Ausgrabungen: Viel älter als Stonehenge

Deutsche Archäologen fanden auf monumentalen Steinbauten in der Osttürkei die bisher ältesten hieroglyphenartigen Zeichenfolgen.

Die Archäologen schwanken zwischen Euphorie und Ratlosigkeit. Die mächtigen, drei bis fünf Meter hohen, T-förmigen Kalksteinpfeiler, die sie derzeit aus einem Göbekli Tepe genannten Hügel in der kurdischen Osttürkei freilegen, geben jede Menge Rätsel auf. Die Pfeiler gehören zu den mit Abstand ältesten bisher bekannten monumentalen Steinbauten, die von Menschenhand geschaffen wurden – 6000 Jahre älter als Stonehenge, 7000 Jahre älter als die ägyptischen Pyramiden. Laut Grabungsleiter Klaus Schmidt vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin stammen die ringförmigen Steinmonumente aus vorkeramischer Zeit, als Jäger und Sammler vor 11.600 Jahren in Vorderasien begannen, sesshaft zu werden und mit Ackerbau zu experimentieren. Inzwischen kamen vier runde Steinkreise mit 15 bis 20 Meter Durchmesser ans Tageslicht. Die bisher ausgegrabenen 39 Kalksteinpfeiler sind aus jeweils einem einzigen, bis zu zehn Tonnen schweren Steinblock gehauene, durch Mauerzüge verbundene Monolithen.

Auf 22 der bisher ausgegrabenen Pfeiler entdeckten die staunenden Forscher großformatige, naturnah gestaltete Reliefs von Wildtieren – Leoparden, Löwen, Wildschweine, Wildrinder, Füchse, Gazellen, Kraniche, Schlangen, Skorpione, Insekten und ein Wildschaf. Auch wurden frei stehende Skulpturen von Wildschweinen und Füchsen gefunden sowie eine menschliche Statuette mit Gesicht und Phallus. Die Funde gehören zu den ältesten erhaltenen Skulpturen der Menschheitsgeschichte. Darüber hinaus fand das Grabungsteam auch Werkzeuge aus Feuerstein und Pfeilspitzen.

Symbolzeichen. Besonders ungewöhnlich sind die jüngst auf manchen der ausgegrabenen Pfeiler entdeckten Serien kleiner aneinander gereihter Tierbildchen und abstrakter Symbole, Zeichen, die teilweise aussehen wie Buchstaben. Ihre Bedeutung muss erst geklärt werden. Archäologe Schmidt spricht von „neolithischen Hieroglyphen“, versteht diesen Begriff aber nicht als Schrift. Es sind möglicherweise Symbolzeichen, die eine vielleicht religiöse Botschaft enthalten. Vielleicht handelt es sich dabei um eine sehr frühe Vorform einer Art Hieroglyphenschrift.

Da die T-förmigen Pfeiler an den Seiten eingemeißelte Arme und Hände aufweisen, könnte es sich um die Darstellung einer Gottheit oder eines Schamanen handeln, der sich in die abgebildeten Tiere verwandeln konnte.

Die Experten assoziieren die Säulen mit der Karadere-Höhle an der türkischen Westküste, deren prähistorische Malereien Gestalten mit T-förmigem Kopf zeigen. Möglicherweise befinden sich unter den Fußböden der Anlage Gräber, wie sie in anderen, allerdings um Jahrtausende jüngeren anatolischen Siedlungen wie Catal Hüyük gefunden wurden. Bevor jedoch die Kalksteinfußböden durchbrochen werden, soll erst ein möglichst großer Teil der Gesamtanlage freigelegt werden.

Geomagnetische Messungen zeigten, dass in dem etwa 90.000 Quadratmeter großen Schutthügel noch mindestens 15 weitere Kreisbauwerke verborgen sind. Um 7500 vor Christus wurde der gewaltige Kultplatz – das haben die Grabungen eindeutig ergeben – einfach zugeschüttet. Der Grund für diese ungewöhnliche Handlung ist noch völlig unbekannt. Archäologe Schmidt flog am Donnerstag vergangener Woche zu einer weiteren Grabungsphase in die Türkei.