<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Kontrollierte Hysterie

Einmal im Jahr feiern unsere Kollegen von der Zeitschrift "Autorevue“ den Verlust der Vernunft und die Rückkehr der Maßlosigkeit. David Staretz über den "Autorevue“-Supertest, ein Fest für extrem zugeschärfte Vollbluttechnik.

In der Randschärfe unseres mobilen Pragmatismus oszillieren Extreme, die ihre Berechtigung jenseits aller Sinnfragen ausleben. Es geht halt nicht nur um Morgenstau, Unfallstatistik und Neuwagenrabatte. Es geht auch um rotzende, bollernde Motoren mit ungeheurer Leistung, um deklariert unvernünftige Supersportwägen, um kontrollierte Hysterie und quietschende Reifen. Es geht um das Drama der Kurve, der Geschwindigkeit, der Fahrzeugbeherrschung, um das sinnliche Knistern abkühlender Bremsscheiben. Ein Wahnsinn normal.

Zum Glück wird all dieser höhere Unfug ausgelagert in die dafür vorgesehene Schwesterzeitschrift "Autorevue“, ein seit viereinhalb Jahrzehnten erfolgreiches österreichisches Motor- und Motorsportmagazin, dem es gelingt, seriös zu informieren, das sich dabei aber unterhaltsam liest und somit die Schere schafft, trotz hoher Auflage und weiter Verbreitung eine Art Kultstatus zu beanspruchen.

Und ja, es geht um Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und Abgasverhalten, aber vor allem, und weil sich das schon seit Anbeginn des Autos so ergeben hat, um die Beherrschung der Technik und die Freude am Zügeln der Leistung in rasanten Bahnen. Es geht um die Begeisterung für gutes Fahren, für die Dynamik einer zügig absolvierten Beschleunigung, einer rasanten Kurve. Um die Leidenschaft aber auch für eine gelungene Karosserieform, wenn sie eine Symbiose mit der technischen Raffinesse des Motors, der Kraftübertragung, des Fahrwerks und der Lenkung eingeht.

Wenn also ein Auto mehr ist als die Summe seiner funktionierenden Einzelteile, wenn es etwas Sinnliches ins Schwingen bringt, etwas Unnennbares, dann ist die "Autorevue“ ein verständnissinniger Lebensberater, ohne sich gleich wegzuschmeißen vor Begeisterung und Raserei.

So oder nicht so, wir müssen uns dem Auto stellen, und wenn wir es verteufeln, dann tun wir uns selber nichts Gutes damit. Mit Moralinsäure ist der Natur auch nicht geholfen, und wir geraten zusehends in eine Phase, in der gerade die angefeindeten, verletzbaren und exponierten Glückseligkeiten vor den Vernunftbetreibern geschützt werden müssen. Insofern geht es darum, Feste zu feiern, um das Leben zu spüren und die Freuden hochzuhalten, wie das die "Autorevue“ jedes Jahr mit ihrem seit Anbeginn so genannten Supertest tut: ein Fest der "Autorevue“ für ihre Freunde, um alles hochleben zu lassen, was Leidenschaft und Leistung, Schönheit, Eleganz und Fahrvergnügen verspricht, gepaart mit der Faszination der Technik und ihrer mehr oder weniger Kontrollierbarkeit.

Vierzehn ausgesuchte Fahrmaschinen wurden in diesem August also zusammengeführt, jede für sich charakterlich exakt einzuordnen, vom dachlos reduzierten Extrem-Biposto von KTM aus Österreich über den 500-PS-Audi bis zum rennaffinsten Porsche, den man gerade noch auf der Straße fahren darf. Man erfährt den Chevrolet Camaro als Reminiszenz an die Golden Years of Muscle Cars, man erkennt den Cayman R als hingebungsvollen Sportwagen aus der Mitte des Porschefahrens, man erfreut sich offenen Daches am Klang des 450-PS-V8-Aggregats im Alfa Romeo 8C Spider und hebt interessiert die Brauen angesichts der beeindruckenden Performance des Bentley Continental GT. Kein Supertest ohne Ferrari: Der 458 Italia ist die vielleicht perfekteste Emotionsmaschine unserer Tage, hochbrisant und dabei von seduktiver Geschmeidigkeit, ganz anders als das unbestrittene Top-Gerät der Extraklasse, Lamborghinis exzessiver Supersportwagen Aventador LP700-4, also 700 PS stark und im Extremfall 350 km/h schnell. In seiner Kompromisslosigkeit steht er für die Idee des unbändigen, aber meisterhaft kontrollierten Supersportwagens, ununterbrochen oszillierend zwischen Ästhetik und Brutalität, zwischen Sturm und Stille, ständig aufgehitzt durch die schiere Gewaltbereitschaft, und das alles auf einem abgehobenen Niveau, das kaum noch jemand zu erklimmen imstande ist und nebenbei auch mit sehr hohem Eintrittsgeld gesichert ist.

Wie nun sich all dem adäquat nähern? Ein Testteam musste gebildet werden, eine Crew der spezifischen Talente, wie sie in der Redaktion der "Autorevue“ vorhanden, für diesen Extremfall aber zu bereichern waren um Spezialisten erweiterter Disziplinen:

Christian Clerici, öffentlichkeitswirksamer Allrounder und Hobbyrennfahrer.

Thomas Glavinic, Bestsellerautor, Mann des Wortes, Mann der Tat. Er brachte abends, um es gleich vorwegzunehmen, nur mehr den Schlüssel des 300.000-Euro-Lamborghini zurück. Und selbst der war gebrochen, wie auch ein Telegrafenmast, für den die Italiener 39 Euro cashten.

Christian Rainer, Chefredakteur und Herausgeber des profil.

Raphael Sperrer, sechsfacher österreichischer Rallyestaatsmeister und Paris-Dakar-Teilnehmer.

Karl Wendlinger, ehemaliger Formel-1-Pilot, FIA-GT-Weltmeister, LeMans-Klassensieger, Daytona-Sieger, österreichischer Motorsportler des Jahres 1999 und - wichtig für uns - ein Mann des klaren Urteils.

Wir wählten als Sammelplatz für unsere vierzehn Supersportwagen keines dieser auf Kunstrasen und Einfallslosigkeit erbauten Luxushotels, sondern begaben uns auf Scheinwerferhöhe, um, wie einst Trapper und Waldläufer ihren Pferden, unseren anvertrauten Kreaturen möglichst nah zu sein. Wir horchten tief hinein in die Verschränkungen extrem zugeschärfter Vollbluttechnik, lauschten dem Knistern abkühlender Auspuffschlangen, dem Insektensirren eifriger Benzinpumpen oder dem gewittrigen Nachhall besonders fetter Autotüren.

Wir waren von weit her gekommen mit den Raren und den Schönen, den Unbezahlbaren und den Brutalen, den Eleganten und den Bösen, den Reduzierten und den Aufgeblasenen, den Formschnittigen und den Drama Queens.

Dann begannen wir, unsere Zelte aufzustellen.

Der Rest ist Geschichte, nachzulesen exklusiv im Premiumheft der "Autorevue“, ab 7. Oktober in den Zeitschriftenregalen.

david.staretz@profil.at