<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Alpenkönig, Kurvenfreund

Porschefahren mit dem besten Autofahrer der Welt.

Walter Röhrl, mit 63 Jahren gereift vom angewandt schnellsten Autofahrer der Welt zum angewandt besten Autofahrer der Welt*), ist ein in seiner Passion und Perfektionsfreude liebenswerter Mensch, der Ungerechtigkeit hasst und seine Katze Lisa über alles liebt. Anlässlich einer aktuellen Produktion für das Porsche-Hausmagazin „Christophorus“, die Mutter aller Firmenmagazine (seit 1952), traf ich den gebürtigen Regensburger Walter Röhrl an einem Kernpunkt seiner Karriere, auf der Passhöhe des Col de Turini im Massif du Mercantour der französischen Seealpen.

Es lohnt sich zu wissen, dass Walter die Rallye Monte Carlo viermal gewonnen hat, 1980 auf Fiat 131 Abarth, 1982 auf Opel Ascona, 1983 auf Lancia Rally und 1984 auf Audi quattro, immer neben seinem Beifahrer Christian Geistdörfer. Nach Tausenden Straßenkilometern im Renntempo entschied sich alles auf diesem Col de Turini, der letzten großen Nachtetappe vor dem Ziel, emotional und historisch aufgeladen mit allen Angespanntheiten und Hysterien, voll des Taktierens und Auf-eine-Karte-Setzens, das dieser Sport zu bieten hat.

Aber lauschen wir doch Walters eigenen Worten, direkt aus der Cockpit-Nähe: „Oben auf der Passhöhe warteten bis zu 30.000 Menschen. Du kamst den letzten Buckel auf die Passhöhe hochgeflogen und hast nichts mehr gesehen außer einer grellen Wand aus Blitzlichtern. Und schon ging es wieder hinunter auf ­vereisten Straßen.“

Hier, in der „Nacht der langen Messer“, in welcher der Turini bis zu dreimal gefahren werden musste, war der Druck auf den bis dahin Führenden enorm groß, denn es lagen noch sieben-, achthundert Kilometer zwischen ihm und dem Sieg, die aufgegizten Gegner im Nacken, „denn schon eine zu spät angesetzte Kurve, ein falscher Schlenker mit dem Heck gegen eine der zahlreichen Steinbegrenzungen konnte dich um alles bringen“, sagt Walter.
Heute sitzt er, lang und schlaksig wie eh, hinter dem Steuer des neuen Porsche Carrera. Blicke ich vom Notizblock auf, fällt mein Blick unweigerlich auf eines der kniehohen Mäuerchen, äußere Straßenbegrenzungen, hinter denen nur malerische Gebirgslandschaft jenseits unergründlicher Tiefen zu erkennen ist. Walter bedient den dahinrasenden Wagen ruhig und konzentriert, während er im Auge des Taifuns gelassen über die Vorzüge des Autos referiert. Schließlich sind wir dienstlich hier, samt Film- und Fototeam und den entsprechend langen Pausen des Wartens.

Ein arbeitsloser Hirtenhund schlendert vorbei, gewillt, uns als Teilzeitjob zu akzeptieren. Auf ruhigen Pfoten umrundet er die Gruppe, taxiert, welches Schaf wohl am ehesten ausbüxen würde. Gelassen und unbeeindruckt von Reflektoren und laufenden Kameras, lässt er sich zu Walters Füßen nieder, der, ohne aus dem Rhythmus zu fallen, seinen Text weiterspricht und dabei dem Tier gedankenverloren das Fell krault.

Wir blicken in eine Straßensenke am Rande einer Siedlung hinab. „1973 wurde diese Prüfung als letzte der Nacht in Gegenrichtung gefahren. Nach sieben Kilometern kommt San Agnes, und da ist mir in der Spitzkehre nach 7000 Rennkilometern beim Opel Commodore die Halbachse abgerissen. Zwölf Kilometer vorm Ziel. Da schaust natürlich guat aus der Wäsch’.“
Walter war und ist ein Perfektionist: „Ich hatte immer Wert gelegt auf meine Eisnotenfahrer, Eingeweihte, die mir über die Fahrbahnbedingungen weit oben berichtet haben. Den Skandinaviern war das egal, die sind ohnehin ständig mit Spikes gefahren. Aber ich habe immer versucht zu changieren zwischen Renn- und Rallyefahrer, je nach Bodenbeschaffenheit. ,Wenn ihr mir aufschreibt, 20 Meter vor der Kehre kommt noch einmal Asphalt, dann lass ich Gas stehen bis zum bitteren Ende.‘ Das hat dann auch immer fun­k­tioniert.“

Wir unterhalten uns über Problematiken dreidimensionaler Fortbewegung: „Ja, es ist grundsätzlich leichter, schnell bergauf zu fahren. Weil Energie schneller vernichtet wird im Fall, dass man etwas falsch macht. Wenn man sich aber beim Bergabfahren verschätzt, ist der Spielraum dramatisch kleiner. Auch psychologisch ist es immer angenehmer, gegen den Berg zu fahren. Da wird man nicht so vom Abgrund hypnotisiert.“
Wenn Röhrl gewann, dann nicht mit ein paar Sekunden Vorsprung, sondern er pflegte seine Gegner zu demütigen, indem er sie in Dimensionen zurückließ, denen er längst enteilt war. „Ich hatte immer so einen gewissen Spleen, wo ich besonders gut sein wollte; das war einerseits die längste Prüfung der Rallye, weil mir klar war, dass ich im Kopf konditionsmäßig mit Abstand der Beste bin, und: immer wenn’s bergab gegangen ist. Denn da zeigt sich, wer unabhängig von der Motorleistung das beste Gefühl hat. Ich habe dazu extra auf den Passhöhen Zwischenzeit nehmen lassen. Einmal war der Sandro Munari mit dem Lancia auf der Passhöhe 48 Sekunden schneller als ich mit dem Fiat oben, und im Ziel lag ich dann zwei Sekunden vor ihm.“ Übrigens sagt man Walter nach, dass er das absolute Gedächtnis besitzt. Das kann hilfreich sein, wenn man sich so viele Erfolge zu merken hat.■

david.staretz@profil.at