'Australia' - Sehnsucht nach Großformat:
Nicole-Kidman-Epos als Zeichen der Zeit

Mit dem Genre-Bastard „Australia“ verleiht Spektakeldesigner Baz Luhrmann seiner ­Sehnsucht nach dem Großformat absurden Ausdruck: Sein jüngstes Nicole-Kidman-Epos ist ­allerdings auch Zeichen der Zeit.

Die Tage rund um Weihnachten sind im Kino seit jeher für Imposantes reserviert: breite Produktionen, weitschweifige Erzählungen und prominente Besetzungen. Es kommt zu einer ­Inflation der „großen Bilder“. Dahinter steckt, je nach Sichtweise, ein Rückgriff in jene alte Zeit, als das Filmepos noch in Ordnung war: das Vom-Winde-verweht-Syndrom; oder es ist als Reaktion auf die Ära der Fernsehkrise zu sehen: Der historische Advent-Vierteiler, wie er früher, in einer Epoche vor Veronica Ferres, einmal war, wird ins Kino verschoben.

Es liegt offenbar in der Natur der Sache, dass die Qualität solcher Nostalgieübungen schwankt. Die beiden beachtlich dimensionierten Filme, die das nachweihnachtliche heimische Kinogeschehen dominieren werden, veranschaulichen dies präzise: Während der australische Regisseur Baz Luhrmann seine Sehnsucht nach dem klassischen Kino in dem überproduzierten Lach- und Rührstück „Australia“ mit einem Sinn fürs Bizarre abschmeckt, gerät die erste Kinoarbeit des deutschen TV-Routiniers Heinrich Breloer, eine Adaption des Thomas-Mann-Romans „Buddenbrooks“ (siehe auch Filmkritik rechts), schnell ins Fahrwasser eines allzu erlesenen Konventionalismus.

Absurder (und ungleich bewegter) ist „Australia“ angelegt, die Geschichte einer Landbesitzerin aus der alten Welt (Nicole Kidman), die – am Vorabend des Zweiten Weltkriegs – down under auf einen raubeinigen Viehtreiber (als Ersatz-Eastwood: Hugh Jackman) stößt, der ihr hilft, erstens gegen die unaussprechlich bösen Machenschaften geldgieriger Konkurrenten zu triumphieren und zweitens einen kleinen Buben, Sohn einer Ureinwohnerin und eines Weißen, vor dem Zugriff der Rassisten zu retten. Die bedrohte Idylle der Patchwork-Familie ist das Schlachtfeld dieses Films. Ein Mann hoher Produktivität ist Luhrmann nicht. In den bislang 17 Jahren seiner Regiekarriere hat er es auf gerade mal vier Arbeiten gebracht. Seiner kreativen Hemmung hält er eine private Gigantomanie entgegen: Er produziert wenig, das aber kolossal. Nach seinem produktionstechnisch noch vergleichsweise bescheidenen Debüt, dem Tanzfilm „Strictly Ballroom“ (1992), passte er in „Romeo + Juliet“ (1996) Shakespeares Textvorlage dem ästhetischen Horizont der Videoclip-Generation an. Mit dem postmodernistischen Historienkitsch-Musical „Moulin Rouge!“ (2001) wagte sich Luhrmann noch weiter ins Territorium des sinnfreien Ausstattungswahnsinns vor.

Identitätskrise. Auf Nicole Kidman, die „Moulin Rouge!“ als Mary-Poppins-Placebo durchschwebt hatte, wollte Luhrmann nun nicht mehr verzichten. Seine jüngste Produktion, 130 Millionen Dollar schwer, führt, um Größe zu behaupten, gleich den ganzen Kontinent im Titel. „Australia“ ist ein digital verkünstelter Historienfilm mit Gattungs-Identitätskrise. Luhrmann holt weit aus, und das lässt sich als Drohung verstehen: Er positioniert seine knapp dreistündige Tragikomödie an der Schnittstelle von australischer Mythologie (Aborigines! Kängurus!), Slapstick und Action-Drama, von Historiengemälde und Outback-Folklore: ein Screwball-Western mit Fantasy-Abenteuer-Kriegsmelodramen-Einschlag. Stilistische Kohärenz ist Baz Luhrmanns Sache nicht.

Die Chronik der Erlebnisse des indignierten britischen Fräuleins in der unwegsamen australischen Provinz fällt zunächst eher ins Fach painful comedy, um anschließend bruchlos erst in ein antirassistisches Pamphlet und dann in ein flammendes Melodram zu kippen. Inständig werden die magische Aura und die „seltsame Kraft“ des Landes beschworen, verschnitten mit allerlei Anspielungen auf die alte Leinwand-Fantasy rund um den „Wizard of Oz“. Zudem spielt das Ensemble groß auf: Insbesondere Kidman übertreibt, wie das im Kino der vierziger und fünfziger Jahre noch üblich war, im Gegenwartskino jedoch für beträchtliche Befremdung sorgt.

Aber das ist schon Teil des Luhrmann-Systems: Das Plädoyer des Filmemachers für ein neues altes Kino der Maßlosigkeit und des auf die Spitze getriebenen Kitsches geht dennoch nur halb auf; zu hastig ist „Australia“ erzählt, in kleinen Spannungsbögen und allzu disparaten Stilen. Das klassische Melodram, das Luhrmann so angestrengt zu reanimieren versucht, ist aus dem Sichtfeld gefallen: Es mag sich in einem Land somewhere over the rainbow finden. Aber dorthin führen im Mainstream-Kino längst keine Wege mehr.

Von Stefan Grissemann