<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Cool/km

Vom Zehn-Liter-Handschuhfach und anderen akzeptanzrelevanten Brauchbarkeiten am Beispiel des Kia Picanto.

Das Interesse an Kleinwagen steigt. Deklariert kleine ­Autos, die heutzutage die Volumina eines Ford Cortina oder Audi 80, gestandene Familienautos der sechziger und siebziger Jahre, nur knapp unterbieten, sind auf längere Sicht die einzige Hoffnung, das gesamte Autofahren plausibel und gesellschaftlich akzeptabel zu erhalten. (Eine Privattheorie könnte dem freilich widersprechen mit der These, dass es gerade große, möglichst unerschwingliche Autos sein müssten, die den Umweltfrieden erhalten – zum Ersten, weil es naturgemäß wenig davon gäbe, zum Zweiten, weil sich dazwischen mehr Platz fände. Kleinwagen lassen sich viel dichter sortieren, verstellen die kleinsten Park­lücken und Kinderwagenpfade. Solche aber blieben zwischen den Sauriern eher frei.)

Na ja. Jedenfalls stehen Kleinwagen im Fokus des Interesses wie noch nie, was zur Folge hat, dass die Hersteller diesen Markt nicht mehr lieblos bedienen aus schierer Angeödetheit angesichts kleiner Gewinnspannen, sondern im Gegenteil bemüht sind, Kleinwagen sexy, seriös, sicher und luxuriös auszustatten. Dann dürfen sie sicher auch ein bisschen mehr kosten.

Denn bald wird man sich mit einem X6, einem Q5, ­einem M 500 nicht mehr in die City trauen. Entweder aus Angst, einfach stecken zu bleiben zwischen Schrägparkern links und Schrägparkern rechts, oder aus Angst, dass der Brillantlack mit schnödem Autolack angesprüht wird wie einst der Chinchilla.

In unserer Zeit des langsamen Wertewandels, während man noch hin und her gerissen wird zwischen Prestige und Sozialverträglichkeit, zwischen Masse und Miniatur, zwischen Auftrumpfen und Abwinken, ist vielerlei opportun, je nachdem, welches Betrachtungsfenster man öffnet und wie weit.

Auf der Suche nach dem unter sämtlichen modernen Kriterien erfolgreichsten Kleinwagen blätterte ich in der Julinummer der „Autorevue“, wo auf Seite 43 ein ganz klarer Sieger unter neun Teilnehmern gekürt wurde: Kia Picanto 1,0.

Den wollte ich auch. In Lemongrass. Dass die Großmannssucht, der Wunsch nach Überholprestige und Wuchtbrummerei, auch unter Kleinwagen noch ­wütet, zeigen die großspurigen Frontpartien. Allein der Picanto hat zwei oder drei. Dazu muss man sagen, dass Kia seit einigen Jahren eine gewisse „Designkompetenz“ (im modernen Automobilismus gern verwendeter Terminus, vgl. Designführerschaft oder Rennsportkompetenz) für sich in Anspruch nimmt und nebenbei auch unwidersprochen gute Autos baut.

Einst war Kia, als Autohersteller heuer erst vierzig, der südkoreanische Lizenzfertiger von Fiat-Modellen wie 124 oder 132, später montierte man auch etliche Peugeot 604, wie Erich Honecker einen fuhr. Bei uns tauchten in den neunziger Jahren Modelle namens Sephia und Shuma auf, die man nicht einmal scheußlich nennen konnte, das wäre noch eine Anerkennung gewesen. Sie sahen einfach nach nix aus, wie Dinge, die man aus einer Wühlkiste fischt und gleich wieder fallen lässt. Plötzlich stellten dagegen sogar die Japaner einen klassischen Fahrzeugwert dar.

Erst mit dem Kleinwagen Rio der zweiten Generation (ab 2005) konnte Kia wirklich beeindrucken – die deutschen Autobosse wurden damals alle auf dem Kia-Stand des Genfer Salons vorstellig, um das kleine (Preis-)Wunder mit scheelen Blicken zu beäugen. In kurzer Folge tauchten die gewagt orthografierten, aber richtig feschen Familiensportler Cee’d und Pro_cee’d auf, unterfangen vom Sportage, der sich langsam, aber unverzichtbar auf dem Geländewagenmarkt etabliert hatte. Ohne allzu großen Werbeaufwand, aber mit Qualität und Beharrlichkeit schaffte man in Österreich einen Marktanteil von 2,8 Prozent, gleich hinter Mercedes, noch vor Toyota, Nissan und Suzuki.

Der Picanto Cool (= Klimaanlage) mit seinem 69-PS-Motor und den hiermit nachdrücklich empfohlenen fünf Türen hat einen Grundpreis von 9990 Euro, was so eine Art Herrenwitz ist, denn allen Beteiligten ist klar, dass man sich um weitere Preiszuschläge noch ein paar Sperenzchen leistet, bis man draufkommt, dass der Witz eher pointenlos ist, denn außer einem zusätzlichen Knie-Airbag (zu vorhandenen Front-, Seiten-, Vorhang-Airbags vorn und hinten) und Frivolitäten wie heizbarem Lenkrad oder elektrischem Glasschiebedach fällt einem kaum mehr ein, was man noch ­dazubestellen sollte.

Sogar eine Schublade unter dem Beifahrersitz (für bequeme Schuhe zum Beispiel) ist vorhanden, und unter dem Kofferraumbodendeckel befinden sich noch flache Setzkastenfächer für permanente Kleinigkeiten. Die Becherhalterfunktion in der Mittelkonsole ist sehenswert; die Halterung dreht sich auf Knopfdruck raus wie ein Pirouettentänzer.

Vier Türen! Das ist das größte Geheimnis kleiner Autos. Und hinten noch ein bisschen Kofferraum – oder mehr, auf Kosten der (geteilten) Rücksitze. Sogar das Handschuhfach fasst fast zehn Liter.

Die Motorleistung fühlt sich um kein PS stärker an als 69, aber man wird mit Verbrauchswerten von fünf Litern und Abgaswerten unter 100 Gramm CO2 pro Kilometer ­belohnt. Von wegen der Akzeptanzkompetenz.

david.staretz@profil.at