Auslaufmodelle

Ein Paradigmenwechsel zeichnet sich ab: Die Ära jener Kulturfürsten, die ihre Institutionen jahrzehntelang autokratisch beherrschen, scheint auch in Österreich unwiderruflich zu Ende zu gehen.

Wenn ehemalige Museumsdirektoren, die sich sonst gern souverän geben, öffentlich aus der Rolle fallen, so kann dies durchaus dazu beitragen, ihr Amtsverständnis rückwirkend besser zu begreifen. Peter Noever, der das Wiener Museum für Angewandte Kunst (MAK) ein Vierteljahrhundert lang geleitet hatte, galt zwar stets als angriffslustig, aber auch als raffiniert genug, sich in Debatten keine eklatanten Blößen zu geben. Von jenem Raffinement ist dieser Tage nicht mehr viel zu spüren: Die profil-Berichterstattung über Noevers folgenschweren Mangel an Trennschärfe zwischen privaten und öffentlichen Geldern provozierte den 70-Jährigen jüngst zu einem denkwürdigen cholerischen Ausbruch.

Vor Zeugen geriet Peter Noever angesichts der zufällig anwesenden profil-Mitarbeiterin Nina Schedlmayer im Rahmen einer Vernissagenparty
im neuen Jean-Nouvel-Tower spätabends heftig in Wut: Wild gestikulierend beschimpfte er im Eingangsbereich eine halbe Stunde lang die Kritikerin („Sie sind eine Kunstfeindin!“), denunzierte die „Aufdeckung“ als „die simpelste Form des Journalismus“ und donnerte, während Galeristen und Künstler die Szene verwundert beobachteten, sogar, dass profil ihn „vernichtet“ habe. Als die Kritikerin einen erklärenden Satz mit den Worten „Sie waren …“ einleitete, unterbrach er sie und schrie bloß: „Ich war nicht – ich bin!“ Danach drehte er sich um und verschwand grußlos.
So verlassen Dinosaurier die Bühne; so gehen Kulturmanager ab, die mehrere Dekaden lang über ein Kunstreich herrschten, als könnte ihre Ära nie zu Ende gehen. Peter Noever stellte mit seinem Auftritt ein letztes Mal klar, dass er Widerspruch nicht dulden kann – nicht einmal nach seiner Zeit im MAK. Im Februar dieses Jahres hatte Noever seine Funktion auf öffentlichen Druck hin zurückgelegt.

Er ist nur der vorläufig letzte einer ganzen Reihe von Direktoren und Intendanten, die in den vergangenen Jahren nach langen Amtszeiten abtraten. Der 2010 ­geschiedene Ioan Holender hatte fast 19 Jahre lang die Wiener Staatsoper geführt, länger als je ein Direktor an jenem Haus zuvor; Wilfried Seipel, der 17 Jahre lang Direktor des Wiener Kunsthistorischen Museums (KHM) war, geriet nicht nur wegen des Saliera-Raubs, sondern auch wegen üppiger Spesenabrechnungen und dubioser Kunstkäufe unter Beschuss. Zuletzt wurde Gerald Matt, seit 1996 Direktor der Kunsthalle Wien, heftig kritisiert: Er hatte Mitarbeiter für Privatzwecke engagiert und für etwaige Sponsoren die österreichische Staatsbürgerschaft beantragt; auch sein Umgang mit öffentlichen Geldern gestaltet sich offenbar seit Jahren alles andere als sparsam (siehe Kasten). Und Teilzeit-Designer Peter Noever betrieb Eigenmarketing in Sachen Zweitjob, schmiss auf MAK-Kosten reihenweise Geburtstagsfeste für seine Mutter.
Der Verdacht liegt nahe: Verleiten zu lange Direktionslaufzeiten dazu, öffent­liche Häuser wie Fürstentümer zu regieren – wie es etwa auch Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder vorgeworfen wurde? Und ist es für Langzeitpolitiker wie den Wiener Kulturstadtrat, der selbst, nun in seiner dritten Amtsperiode, 15 Jahre lang im Amt gewesen sein wird, nicht einfach nur sehr praktisch, in der Kunst Partner zu haben, die über die Jahre berechenbar geworden sind? Längst hat sich so etwas wie eine „Kaste“ im österreichischen Kulturbetrieb entwickelt, eine Oberschicht sehr autonom und mitunter geradezu autokratisch agierender Führungskräfte, zu der auch Manager wie „Art for Art“-Geschäftsführer Josef Kirchberger, Thomas Drozda, Generaldirektor der Vereinigten Bühnen Wien, oder Bundestheater-Holding-Chef Georg Springer gehören, deren Amtszeiten kaum befristet erscheinen und die dazu noch Ministergehälter beziehen.
Bei aller nötigen Kritik am Berufsverständnis mancher hiesiger Kulturmanager dürfe der Zusammenhang zwischen Amtszeit und Güte der Arbeit nicht überstrapaziert werden, meint etwa Hans Hurch,­ der als Viennale-Direktor selbst bereits seit 1997 fungiert und sich, ähnlich wie die Festwochen, auch dem Vorwurf stellen muss, ein seit Jahren auf hohem Niveau stagnierendes Festivalprogramm zu verantworten: „Die laufenden kulturpolitischen Affären zeigen, dass da über öffentliche Kulturinstitutionen mit einer gewissen Willkür und Verantwortungslosigkeit verfügt wird.“ Diese Fälle schadeten aber auch einer kulturellen Landschaft insgesamt, meint Hurch, denn „das Misstrauen, das man Leuten wie Noever und Matt zu Recht entgegenbringt, scheint inzwischen zum Generalverdacht geworden zu sein. Aber die Qualität kultureller Arbeit hat mit der Dauer einer Intendanz nicht viel zu tun. Die definiert sich in erster Linie durch eine Haltung.“

Lange wurden Kulturführungsjobs in Österreich weitgehend ohne öffentliche Debatten vergeben, die Politik schien sich oft darin zu erschöpfen, die jeweils amtierende Direktion alle paar Jahre zu verlängern. Inzwischen stößt diese Praxis aber auch auf heftige Kritik. „Wenn der amerikanische Präsident nicht öfter als einmal verlängert werden darf, hat das einen Grund“, konstatiert dazu Wolfgang Zinggl, Kultursprecher der Grünen. „Wird ein Direktor trotz Kritik öfter als zweimal verlängert, ist er gegen Widerrede bereits immun.“ Auch Sigrid Gareis, die Gründungsintendantin des Wiener Tanzquartiers, meint: „Es ist wichtig, dass nach der ersten Amtszeit gründlich evaluiert wird.“ Sonst sei die Gefahr zu groß, „dass man zur lahmen Ente mutiert“.

Inzwischen deutet vieles auf einen sanften Paradigmenwechsel hin – nicht nur in der Wiener Kulturpolitik: Ähnliche Tendenzen lassen sich in Deutschland und der Schweiz seit einigen Jahren schon beobachten. War vor allem die Leitung eines Museums früher so etwas wie ein Lebensjob, so werden nun vermehrt stark beschränkte Laufzeiten angesetzt. Die Ära jener Alleinherrscher, die im Lauf der Jahre Mitarbeiter und Ressourcen als ihr Privateigentum zu betrachten begannen, scheint ihrem Ende zuzugehen. Und offensichtlich sieht auch die Politik die jeweils scheidenden Direktoren neuerdings illusionslos: So wurde bei den jüngsten Postenbesetzungen stets explizit höchster Wert auf Teamfähigkeit gelegt – und das klang wie das bittere Eingeständnis, dass es gerade diese Qualität davor nicht gegeben hatte.

Als unlängst Kulturministerin Claudia Schmied den neuen MAK-Direktor, Christoph Thun-Hohenstein, vorstellte, betonte sie – vor dem Hintergrund der nach Noevers Abgang nicht ganz entspannten Stimmung im Haus – dessen guten Führungsstil. Tatsächlich beteuerte auch er selbst schon bei der Pressekonferenz, dass er die Mitarbeiter in eine Neukonzipierung des Hauses einzubeziehen gedenke, artikulierte sogar seine „Demut“ angesichts „eines der faszinierendsten Museen überhaupt“. Mit Sabine Haag, die seit 2009 das KHM führt und zuvor ebendort die Kunstkammer geleitet hatte, wählte Schmied ebenfalls eine sichtlich weniger egozentrische Persönlichkeit. „Sie kennt das Haus in all seiner Vielfalt und hat in ihrer langjährigen Tätigkeit den Respekt und das Ansehen der Belegschaft gewonnen“, verlautbarte die Ministerin damals; und allerorten wurde mit erstauntem Unterton vermerkt, dass die KHM-Mitarbeiter bei der Ernennung der neuen Direktorin applaudiert hätten.

Auch im Fall der 2009 berufenen Karola Kraus, die nun das Museum moderner Kunst (Mumok) leitet, wurde vonseiten der Politik die „Teamorientierung“ der neuen Direktorin betont. Kraus selbst lobte ihre Crew als „progressiv“ und erzählte, dass sie erst von Mumok-Mitarbeitern auf die Jobausschreibung hingewiesen und von diesen an die Ministerin empfohlen worden sei. „Ich sehe schon, dass hier ein Umdenken stattfindet“, bestätigt Zinggl vorsichtig. Er betrachte die „Tatsache, dass die Politik teamfähige Personen für Leitungsposten bevorzugt“, als Fortschritt.
Ein deutliches Signal sandten jüngst auch Festwochen-Präsident Rudolf Scholten und Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny aus: Als sie das Nach­folgerteam von Langzeit-Festwochen-Chef Luc Bondy (seit 1998 Schauspiel­direktor, 2001–2013 Intendant) präsentierten, fanden sie zur Vertragslaufzeit des neuen Teams (Markus Hinterhäuser und Shermin Langhoff) ungewöhnlich klare Worte: In Zukunft sollen Festwochen-Intendanzverträge nur noch auf drei Jahre laufen – ohne die Möglichkeit einer Verlängerung. Nur so könne man innovative Erneuerung garantieren. ­Freilich wird in Wien nicht alles so heiß ­gegessen, wie es gekocht wurde: Langhoff ließ in zahlreichen Medien bereits wissen, sie habe sehr wohl die Möglichkeit einer Verlängerung ausgehandelt. Hinterhäuser brauchte ohnehin keine, wie die deutsche Tageszeitung „Die Welt“ kritisch anmerkte: Dann stünden nämlich die Salzburger Festspiele für ihn bereit, wo am 30. September 2016 der Vertrag des designierten Intendanten, Alexander ­Pereira, endet.
Kulturstadtrat Mailath setzte mit seiner Theaterreform einen Schritt in Richtung neuer Transparenz: Mittelbühnen sollten fortan nicht mehr wie Gutshöfe betrieben, Intendanzen nicht mehr automatisch verlängert werden. Die neuen Richtlinien sehen Konzepte, Ausschreibungen, Hearings vor. Anscheinend aber gelten im Off-Bereich andere Gesetze als bei großen Institutionen. Die kurzfristige Ausschreibung der Festwochen etwa war bloß ein Fake: Die Kandidaten standen längst fest. Erstaunlicherweise kommt man gerade in Deutschland von der Idee der Ausschreibung bereits wieder ab. Für die Führung von Häusern wie dem Berliner HAU oder dem Frankfurter Mousonturm gab es keinerlei öffentliche Aufrufe, die Politik trat eigenmächtig an mögliche Kandidaten ­heran.
Freilich gibt es auch Argumente für langjähriges direktorales Engagement. Peter Bogner etwa, der seit neun Jahren das Wiener Künstlerhaus führt, meint dazu: „Ich finde eine Laufzeit zwischen zehn und 15 Jahren in Ordnung – da kann man eine Vision entwickeln und sie auch umsetzen.“ Allerdings müsse man differenzieren zwischen den Institutionen: „Während man als Leiter eines Museums die Sammlung gut kennen lernen muss, geht es etwa bei einem Theaterfestival deutlich mehr um Prozesse, ist viel mehr im Fluss – da ist es erfrischender, wenn es in schnellerer Folge unterschiedliche Ausrichtungen und Ansätze gibt.“ Festwochen-Direktor Luc Bondy etwa sei seiner Meinung nach viel zu lang im Amt gewesen.
Ähnlich wie Bogner meint auch Sigrid Gareis, dass bei Festivals ein schnellerer Wechsel möglich sei, während feste Häuser tiefere personelle Verankerung bräuchten. Drei Jahre ohne Verlängerungsmöglichkeit findet sie eindeutig zu wenig, um ein Programm herzustellen, das auch Handschrift zeige. Viennale-Chef Hans Hurch sieht das ein wenig anders: „,Le style, c’est l’homme‘ – der Stil eines Menschen ist das Bild seines Charakters, egal, ob er seinen Posten nun drei, zehn oder 20 Jahre besetzt.“ Aber es seien „auch die Medien, die Leuten wie Gerald Matt das Selbstverständnis, mit dem sie agieren, vermittelt haben. Fürsten brauchen Hofberichterstattung. Die Medien und die Politik haben das Spiel der Dandys und der Platzhirsche stets bereitwillig mitgespielt – und dabei übersehen, dass es etwa über Jahre hinweg nicht gelungen ist, in Wien ein erstklassiges, international strahlkräftiges Haus für Gegenwartskunst zu etablieren.“

Man könne in nur drei Jahren eine Ins­titution wie die Festwochen nicht neu positionieren, meint jedoch auch Hurch. „Eine längerfristige Intendanz kann ja mit größerer Erfahrung und stabileren Netzwerken verbunden sein: Das sind Qualitäten, die oft ausgeblendet werden.“ Es brauche gerade bei Festivals wie der Viennale oder den Festwochen, die lediglich einmal im Jahr wenige Wochen lang liefen, „eine gewisse Kontinuität der Leitung, um sich international zu positionieren und wechselseitiges Vertrauen mit einem Publikum aufzubauen. Institutionen, die das ganze Jahr über Programm machen, haben häufigere Direktionswechsel nötig, da sie viel stärker kanonisierend wirken, das kulturelle Bild einer Stadt deutlicher prägen, als dies Festivals je könnten. Häuser wie das Burgtheater, das Kunsthistorische Museum und vielleicht auch das Filmmuseum schaffen durch ihre Dauerpräsenz kulturelle Blöcke. Das kann ich mit zwölf Viennale-Spieltagen niemals leisten.“

Einen lauten Abgang wie jenen von Peter Noever wird man vom feinsinnigen Festwochen-Dinosaurier Luc Bondy nicht erwarten dürfen. Hat man ihn heuer eigentlich schon bei seinem eigenen Festival gesehen? Offenbar nicht: Während Schauspielchefin Stefanie Carp bei jeder Premiere anwesend ist, hält sich Bondy erneut dezent im Hintergrund. Er hat schon die Jahre davor hauptsächlich durch Abwesenheit geglänzt. Auch so sehen Auslaufmodelle aus: Man lässt so lange andere für sich arbeiten, bis man selbst verschwunden ist.

Von Karin Cerny, Stefan Grissemann und Nina Schedlmayer