der physiotherapeutische Dienst. Die Ausbildungsplätze sind rar und begehrt.

Aktuell wird im Zusammenhang mit den Akademien über potenziell weit reichende Veränderungen diskutiert. Derzeit dauern diese Ausbildungen meist ebenso lange wie ein Bakkalaureat-Studium, enden aber ohne akademischen Titel. Daher gibt es Pläne, die Bildungsgänge ins akademische System zu integrieren: So könnten die Pädaks zu eigenen Hochschulen, die medizinisch-technischen Ausbildungen zu Fachhochschulen werden. Die Akademien für Sozialarbeit (Sozak) wurden schon in FH-Lehrgänge umgewandelt.

Die Jobchancen sind bei den medizinisch-technischen Ausbildungen durchaus gut. Unter den angehenden Lehrern haben es laut Humpl Volksschul- schwerer als Hauptschullehrer. Die Verdienst- und Karriereaussichten sind für Akademie-Besucher derzeit deutlich geringer als für Absolventen akademischer Ausbildungen.

Kollegs und Lehrgänge

Kollegs sind Zusatzausbildungen für Maturanten, die vier oder berufsbegleitend sechs Semester dauern und an berufsbildenden höheren Schulen (BHS) eingerichtet sind. Häufig werden sie bei Handelsakademien (HAK) oder Höheren technischen Lehranstalten (HTL) angeboten. Insgesamt ist die Bandbreite groß: Auch Kollegs für Fotografie oder Tourismus stehen zur Verfügung. Bis auf wenige Ausnahmen kosten die Ausbildungen nichts.

Experten verweisen darauf, dass Ausbildungen an Kollegs ähnlich lange dauern wie Bakkalaureat-Studien. Während man mit Letzteren jedoch einen akademischen Abschluss erwirbt, bietet die Absolvierung eines Kollegs nichts Vergleichbares. Ratsam erscheint Humpl daher nur der Besuch von Kollegs, „die keine Entsprechung im akademischen Bereich finden“. Gerhard Riemer, Bereichsleiter Bildung, Innovation und Forschung bei der Industriellenvereinigung, glaubt, dass Kollegs in einzelnen Regionen noch länger von Bedeutung sein werden, da dort sowohl seitens der Auszubildenden als auch von Arbeitgebern oft Bedarf nach einer solchen berufsorientierten Ausbildung bestehe.

Die Jobchancen von Kolleg-Absolventen sieht Humpl naturgemäß geringer als bei Uni- und FH-Abgängern, wobei sie wiederum bei HAK-Ausbildungen derzeit schlechter seien als im technischen Bereich. Längerfristig könnten Aufstiegs- und Einkommenschancen dennoch auch für diese Gruppe durchaus attraktiv sein. Lehrgänge verschiedener Dauer bieten auch Bildungseinrichtungen wie das WIFI sowie manche größere Unternehmen an – etwa Fluglinien oder Software-Häuser. Entweder ist die Ausbildung dabei selbst zu bezahlen, oder der Arbeitgeber übernimmt die Kosten.

Beruf und Lehre

Gerade Maturanten aus berufsbildenden höheren Schulen wie HTL und HAK haben die Möglichkeit, nach der Schule direkt ins Berufsleben einzusteigen. Für AHS-Absolventen ist die Auswahl geringer. Bildungsforscher Stefan Humpl sieht Chancen für den direkten Berufseinstieg von AHS-Absolventen vor allem in Beratungs-tätigkeiten mit mittleren Qualifikationsanforderungen.

Die Einstiegsgehälter liegen laut einer Gehaltsstudie des Personalberaters Bruno Gangel für AHS-Absolventen derzeit bei rund 1300 bis 1600 Euro brutto monatlich, für HAK-Abgänger bei 1400 bis 1650 und für HTL-Absolventen bei 1400 bis 1700 Euro.

Allerdings hätten, so Davidovits, die Jobaussichten für Maturanten zuletzt abgenommen: In Banken und Versicherungen sowie im Staatsdienst gebe es oft Aufnahmestopps. Und für einige Jobs im Dienstleistungsbereich würden heute eher Uni-Abgänger aufgenommen als Maturanten. Weiters sei das Risiko, arbeitslos zu werden, bei AHS- und BHS-Absolventen höher als für Arbeitnehmer mit Uni- oder FH-Abschluss.

Auch Humpl schätzt die Aufstiegs- und Einkommensperspektiven von Schulabgängern als deutlich geringer ein als die von Akademikern. Die besten Möglichkeiten sieht er für HTL-Absolventen – besonders bei Spezialqualifikationen könnten diese später auch mit FH- oder Uni-Abgängern mithalten.

Gerhard Riemer, Bildungsexperte bei der Industriellenvereinigung, sieht die Nachteile für unmittelbar nach der Matura in den Beruf Einsteigende weniger ausgeprägt. Freilich seien sie in gewissen Bereichen, etwa im öffentlichen Dienst oder bei der Besetzung hoher Führungspositionen, im Nachteil. Allerdings hätten sie gegenüber anderen, die erst relativ spät im Beruf Fuß fassen, „einen enormen Vorsprung“ und könnten bei hohem Engagement und Weiterbildung durchaus erfolgreich Karriere machen.

Die Kombination Matura und Lehre hält Humpl für durchaus vorteilhaft, die Möglichkeiten von AHS-Abgängern mit Lehrabschluss seien mit jenen von BHS-Absolventen vergleichbar. Buchhändler, Reisebüroassistenten oder auch Goldschmiede, die über ein Maturazeugnis verfügen, seien auch in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten durchaus gefragt.