<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
120 Jahre Luftsprung

Otto von Lilienthal erschloss 1891 einen neuen Sportzweig, den er "eine höchst interessante und gesunde Beschäftigung“ nannte: das Fliegen.

Genau genommen ging es um das Fliegen von Körpern, schwerer als Luft, denn Ballons gab es ja schon längst. Lilienthals motorlose Flüge, kaum weiter als 250 Meter, wären der Kategorie "Hanggleiten“ zuzuordnen, das ja heute wiederum als Sport betrachtet wird.

Und damals? "Eines der gewaltigsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts besteht darin“, schrieb Maxim Gorki 1927, "dass der Mensch, nachdem er über die Erde zu fliegen gelernt hat, sogleich aufhörte, sich darüber zu wundern.“ Damit konzediert er eine gewisse Skepsis angesichts erfüllter Träume, deren ernüchternde Wirklichkeit gar nichts mehr mit den vormaligen Träumereien zu tun hat. "Es heißt“, schreibt der Autor Dieter Vogt in seinem Vorwort zum famosen Büchlein "Das Jahrhundert des Flugzeugs“ (insel taschenbuch), "der Mensch habe tausend und abertausend Jahre vom Fliegen geträumt, ehe er es erlernte. Statt dem Traum hat er nun das Flugzeug.“ Gelöst wurde nicht eine Menschheitsfrage, schreibt er weiter, sondern lediglich ein Transportproblem. Dazu zitiert er Elias Canetti: "Wie rasch hat das Fliegen, dieser uralte kostbare Traum, jeden Reiz, jeden Sinn, seine Seele verloren. So erfüllen sich die Träume einer nach dem anderen zu Tode.“

Kaum konnte das Flugzeug fliegen, wurde es, wie praktisch alle nützlichen Erfindungen, für militärische Zwecke eingesetzt und erfuhr dabei auch seine technische Zuschärfung bis hin zum Raketenantrieb.

Heute hat das Fliegen etwas mit Fläschchen in Plastikbeuteln, fremden Fingern im eigenen Gepäck, Fluggastdatensätzen, Kindergeschrei, letzten Aufrufen, latenten Verdachtsmomenten, mit Sprengung bedrohter Gepäckstücke, Rauchervitrinen und noch mehr Kindergeschrei zu tun. Nach dem Abheben setzt Langeweile ein. Just for Laughs, schale Minibrezeln, Cola aus Plastikeutern. Transport eben. Oft denke ich an den Steward der Billiglinie JetBlue, der sich nach der Landung, mit zwei Dosen Bier versorgt, über die Notrutsche verabschiedet hat, weil ihn die Passagiere nervten.

All die großen und kleinen Dramen, alle Auswirkungen auf Migration und Umwelt, all das fußt auf den ernsthaften Gleitversuchen Otto Lilienthals, der sich im Sommer 1891 am Nordhang des Windmühlenbergs bei Derwitz (Nähe Berlin) mit einem ersten nennenswerten Gleitsprung in die Geschichtsbücher eingetragen hat, wie das so heißt.

Der insektenartige Gleitflügel, den er wie ein Seiltänzer die Balancierstange hielt, erlaubte ihm, mit den Armen auszutarieren, den Wind zu spüren und mit den Beinen Anlauf zu nehmen (und zu landen). Gesteuert wurde durch akrobatische Gewichtsverlagerung. Trotz zahlreicher Versuche und Beobachtungen fehlten ihm Kenntnis über Schiebe- und Giermomente, über Druckpunktwanderung am Flügel und andere aerodynamische Grundregeln. Es war ein Lavieren mit Körpereinsatz zum Ergötzen des Publikums. Tausende Versuchsflüge und etliche Neuentwicklungen hatte er hinter sich, als er am 9. August 1896 am Gollenberg bei Stölln aus fünfzehn Meter Höhe abstürzte und sich den Hals brach. Tags darauf war er tot. Letzte Worte: "Opfer müssen gebracht werden.“ Damit war eine Schrecksekunde lang Schluss mit Fliegen. Erst die Gebrüder Wright, aufbauend auf Lilienthals Schriften und Erkenntnissen, führten sein Werk im Sommer 1900 in North Carolina fort.

"Wäu damals war des so …“, sagt der alte Herr Anton Ott mit der Autorität eines Mannes, der noch dem österreichischen Flugzeugpionier Igo Ettrich beweisen konnte, warum eine seiner Konstruktionen nicht fliegen konnte und wie dem abzuhelfen wäre. Herr Ott ist ein erfahrener Segelflieger, Aeronautik-Spezialist und Nachbauer historischer Flugzeuge im Maßstab 1:1. "Oiso, damals war der Mensch am Bodn, und drüba war gar nix, nur die Vegel. Und dann is aner hergangen und hat si an Flieger baut. Und des Kräuwe is dann zuföllig gflogn. Oba kana hot eigentlich gwusst, warum.“

Anton Ott war Konstrukteur und Vormann des Projekts "Pischof Autoplan“ von Walter Krobath, das nach zwei Beinahe-Abstürzen endgültig im Hangar landete, weil ihm die Austro Control Flugsicherung die Betriebsgenehmigung entzog. (Ich berichtete an dieser Stelle über meinen Passagierflug im Autoplan über das Wiener Neustädter Flugfeld.)

Nicht einmal mit heutiger Technik und heutigen Erkenntnissen lässt sich das absichern, was Pioniere ausgeheckt haben.

Der original Lilienthal-Gleiter, ein zernepftes, vom Ursprung der Geschehnisse malträtiertes Zeitzeugnis, war für mich lange Jahre das Urbild des mutigen Flugversuchs, der Wagnisse und Gefahren, wie es da oben im Hauptraum des Technischen Museums Wien hing. Vor etlichen Jahren, als die Sponsoren Einzug hielten, wurde es gegen eine frischgebügelte Replika getauscht. Aus der Traum.

david.staretz@profil.at