<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Blick in die Rückfahrkamera

Da sehen wir eine gewisse Zukunft. Oder war es doch eine Waschbetonwanne?

Zur großen Illusion des Alles-unter-Kontrolle-Habens durch menschlichen Intellekt zählt die zunehmende Einbauhäufigkeit von Rückfahrkameras in mehr oder weniger nach hinten übersichtliche Autos. Diese bildübertragenden Bordmonitore werden aktiviert, sobald der Rückwärtsgang eingelegt ist, und funktionieren fantastisch. Begleitet vom immer rascher getakteten Piepston des Annäherungssensors, geleitet von der eingeblendeten grünen über die gelbe bis hin zur roten Linie (und noch ein paar Millimeter darüber hinweg, jetzt Dauerpiepston), kann man wirklich raumökonomisch einparken. Da kommt garantiert kein Fußgänger mehr durch. Die Autos stehen neuerdings immer geschlossener am Gehsteigrand; die Sortierhilfen sorgen für eine fugendichte Homogenität der Metallmassen. Ist das jetzt für oder gegen das Auto gemünzt? Wer weiß das schon noch. Autofahrer sind wir alle. Aktiv oder passiv. Dann gleich rauchen auch.

Also das Tolle an den Kameras ist, dass man im Gegensatz zum Spiegel alles seitenrichtig sieht. Dennoch muss ich sagen, dass ich mitsamt Rückfahrkamera öfter wo angeschrammt bin als ohne mit Kopfumdrehen. Das ist ein Ding von Eigen- und Fremdverantwortung. Irgendwas in uns ist doch immer bereit, die Elektronik blöde dastehen zu lassen. Uns selber eher nicht. Und eine Waschbetonwanne kann im Winter leicht mit einem Schneehaufen verwechselt werden. Wann kommt endlich die HD-Rückfahrkamera?

In der Fahrschule haben wir gelernt, wie man die Beifahrersitzlehne mit dem rechten Arm umfassen muss, um sicher und mit Gefühl reversieren zu können. Dieser Trick, das Auto zu umarmen wie eine Tanzpartnerin, hat auch etwas Liebenswürdiges an sich; man gerät in Harmonie. Man fühlt das Auto. Und man macht gesunde Bewegungen.

Es gibt halt so grundlegende Dinge, die lassen sich nicht weiter verbessern. Wir sind in vielen Situationen an solchen Stellen angelangt. Denn das bürgerliche Maß bleibt bestehen, hoffentlich.

Freilich lassen wir uns oft und gerne ins Modernistische täuschen; im Grunde ist aller Computer, jegliches Internet eine solche Chimäre. Solange wir uns eingestehen müssen, dass wir es bisher nicht geschafft haben, die Welt vor uns zu bewahren, können wir alles das einrexen, weil wir schon vorher nicht die Kurve gekriegt haben.

Wir machen alles wunderbar aufregend neu, unterhaltsam und kompliziert; besser im Sinne der Natur und des Lebens im Sinne des Erfinders gelingt uns so gewiss nichts. Wir hätten es schon längst zustandebringen können. Es gibt keine Ausreden mehr.

Waren wir nicht bei der Rückfahrkamera? „Sssst“ öffnet sich beim Hyundai i30 das, was Hotelportiers für den Kofferraumgriff halten, und wie in einer Science Fiction aus den sechziger Jahren linst ein Kameraauge hervor. Das wirklich Sinnvolle daran eröffnet sich eigentlich beim Verkehrt-aus-der-Schrägparklücke-Schieben: Die Kamera ist so weitwinkelig eingestellt, dass man im Monitor die ganze Straße hinaufsieht in minderer Qualität, live, in Farbe (und bald auch 3D?).

Freude am Fortschritt ist ja eher eine Sache der Stimmung; manchmal findet man einen drolligen Blödsinn gut, etwa dass man einen Nachtkastelwecker einfangen muss, weil er morgens auf Rädern davonhüpft, oder dass man schwarze T-Shirts weiß deckend mit „Weltverbesserer“ bedrucken kann. Irgendwann rechnet uns dann jemand vor, womit diese so genannte Baumwolle imprägniert worden sein muss, damit die extrachemische Farbe so cool deckend drauf hält. Na ja, lächelt der Weltverbesserer, ist doch ohnehin ironisch gemeint. Also doch Konsum-, Sozial- und Kulturkritik. Auf der sicheren Seite. Und wir die Blamierten.

Was ist los mit dieser Rückfahrkamera? Mein Vater sagt, ich soll wieder was Lustiges schreiben. Stattdessen diese Pessimiererei. Wahrscheinlich fühlt sich irgendwas in mir gestärkt durch den Buchtitel „Die Stunde der Dilettanten“ vom Philosophen und ehemaligen „FAZ“-Kulturkorrespondenten Thomas Rietzschel. Untertitel: „Wie wir uns verschaukeln lassen“. In ORF online ist das Thema sehr schön auf den Punkt gebracht: „Die Banausen, die Stümper sind die Heroen unserer Tage, die Helden einer leistungsmüden Spaß-Gesellschaft, die lieber unterhalten als aufgeklärt sein will. Als unlängst in einer Fernseh-Show die besten Musiker aller Zeiten gekürt wurden, landeten Udo Jürgens und Herbert Grönemeyer bezeichnenderweise vor Mozart.“

Und das Dumme dabei: Man kann sich selber so schlecht herausdividieren. Wir sind auch dabei in der Statistik. Einst bejubelter Zeitgeist ist uns angesprungen wie ein heimlicher Jäger; wir wissen nicht einmal aus welcher Richtung. Vielleicht hilft ein Blick in die Rückfahrkamera.■

david.staretz@profil.at