<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Lob der Untermotorisierung

Eigentlich wollte ich über die Vorteile schwächlicher Autos schreiben. Doch beschloss ich, gleich an die großen Themen zu gehen.

Praktisch alle unsere Autos sind übermotorisiert. Das heißt, ihr Leistungsangebot übertrifft bei Weitem die Notwendigkeit zügiger Fortbewegung. Dabei rede ich nicht von 560-PS-Audi-Kombis, sondern vom üblichen Renault oder Volkswagen, von Kia genauso wie von Mercedes, Ford oder Volvo.

Hundert PS plus: Die teilweise sportlich unterfangene, teilweise als Vernunft begründete Hochrüstung im Lauf der Jahrzehnte positioniert Fahrer und Passagiere heute über jene tobenden Feuermaschinen, von denen einst die Futuristen um Marinetti schwärmten, die ihre Manifeste aber doch eher allegorisch verstanden wissen wollten. Niemand konnte sich wirklich vorstellen, dass man im zivilen Straßenverkehr mehr als siebzig Pferde (siebzigspännig!) benötigen würde, um damit durch die Gassen zu preschen.

Wobei geringere Leistung durchaus Vorteile hätte und uns alle zu besseren Autofahrern (mit geringem Kraftstoffverbrauch) machen würde, denn mit wenig Leistung auszukommen ist mitunter anspruchsvoller, als immer nur plump ins Volle zu steigen. Doch davon ein andermal mehr.
Denn gerade lese ich in der Tageszeitung „Die Presse“, dass die Jugend automüde geworden sei. Facebook-Account statt Führerschein. Die Generation Y (sie waren Teenager zur Jahrtausendwende) gibt sich führerscheinscheu. Schwächelnde Zulassungszahlen wie vor siebzehn Jahren. Arbeitsplätze in der Autoindustrie sind bedroht. Und man rätselt über die Ursachen und wo diese Entwicklung hinführen soll.

Ich habe eine Theorie anzumelden: Niemand scheint die Autos selbst zu betrachten.

Unsere Autos im Straßenbild: Höchst durchdacht bis ins kleinste Detail, technisch ausgefeilt, luxuriös schon die Kleinwägen, Airbags galore, trickreiche Sitzklappkinematik, hohe Motorleistung, geringer Verbrauch, Elektronik durch und durch, aerodynamisch ausgefeilt, jede Sicke ist überlegt, bis hin zum eleganten Abfedern des überfahrenen Passanten, dem die Motorhaube wie ein Fangtuch entgegenschrapnellt – wertvolle Unikate höchster Wertschöpfung.

Und doch sehen wir die Straße hinunter nichts als formlose Krapfen. Silber, grau, anthrazit, resedagrün, schwarz, grausilber, und zur Auflockerung einmal dunkelviolett. Und alle zu fett. Zu bulky. Unförmig, unfein, abweisend. Alles ist fugendicht eingepasst, in sich selbst geschlossen. Geklebte Scheiben, nachgedunkelt; keine Regenrinnen, keine Stoßstangen, kein Zierrat, keine Formenfreude. Und keine originellen Formen. Höchstens noch Thule-Boxen am Dach.

Ich will hier nicht einem 2CV oder VW Käfer oder gebrauchten Ford Anglia nachjammern, das fehlte noch. Aber andererseits muss ich für mich feststellen: Wäre ich sechzehn, ich würde mich heute kaum für Autos interessieren. Denn es ist einfach nichts für mich dabei als junger Mann, der davon träumt, mit einer bunten Schrottkarre zum Badeteich zu rumpeln, mit wenig Geld und vielen Freunden zum Campingabenteuer nach Istrien aufzubrechen, oder sonst wie mit geringer Hemmung an ein altes, billiges Auto zu kommen, das man wegen seiner Unzulänglichkeiten und Eigenheiten liebt, das man verbessert, bemalt und in eine Art von Lebensstil transformiert, vor dem man uns immer gewarnt hat.

Heute sehe ich blasse Söhne und Töchter, wie sie sich im walfischgrauen Familienvan per Reißverschluss in die erwachsene Commuting-Gesellschaft eingliedern. Was soll denn das?

Unsere Autos sind zu teuer, die Zutrittsschwelle ist allein durch die Sicherheitsanforderungen zu hoch geworden. Wer heute ein modernes Auto kauft, betritt einen Hochsicherheitstrakt, der sich mindestens sechs verschiedenen in­ternationalen Norm-Crashtests unterziehen hat müssen.
Zirka fünf bis sieben Airbags lauern versteckt auf ihren großen Moment. Heerscharen von Ingenieuren, firmengebundene Familienernährer, haben sich verzweifelt immer neue Electronica ausgedacht. Im Mercedes CLS Shooting Brake, den ich gerade fahre, stemmen sich die kurvenäußeren Sitzwangen gegen meinen fliehkraftgebeutelten Oberkörper und der Gurt zieht mich nach jedem Anstarten straff, als wäre ich die Krawatte des Autos.
Eh wunderbar, das alles, aber was kümmert das den Künstler als jungen Mann? Alles, was einst MGB, Renault 4, Ford Cortina, Porsche 356 und noch irgendwie erschwinglich war, hat heute sakralen Oldtimerwert und darf nicht mehr missbraucht werden. Mazda machte mit dem MX-5 einen zu Recht erfolgreichen Vorstoß in Richtung erschwinglicher Zweisitzer mit Stoffdach, aber keine Konkurrenten sprangen auf das Thema auf. Heute jubelt die Fachpresse über den nach klassischen Heckantrieb-Prinzipien aufgebauten Sportwagen Toyota GT, der (baugleich mit dem Subaru BRZ) 200 PS auf die Hinterräder bringt und sich dem Fahrspaß verschrieben hat. Aber das sind Themen­autos, so wie Themenhotels und Themenrestaurants oder der Mini zur Matura: Alles ist schon brav vorgegeben wie die Menschlein auf Architekturzeichnungen.

Wer sich als junger Mensch selber in mobiler Subversion üben möchte, findet sich kaum noch irgendwo so richtig schön unverstanden. Also dann doch gleich Facebook.

david.staretz@profil.at