<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Halber Tacho

Unlängst fiel mir auf, wie sehr ich eigentlich unter Bremsbereitschaft stehe.

Über manche Schlüsselerlebnisse kommt man schwer hinweg. Wenn ich beispielsweise zum Arzt gehe, tue ich das immer noch mit dem Gefühl eines Siebenjährigen. Das heißt, ich komme nicht mit einer fertig ausgedruckten Internetdiagnose, sondern beantworte möglichst artig, was man mich fragt, strecke die Zunge raus, warte, bis ich mich wieder anziehen darf. Auch beim Autofahren gibt es so eingelernte Muster, die ich nicht ablegen kann. Fahren auf halbe Sicht, halber Tacho Abstand zum Vordermann, Motor abstellen vor dem Bahnschranken, äußerst rechts fahren. Klingt unerträglich schulmeisternd, aber im Grunde sind das meine Dogmen. Selbst wenn ich ein Motorrad abstelle, denke ich automatisch an das Arretieren der Handbremse, weil ich den Führerschein noch auf einer Beiwagenmaschine gemacht habe, wo das Blockieren des angezogenen Bowdenzugs ein entscheidender Punkt war.

Freilich sind Dienstbarkeiten wie Zwischengasgeben (was beim Lastwagen notwendigerweise unterrichtet wurde) heute obsolet, aber fallweise praktiziere ich das immer noch.

In der autotechnischen Schule, die ich zeitgleich absolvierte, ging diese Achtbarkeit noch weiter. Der Fachlehrer im schwarzen Mantel unterwies uns darin, wie ein Schalthebel mit zartem Finger und delikatem Nachdruck zu führen sei, abwartend vor dem Einrücken, bis die Synchronringe ihr harmonisches Gefüge gefunden hatten. Am ­Getriebe-Schnittmodell konnten wir das genau nachvollziehen.

Und ja, ich kuppele immer aus beim Anstarten, um die Batterie zu entlasten.

Es ist mir selbstverständlich, durch Herunterschalten mit dem Motor zu bremsen, um die Beläge zu schonen; wir haben in der Lastwagen-Fahrschule gelernt, wie man mit der Motorstaubremse hantiert und wie man auf fünf Zentimeter genau einparkt. Etliches davon ist obsolet geworden, doch was bei aller Regelelektronik zuletzt doch übrig bleibt, ist der Fahrer mit seiner vollen Verantwortung. Rückfahrkameras bedeuten im strengen Sinne nichts anderes, als dass man jetzt gleichzeitig in die Kamera und über die Schulter nach hinten schauen muss.

Gemäß meinen Fahrlehrern, die keine große Meinung von ihren ehemaligen Schülern hatten, bin ich auch sehr sparsam mit der Anwendung des Vertrauensgrundsatzes geworden („Geh immer davon aus, dass der Entgegenkommende entweder Traumwandler, teilentmündigt, besoffen oder schlicht ein gewöhnlicher Irrer ist“), und was ich eigentlich ständig praktiziere, ist die höchste Bremsbereitschaft nach Schule: Jederzeit darauf gefasst sein, das Auto zum Stillstand zu bringen. Was bedeutet, dass ich, sobald ich nicht mehr Gas gebe, einen Fuß über dem Bremspedal ruhen lasse, meist den rechten, bei Automatikautos aber praktischerweise den linken, weil der ja sonst eh nichts zu tun hat. Je schneller desto bremsbereiter. Hätte ich gewusst, wie sehr das Autofahren mit Bremsen zu tun hat, hätte ich möglicherweise gar nicht erst damit begonnen.

Professor Fiala, der österreichische Vorstandsvorsitzende bei Volkswagen, wurde trotz seiner Position nicht müde, bei Technikvorträgen auf der TU Wien über die richtige Spartaktik im Stadtverkehr zu referieren: Zügig beschleunigen, den Restweg bis zur nächsten Ampel rollen. Fördert das vorausschauende Fahren und macht Spaß.

Unlängst traf ich einen älteren Herrn, pensionierter Mechaniker bei Wiesenthal. Er sagte, die Jungen wüssten gar nicht mehr, wie man ein Auto anschleppt: Zündung ein, zweiter Gang rein, auskuppeln, und wenn das Seil gespannt, der Schleppwagen Laufgeschwindigkeit erreicht hat, sanft die Kupplung kommen lassen. Motor läuft meistens. Jetzt bloß nicht in das vordere Heck hineinkrachen. Schließlich hatte der Mercedes 300 SL, den wir dieser Behandlung unterzogen, einen Marktwert von gut 90.000 Euro.

Aber auf gewisse Weise sind alle alten Autos gleich: Man kann sie noch überlisten. „Die wissen ja gar nicht mehr, was ein Einser-Kabel ist“, grantelt der alte Herr weiter (er hat das Museumsstück zu einem Fotoshooting für die „autorevue“ gebracht): „Stecken nur mehr den Laptop an, Fehleranalyse läuft, und der entsprechende Teil wird ausgetauscht.“

Schwer, was dagegen einzuwenden, wenn man zwischen den Zeiten steht.

Es ist immer irritierend, wenn einstige Lehrmeinungen, an die man einst bedingungslos glaubte, wertlos werden (und ich habe noch den schweren Geruch der alten Schmiede in der Nase, das Rieseln des schwarzen Formsands der Gießerei zwischen den Fingern, auch die kalte Grausigkeit von Unschlitt, dem Tierfett, mit dem die Maschinenstähle gegen Rost imprägniert werden mussten), und das ist alles gar nicht lange her und doch eine andere Zeit, eine andere Welt. Klingt larmoyant, soll aber wertfrei vorgetragen sein: Nichts war wirklich besser damals. Aber die Bremsbereitschaft lass ich mir nicht nehmen.

david.staretz@profil.at