Ausländerghettos

Menschen leben dort, wo sie es sich leisten können. So will es der freie Wohnungsmarkt.

Natürlich gibt es sie, die Ausländerghettos. Da hätten wir einmal die noble Variante. Die findet sich in den edlen Bezirken von Wien, wo die International Community residiert, sowie an den Gestaden diverser österreichischer Seen und im kostspieligen Alpinen, wo sich millionenschwere Zu­wanderer breitmachen. Kaum ein Mensch im diplomatischen Dienst, kaum ein/e AuslandskorrespondentIn, die anderswo Quartier suchen würden als in den Wiener Bezirken eins, dreizehn, achtzehn oder neunzehn. Man bleibt gerne unter sich, und außerdem geht man dorthin, wo die attraktivsten Häuser und Wohnungen zur Verfügung stehen.

Detto die Reichen und Schönen, die sich an den Ufern des Wörthersees einbunkern oder für die es unbedingt Kitz sein muss. Malerische Landschaften, in denen sich statt kosmopolitischer Nachbarschaft von angemessenem (Konto-) Stand bloß eingeborenes Bauernvolk und heimische Mittelschicht tummeln, wären ihnen zuwider. Auch sie gesellen sich lieber zu Artverwandten. Ist das ein Problem? Manchmal schon. Die Reichen und Schönen leben gern in der Vorstellung, dass sie sich die Welt nicht nur kaufen könnten, sondern längst gekauft haben, und benehmen sich als Nachbarn oft dementsprechend rücksichtslos. Ist das eine Folge ihrer ausländischen Herkunft? Manchmal schon. Potentatensöhne zum Beispiel, die ihre Umgebung in der Manier von Gewaltherrschern terrorisieren, sind das Produkt einer Gesellschaft, die ihren Vätern ein perverses Ausmaß an Macht einräumen muss. Sehr oft sind aber die ausländischen Reichen und Schönen nicht rücksichtsloser als die inländischen. Nachbarschaft birgt immer ein Konfliktpotenzial, es lässt sich in der Regel allerdings halbwegs beherrschen, wenn die Territorien ausgedehnt sind und der Zwang zur Tuchfühlung wegfällt.

Die andere Spielart der Ausländerghettos ist häufiger im Gespräch, es handelt sich hierbei, wir wissen es, um ganz und gar nicht noble Bezirke oder Viertel, und wer dort wohnt, ist vielleicht manchmal schön, aber keineswegs reich. Gemeint sind nicht die immer schicker werdenden Stadtteile mit Multi-Kulti-Flair, wo Bobos mit inzwischen etablierten Zuwandererkindern fraternisieren und ehemalige Zinskasernen in revitalisiertes Altbaueigentum umgewandelt werden, sondern alle die trostlosen Straßenzüge mit abgehausten Unterkünften, wo es diejenigen hinverschlägt, die sich nichts anderes leisten können. Dort gibt es unverhältnismäßig viele Menschen mit Migrationshintergrund, kein Wunder, sie immigrieren ja, weil sie daheim nichts haben.

Ein Problem? In gewisser Weise schon. Die zahlenmäßig Überlegenen geben den Ton an, und das ist für die Unterlegenen nicht immer leicht auszuhalten. Erstens, weil zu den Unterlegenen zu gehören per se kein berauschendes Gefühl ist, zweitens, weil der angegebene Ton manchmal durchaus befremdlich klingt. Fremde Töne können auch den Reiz des verlockend Exotischen haben, oh ja, aber sehr oft haben sie ihn schlicht nicht. Die verächtliche Attitüde beispielsweise, mit der junge Machos aus orthodox patriarchalen Familien andersethnische Mädchen wie Freiwild behandeln, hat sicher eine spezielle Qualität, die den sonst üblichen Sexismus um einiges übersteigt. Dazu kommt – und hierbei spielen Ethnie oder Nation keine Rolle –, dass Armut und Bildungsdefizite den Menschen nicht zwangsläufig besser, friedlicher oder duldsamer sein lassen. Knapper Wohnraum, dünne Wände, erzwungene Tuchfühlung, Geldsorgen, viel hackeln müssen, das kann schon grantig machen.

Das Zusammenleben in Bassenahäusern mit gemeinschaftlichem Gangklo war auch nicht sonderlich harmonisch in Zeiten, als Multi-Kulti noch kein Thema war. (Warum es mittlerweile verklärt wird, ist eins der vielen Rätsel, die mir die Überlieferung zunehmend aufgibt – zunehmend, weil ich, je älter ich werde, Legenden immer häufiger meine Zeitzeugenschaft gegenüberstellen kann.) Nein, natürlich gibt es die Ausländerghettos nicht wirklich. Die Ausländer sind keine geschlossene Volksgruppe im Gegensatz zu einer homogenen Gemeinschaft von Inländern. Was es gibt, sind teure, weniger teure und vergleichsweise billige Wohngegenden, in denen Menschen mit entsprechender Einkommenslage leben. So will es der freie Wohnungsmarkt. Wer beklagt, dass die Integration unserer zugewanderten MitbürgerInnen im Übermaß an die sozial Schwachen delegiert wird, müsste in eben diesen freien Wohnungsmarkt eingreifen und eine soziale Durchmischung dirigistisch herbeiführen. Ob das im Interesse der Klientel des Herrn Missethon läge?

Bis in die siebziger Jahre hinein hat die Gemeinde Wien ihre Sozialbauten immer wieder bewusst auch in so genannte Nobelbezirke gestellt. Das ist von den dort lebenden besseren Herrschaften stets mit Erbitterung quittiert worden. Schließlich hatte man gutes Geld in hochpreisige Immobilien investiert, um von allzu viel Nähe zu Proleten verschont zu bleiben.
Denn nicht nur die ethnische, auch die soziale Herkunft lehrt ja unterschiedliche Spielregeln, die die jeweils anderen befremden. Das gibt und gab immer schon Stoff für Dramen und Tragödien, im besten Fall für Komödiantisches.

Kleiner Vorfall, unlängst beobachtet: Lässiges Bobo-Kind trifft auf resche Schrebergärtnerin und sagt kontaktfreudig hallo. Darauf die Schrebergärtnerin, entrüstet über so viel Manierenlosigkeit: Der Hallo is scho gschturm!