<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Heizwert

Des Autos zahlreiche Zusatznutzen werden oft nicht gebührend gewürdigt. Im Winter sieht das schon anders aus.

Im Winter überzeugt das Auto weniger durch seine Talente auf Eis und Schnee, spielt aber Vorteile aus, die man zu warmen Jahreszeiten nicht so sehr zu schätzen wusste. Allen voran: die Heizung. Dabei passt es wunderbar ins Bild, dass Verbrennungsmotoren erstklassige Öfen sind, die ein Zentralheizungssystem befeuern, das uns den Innenraum wärmt. Dabei kommen eigenartige Gesetzmäßigkeiten ins Spiel - zum Beispiel die Tatsache, dass Dieselmotoren einen besseren Wirkungsgrad haben als Benziner, also: Sie holen mehr Leistung aus vergleichbarer Kraftstoffdichte, verstrahlen somit auch weniger Abwärme. Das wirkt sich auf die Heizung aus.

Der Skoda Fabia Diesel, den ich gerade fahre, benötigt relativ lange, um auf Temperatur zu kommen. Umso dankbarer ist man für die zweistufige Sitzheizung, die leistungsstark ausgelegt ist und demnach bald wieder ausgeschaltet wird.

Doch im Grunde gilt: Jedes Auto wärmt seine Passagiere.

Insgesamt funktionieren die Zusatznutzen des Autos erstaunlich durchgängig; selbst die Möglichkeit, eine Runde zu dösen, wird in einem Porsche GT3 RS genauso geboten wie in einem VW Camper. Freilich verlangen die Schalensitze des Porsche Fähigkeiten im Aufrecht-Schlafen. Immerhin döst man in kokonartig umfassender Sitzschale.

Auch Musik und Unterhaltung findet man im Sportzweisitzer genauso wie im Lieferwagen. Oft ist die Klangqualität besser als zu Hause; Anlagen von Bose, Harman Kardon oder Bang & Olufsen schaffen hier neue Dimensionen. Reflexive Anlagen, die sich selbst zuhören und sich danach aussteuern, passen ihre Klangmodalität jedem Besetzungszustand an; schließlich macht es akustisch einen Unterschied, ob der Fahrer allein im Auto ist oder ob der Klangkörper durch Passagiere gedämmt ist.

Die mediale Anbindung des Autos wird ja geradezu verzweifelt vorangetrieben; man kann sich der Konkurrenz körperlosen Reisens (Internet) nicht verschließen. Google Maps macht das Navigationssystem plastischer. Zumindest ein USB-Anschluss wird im modernen Verkehrswesen geboten.

Zurück zur Essenz: Sitze, ob Stoff oder Leder, sind höhenverstellbar und kippbar wie beim Friseur; wer ein Auto kauft, kann also mit einer warmen, perfekt abgedichteten, komfortablen bis schlafgerechten, akustisch versierten und teilweise selbstreinigenden (Scheibenwischer) Räumlichkeit rechnen. Dank Kohlefilter werden im Idealfall sogar Heuschnupfenerreger ausgesperrt; bei Hitze funktioniert das Auto als Klimakammer. Wer zu faul ist, sich die Jacke auszuziehen, stellt den Regler einfach um zwei Grad tiefer.

Man kann telefonieren, rauchen, Musik und Nachrichten hören und sich so richtig gut aufgehoben im eigenen Refugium fühlen, ohne dass man überhaupt noch einen Meter gefahren wäre. Man kann die Kleider aufhängen, das Kind im Kinderstühlchen versorgen, sich im (beleuchteten) Make-up-Spiegel schminken und allerlei stille Andachten verrichten. Man unterhält sich mit Freunden, spricht Liebesschwüre aus oder sieht sich (im Autokino) "Piraten der Karibik IV“ an. Gesteigerte Romantik, wenn der Regen auf das Blechdach trommelt. Allerlei nötiges und unnötiges Gepäck ist dabei; Werkzeug, Wagenheber und ein Reserverad, aus dem man die Luft zum Atmen beziehen kann, falls man gerade im Kofferraum eingesperrt ist. Jedenfalls zeigen sie es so im Autokino.

In Küstengegenden fahren die Menschen abends ans Meer, bleiben in der ersten Reihe sitzen und schauen in den Sonnenuntergang. Bei geöffneter Heckklappe lässt sich wunderbar picknicken; bei jedem Rolls-Royce-Treffen sieht man Englands Wohlhabende, wie sie ihre Picknickkörbe öffnen und sich um und im Auto gruppieren. Die raffinierteste Wohnzelle improvisierter Lebensfreude war der Citroën 2CV, dessen Stühlchen und Sitzbank sich mit einem Handgriff aus der Verankerung heben ließen und gut im weichen Wiesengrund standen. Den Kofferraumdeckel konnte man tischgerecht hochklappen in die Horizontale. Freilich war der 2CV eher ein Sommerauto; die Heizung (nur laue Luft) machte ihn nicht berühmt.

Noch etwas: In jedem Auto besteht schon vor dem Wegfahren etwas Angekommenes. Was man vor dem Wegfahren einräumt, wird am Ziel genauso wieder ausgeladen, somit bekommt jeder Gegenstand etwas Prospektives, wir Passagiere inklusive.

In manchen Dingen sind Autos sogar unseren Behausungen überlegen: Unsere Fenster und Balkontüren haben keine Scheibenwischer.

david.staretz@profil.at