Austerity ist unvermeidbar

Bei korrekter Rechnung ist das weltweite Sozialprodukt längst am Schrumpfen.

Von Erich W. Streissler

„Ist Austerity weiter zumutbar?“ ist eine unsinnige Frage. Sie entspricht nur den Jubelmeldungen von Bankiers, nicht aber einer langfristig korrigierten Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR). Nach dieser ist Austerity unvermeidbar, entweder vorbeugend oder sonst nach dem unvermeidlichen Staatsbankrott. Meine Frage an meine Studenten lautet: Geht Italien oder gehen die USA früher in Staatsbankrott – Italien mit 130 Prozent des BIP Staatsschulden, aber nur langsam steigend, oder die USA mit 115 Prozent des BIP Staatsverschuldung, aber rapide wachsend?

Etwa 2005 haben wir den Höhepunkt des Weltsozialprodukts pro Kopf erreicht, und seither geht dieses, korrigiert gerechnet, herunter: dauernder Anstieg der Nahrungsmittelpreise wegen Klimaverschlechterung, erst recht Verteuerung der Verkehrsleistungen und – noch gar nicht voll durchdacht – Verknappung von brauchbarem Wasser. Die VGR rechnet jedoch zu konstanten realen Preisen und berücksichtigt nicht langfristig steigende Preise essenzieller Güter, die jede gute Unternehmensrechnung berücksichtigen müsste.

Eine enorme Fehlrechnung trat in den USA (und ähnlich in Spanien) durch den Bau unverkäuflicher Wohnhäuser auf. Erste mögliche Fehlrechnung: Staatlich erstellte, aber unverkaufte Güter werden nach dem Erzeugerpreis in Rechnung gestellt. Wenn aber unverkäuflich, werden sie nicht auf null rückgerechnet! Zweite, noch wichtigere Fehlrechnung: Verkaufte Güter, zumal auch Wohnanlagen, werden mit der Höhe der Rechnungslegung in die VGR eingerechnet; völlig ignoriert wird jedoch, ob die Rechnung auch je bezahlt wird! Kein anderer als Alan Greenspan hat ausgerechnet, dass die Welt 2007 bis 2009 40 Billionen Dollar unbezahlte Rechnung aufgehäuft hat, das waren rund 60 Prozent des Weltsozialprodukts, und die USA 17 Billionen, das waren rund 120 Prozent des US-Sozialprodukts. Nach dieser Rechnungen muss man also von den gemessenen drei Prozent Sozialproduktsteigerung acht Prozent Wertverlust für 2000 bis 2012 abziehen, macht minus fünf Prozent aus; und selbst wenn die ursprünglich bedachte Summe, wie sich später zeigte, doppelt überhöht war, käme noch immer ein US-„Wachstum“ von minus ein Prozent jährlich heraus.

Aber auch das ist noch übertrieben hoch. Wir müssten immer noch 0,5 bis ein Prozent pro Jahr langfristige ­Umweltverschlechterung abziehen. Und weiters auch noch die Kosten laufender Naturkatastrophen, wie Überschwemmungen, oder die verschiedenster Umweltschäden: Der Schaden selbst wird nämlich nicht als Minusposten in die VGR eingerechnet, wohl aber die Schadensbeseitigung als Sozialproduktsteigerung! „Naturkatastrophen erhöhen das Sozialprodukt“, wäre daher eine zwar absurde, aber durchaus zutreffende Aussage. Hier ist also, richtig umgerechnet, ein weiteres 0,5 bis ein Prozent des BIP pro Jahr abzuziehen. Unter Berücksichtigung all dieser Posten kommt man soweit leicht auf ein negatives Sozialprodukt-„Wachstum“ pro Jahr.

Vieles ist hier Effekt der Unterschiedlichkeit der positiven kurzfristigen Wirkungen im Gegensatz zu den negativen langfristigen. Apostel der positiven kurzfristigen Wirkungen ist insbesondere Ben Bernanke. In einem berühmten Artikel aus den 1990er-Jahren hat er gezeigt, dass in der Weltwirtschaftskrise nach 1931 diejenigen Länder am besten ausstiegen, die am meisten Deficit-Spending betrieben. Für die Gegenwart bin ich sicher, dass das Gegenteil gilt. Die Jubelmeldungen in den USA gehen darauf zurück, dass nur die obersten 20 Prozent der Einkommensempfänger in den letzten 30 Jahren Einkommenssteigerungen erzielten, diese aber („Bankiers“) kräftig. Und so wählt die Mehrheit der weißen männlichen Wähler republikanisch, hingegen Frauen, Jugendliche und Latinos demokratisch.

Was ist die heute bedeutendste Industrienation Europas? Natürlich Österreich (!) – nach dem großartigen Referat von ÖGB-Präsident Erich Foglar an der Akademie der Wissenschaften über die „Förderung der Arbeitskraft Österreichs in Gegenwart und Zukunft“ am 19.12.2012: Österreich hat mit 4,3 Prozent die geringste Arbeitslosenquote Europas (Luxemburg 5,1 Prozent, Deutschland 5,4 Prozent, Niederlande 5,5 Prozent) und als einziges Land in Europa einen dauernd steigenden Wertschöpfungsanteil der Industrie (1960 bis 2007 von 15 Prozent auf 20 Prozent), wobei diese Statistik noch insofern nach unten verzerrt ist, als natürlich die enorme Fremdenverkehrswertschöpfung von insgesamt rund 12,5 Prozent fehlt. Foglar zitierte Beispiele unserer 200 weltweit führenden Industrieunternehmen, u. a. Infineon, mit 2500 Mitarbeitern in Österreich, davon 900 in Forschung und Entwicklung, Fronius International mit 3250 Mitarbeitern, 392 in Forschung und Entwicklung (Tendenz steigend), Anton Baar GmbH, mit 1150 Mitarbeitern in Graz und weltweit 17 Vertriebsfirmen, und viele mehr. Das Gegenteil zu Bernanke gilt in Österreich deswegen, weil die Reduktion der Staatsausgaben zur Erhöhung der Privatinvestitionen führt. Auf alle Fälle sind wir weit von dem sinnlosen Staatsausgabenanteil Frankreichs von 56 Prozent entfernt.

Zur Person
Erich W. Streissler, 79, emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre, ­Ökonometrie und Wirtschaftsgeschichte an der Uni Wien­.