<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Bitte leiser da draußen!

Das viertürige Coupé mit Laderaum erklärt sich über seine inneren Hierarchien: Überall sei vorne.

Freundlich, aber versehen mit der Kraft der großen Zahl beschied man mir, dass die Mercedes-B-Klasse ein kommerzieller Erfolg sei, auch wenn ich das letztens so nicht wahrhaben wollte. Sie sei sogar eine wesentliche Stütze der Gesellschaft m.b.H. – in China galt sie sogar zeitweise als ausverkauft.

Hm. Es gibt offenbar verschiedene Weisen, das Portfolio einer so breit aufgestellten Marke zu betrachten, und viele Käufer peilen eben über die Vernunftschiene, Plan B. Dafür, zum Trost und Gegenpendel, ist die A-Klasse wiederum auf geradezu radikale Weise modern und mutig geworden, bis hin zum tollen CLA.

Doch wer wie ich Mercedes immer noch als Wirtschaftswundermarke betrachtet, greift einige Register höher ins sportlich kultivierte Fach. Und weil wir, die weißen Hemdsärmel aufgekrempelt und die Krawatte gelockert, nicht verschämt herumdrucksen wollen: Der Wagen kostet so, wie er da steht, 136.096 Euro, was auch 25 Euro „Produktschutz für Versandfahrzeuge“ beinhaltet, die dem Käufer als Ex­tra angerechnet werden, wahrscheinlich eine Plane. Denn die „Bewachsung“ ist ja serienmäßig. Ach, diese Ausstattungslisten. Man kann sich verlieren darin: Motor-Restwärme-Ausnutzung, aktiver Totwinkel-Assistent, Pelvis-Bag für Fahrer und Beifahrer, Multifunktionslenkrad beheizt, Mercedes-Benz-Kleiderbügel, Staubox. Staubox? Ach ja, zum Verstauen heikler Kleinigkeiten.

Denn der Laderaum, der eigentlich das Wesen des Gesamtkonzeptes „CLS Shooting Brake“ darstellt, ist so weitläufig, dass er sogar ein eigenes Laderaummanagement ­benötigt. Gemeint ist damit (im Idealfall der Aufpreis­gestaltung) ein Laserschnitt-intarsierter amerikanischer Kirschholzboden mit gebürsteten Aluminium-Schienen samt Gummi-Lagen, in die spezielle Haltesperren eingesetzt werden können, die das Gepäck in Position halten.

Denn, he, wir haben es laut Kraftfahrzeug-Bundesamt mit einem Coupé zu tun, „für Architekten, Sammler, Reisende – Menschen, die sich vom Mainstream unterscheiden“, wie der Hersteller selbst vorschlägt. Denn nichts weniger steht an als die Begründung einer neuen, rasanten Fahrzeugklasse, der Eleganz halber Shooting Brake genannt, was an britischen Landadel denken lässt und seine leichten, bauvariablen Jagdkutschen. Hier also: Der sportliche, viertürige Edelkombi mit unerhörter Feinmechanik, selbsteinparkend, abstandsregelnd, sitzventilierend, aluminiumbeplankt und in dieser speziellen Motorenwahl (CLS 500) 408 PS stark, was der ganzen Crossover-Ungewissheit einen massiven Magnetpol beschert: im Zweifel immer zügig voran.
Moderne Motoren sind wie Bypass-Systeme geregelt: Wenn man sie nicht ständig tritt, fallen sie in den Öko-Modus und verbrauchen erstaunlich wenig. Unter neun Liter/100 km zu bleiben, ist kein Mirakel.
Allein was die Assistenzsysteme an Energie verbrauchen müssen! Ich steige immer ganz entspannt aus, wenn ich auf freier Landstraße Ideallinie gefahren bin. Das liegt zum Teil am wunderbaren Zusammenspiel von Motor, 7G-Tronic-plus-Getriebe und Elektro-Servolenkung, zum anderen an der wunderbaren Handflächenmassage, die man vom vibrierenden Lenkrad erhält: Sobald man eine Seiten- oder Mittellinie überfährt, vibriert der Lane-Assist los, was zusammen mit den dynamischen Massagesitzen zu einer elektromotorischen Rundumbehandlung führt. Die Sitzleder sind übrigens vorgeschrumpft, damit es bei Sonneneinstrahlung keine falschen Spannungen gibt. Gespenstische Ruhe breitet sich beim Fahren aus – wie ein Aktivlautsprecher, der Stille ausstrahlt (man hört nicht einmal die hübsche Borduhr ticken), so dass man die ­Autos rundherum brummen hört wie sonst nie. Bitte leiser da draußen!

Kritik? Wenig. Eigentlich stört nur, dass der Tachometer so erstaunlich schlecht ablesbar ist. Vielleicht liegt es an der komplizierten Hierarchiestruktur, dass er sich vom Aufmerksamkeitsgrad her weiter hinten einfügen muss. Denn in diesen bedienungs- und informationsüberladenen Fahrzeugen ist Hierarchie das wichtigste Thema: Was hat Priorität, was blinkt danach, welche Schalter sind leicht zu finden, welche benötigt man seltener? Und dann noch die ganze Info-Ebene und Bedien-o-matik der über das Display eingespielten Bordelektronik. Doch über allem steht das Comand-Online-System, wodurch (sofern das Mobiltelefon angeschlossen ist) nach dem Auslösen des Airbags oder Gurtstraffers die GPS-Position des Fahrzeuges (und dessen Fahrgestellnummer) per SMS an ein Emergency-Center in Mercedes-Diensten gesendet wird. Die wissen, wo man ist, und schicken Rettungskräfte los, auch wenn man selber (auf Urlaubsreise) gar nicht weiß, wo man sich gerade befindet.

Crux und Segen: Einerseits macht man sich transparent und nachvollziehbar, andererseits, im Notfall, will man nichts lieber als gerettet werden und würde sofort sämtliche Seelen verkaufen. Doch darüber ein andermal mehr.

Für diesmal drücken wir die Soft-Automatik-Schließ­taste der Heckklappe und lassen ein wenig Wirtschaftswunder nachwirken.

david.staretz@profil.at