<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Autofahren ist ein weites Land

Von klugen Haken im Skoda Fabia, geschorenen Fußmatten im 222.000-Euro-Porsche und extrem rennmechanischen McLaren-Zuspitzungen.

Ich wollte vom Skoda Fabia berichten, den ich gerade in seiner neuesten Ausführung fahre und der mich erfreut durch seine schlichte, wertanmutende Klarheit der Funktionen. Betörende Sachlichkeit wie in Margarete Schütte-Lihotzkys Frankfurter Küche, dabei aber einem höheren Raffinement unterstellt, sodass man immer das Gefühl hat: Hier hat der Chef das letzte Wort, wer immer das ist, jedenfalls hat man bei dieser Marke das Gefühl, dass echte Autoleute dahinterstehen. Kluge Entscheidungsträger, die über Technikern, über Aerodynamikern, über Designern, über Elektronikern und über allen anderen Bedenkenträgern, Einwendern und Looping-Denkern stehen, die uns sonst so gerne Kleinigkeiten vermiesen, an denen sonst gelungene Autos leiden. Drei Lieblingsbeispiele: Heizdrähte in den Frontscheiben (wo sind die EU-Verbotskommissare, wenn man sie braucht?), hierarchisch blödsinnig aufgebaute Info-Monitore und Vordersitzlehnen, die nach dem Vorklappen zurückfedern, weil sie vor lauter Lederüberzug zu fett geworden sind. Hingegen sind allein die beiden Klapphaken im Fabia-Kofferraum ein Kaufargument. Wer so liebenswürdig an unsere Einkaufstaschen denkt, hat auch das übrige Auto im Griff.

Aber vom Fabia gibt es heute nichts weiter zu hören, weil dies die erste Kolumne des Jahres ist, und da darf man sich wünschen, was sonst verboten gut ist. In diesem Fall: drei absolute Supersportwagen, Stiche in jedem Autoquartett.

Der erste heißt Jaguar XKR-S, der zweite Porsche GT3 RS 4.0 und der dritte McLaren MP4-12C. Raritäten, die jede Statistik unterlaufen.

Der Jaguar ist am billigsten, kostet 161.600 Euro, ist aber zugleich der Freudvollste der drei, weil er sich noch anstandshalber dem Straßenverkehr verpflichtet fühlt und das mitbringt, was der Russe Wsa semi ubdobstwami nennt, mit allen Annehmlichkeiten, was komfortables Cruisen betrifft. Sein Achtzylindermotor leistet 550 PS, reichlich genug, um die 1,8 Tonnen des Jaguars in daseinsdurchdringende Aggregatzustände entheben zu können - aber mit den meisten Geländewagen wird ja auch nicht ständig die Preintalerhütte besucht. Es geht mehr um den angewandten Konjunktiv. Selten reizt man Tempo 300 aus, aber dem Beschleunigungswert von vorgegebenen 4,4 Sekunden von null auf hundert möchte man sich schon gern einmal nähern.

Der Porsche GT3 RS stellt die absolute Zuspitzung einer langen Evolutionskette dar, entsprechend aufgegitzt ist er auch, mehr Rennwagen als Verkehrsteilnehmer, kompromisslos vom geschmiedeten Rennkolben bis zum geschorenen Bodenteppich (Gewichtseinsparung). Zugschlaufen statt Türgriffe. (Alles zunichtegemacht durch den serienmäßig mitgelieferten Feuerlöscher.) Und dann, es beginnt schon mit diesem nervösen Leerlauf, diese gepflegt brutale Unmittelbarkeit eruptiver Kraftentwicklung. Jedes der 500 PS hat nur 2,7 kg zu stemmen. Damit ist man auf der internationalen Messlatte rennsportnahen Herangehens, der Nürburgring-Nordschleife, schneller als alle Konkurrenz.

Ausgenommen der McLaren MP4-12C, der als Einziger Paroli bieten kann. 600 PS und kaum schwerer als der Porsche. Hier wurde zwecks Gewichtseinsparung sogar der Typenname am Heck eingraviert statt aufgeklebt. Diese hochpräzise Vollzugsmaschine fuhr ich auf einem Flugfeld in England. Viel Sturzraum in den Kurven. Der V8-Biturbomotor des McLaren befindet sich vor der Hinterachse, um die Massenkräfte um den Schwerpunkt zu versammeln, sie somit gering zu halten. Beim scharfen Bremsen hebt sich der Heckspoiler steil in die Höhe. Luftbremse. Das Fahrwerk ist ein sensibel abgestimmtes Regelsystem, das jedes Rad einzeln und in Echtzeit in jede Bodenvertiefung stemmt, der Wagen scannt die Fahrbahn und rechnet sich ununterbrochen darauf ein. Das ist extrem humorlos, macht auch nicht einmal Spaß, weil dieses grundsätzlich dämlich eingesetzte Wort nicht herankommt an die vielschichtigen Empfindungen, die das Bedienen so einer Rennmaschine auslöst. Das geht dann weit über schieres Tempobolzen und Kurvendröhnen hinaus; man ist gefasst, konzentriert, versucht, die Vorgänge zu erkennen, zu verstehen, mit ihnen zu dealen, man versucht, besser zu werden im Sinne einer umfassenden Erkenntnis von Zuständen und Kräften, die größer sind als wir selber, die zu bändigen aber sich der Mensch seit jeher in den Kopf gesetzt hat, mit mehr oder weniger Geschick, mit mehr oder weniger Erfolg. Kann man unter anderen Vorzeichen im Skoda auch finden, denn das Autofahren ist ein weites Land.

david.staretz@profil.at