<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Sehr geehrter Herr Staretz!

Antwort auf einen vertrauensvollen Leserbrief.

Manchmal greift das richtige Leben in die goldenen Speichen meiner frohgemuten Kolumne, die sich ja vornehmlich über laut tickende Uhren, schmutzige Stoßstangen und gefüllte Aschenbecher entrüstet. Dann aber schreibt jemand wie Ralf Zwick:


Sehr geehrter Herr Staretz!
Lese wie jede Woche Ihren Artikel im profil und habe folgendes Problem, das Sie vielleicht lösen können. Welches Auto soll ich kaufen? Wir sind eine vierköpfige Familie und planen in den nächsten Jahren vielleicht ein drittes Kind. Derzeit fahre ich einen zwölf Jahre alten E-Klasse Mercedes, der sich sehr bewährt hat. Folgende Überlegungen: Welches Auto hat das beste Preis-Leistungs-Verhältnis? Freunde sagen: Ein Benziner oder Diesel ist ökologisch nicht vertretbar! Gibt’s eine Alternative? Mein Auto wird trotz Rostflecken noch zwei bis drei Jahre gut fahren. Was würden Sie mir raten?
Vielen Dank für Ihre Hilfe! Ralf Zwick.

Für solche Härtefälle vertraue ich gern dem Backup aus meiner Stammredaktion (der "autorevue“):

Lieber David!

Im Ernst würde ich dem Mann raten, seinen Stern (so er sich tatsächlich unauffällig verhält) noch etwas weiter zu fahren. Warum? Der W210 ist ein grundsolides Auto, dem zu Unrecht ein schlechter Ruf nachhängt. Die elektrohydraulische SBC-Bremse war wohl ein Verhau, aber nur eine Randerscheinung, die Daimler nachgebessert hat. Ebenso generös waren sie bei etwaigen Rostproblemen. Und Wertverlust, der massivste Kostenfaktor, ist nach zwölf Jahren ohnehin obsolet.

Meiner Meinung nach könnte man ihm auch ein spätes Exemplar der Drillinge Galaxy/Sharan/Alhambra der letzten Generation empfehlen. Diese sind durch den Modellwechsel bereits erschwinglich geworden und hatten genügend Zeit, Kinderkrankheiten auszuheilen. Mein Hintergedanke: Drei Kinder brauchen jede Menge Platz, da hat er vermutlich mehr Freude als beispielsweise mit einem kleineren Touran.

Liebe Grüße, Christoph Jordan

Solchen Kollegen kann man vertrauen. Aber Kontrolle ist besser. Sofort machte ich mich an die Fahrerprobung zweier relevanter Fahrzeuge, die mir für die Familie Zwick vorschwebten:

1. Seat Alhambra TDI in Style-Ausstattung mit Allradantrieb und 140 Diesel-PS. Ein Siebensitzer um rund 38.000 Euro, dessen Einstiegspreis (samt acht Prozent NoVa) mit einigen Extras, Österreich- und Winterpaketchen mühelos auf rund 44.000 Euro kletterte.

2. Mazda5 CD116 TX Plus (116 Diesel-PS) zum Grundpreis von 25.000 Euro (inklusive sechs Prozent NoVa). Mit gehobener TX-Ausstattung und Metalliclack erhebt er sich auf knapp 30.000 Euro. Er ist ein Gegenentwurf zum deutschen Dreigestirn. Beiden Fahrzeugen kann ich attestieren, dass sie von innen deutlich besser aussehen als von außen, dass sie fantastisch zugeschnitten sind auf familiäre Belange bis hin zu fortgeschrittenem Platzgewinn durch geradezu verblüffend aus dem planen Boden erscheinende Hochklappsitze, die freilich besser Kindern vorbehalten bleiben.

4,6 Meter ist der Alhambra lang, geringfügig kürzer der Mazda. Natürlich macht der Seat einen gesamtheitlich substanzielleren Eindruck, doch der Mazda bricht in keiner Disziplin ein; sogar die Fahrleistungen bleiben im Rahmen zügigen Vorankommens. In einer umschlagsmäßigen Autokostenberechnung, die Steuer, Versicherung, Tanken und Nebenkosten betrifft, erzielt man (bei 15.000 km Fahrleistung) einen monatlichen Gesamtkostenbedarf von 270 Euro beim Mazda und 300 Euro beim Seat.

Aber es gibt eine Sache, die alle anderen Überlegungen in den Schatten stellt: ferngesteuerte elektrische Schiebetüren. Man kann sich vom Schreibtisch aus nicht vorstellen, wie praktisch solche im Alltag sind. Auch wenn es passieren kann, dass man die eine oder andere zu schließen vergessen hat, was ja auch wieder praktisch ist, sobald die Familienkarawane voll beladen aus dem Supermarkt zurückkehrt. (Und was erfahrungsgemäß nie zu Eigentumsdelikten führt.) Beim Mazda sind sie im 4300 Euro teuren TXPlus-Paket enthalten, beim Seat kann man sie um rund tausend Euro separat bestellen.

So viel, geschätzter Herr Zwick, zum pragmatischen Teil der Geschichte. Weil Sie hier aber Beratung erfahren, die über das harmlose Kosten-Nutzen-Kalkül hinausgeht, möchte ich Sie auch mit dem süßen Gift gelinder Unvernunft bekannt machen. Was würde Ihre Familie denn zu einer fünfsitzigen, achtzylindrigen Limousine um haushaltsfreundliche 16.000 Euro sagen? Gebraucht, guter Zustand, nur 41.000 km gefahren. Unterläuft jede Statistik, ist somit umweltbezogen nicht relevant. Elektrische Fensterheber, Klimaanlage, Lederausstattung, Automatikgetriebe. Wegfahrsperre. Zugegeben, die Uhr tickt ein wenig laut. Aber das war bei Rolls-Royce immer schon ein lästiger Mangel.

Überlegen Sie einmal: Vernunft kann jeder. Aber ein Silver Shadow ist eine einmalige Entscheidung im Leben, deren Zauber anhalten wird bis weit über sämtliche Van- und-Aber-Generationen hinweg. Noch Ihre Kinder werden ihr Leben lang davon zehren, von dem Tag, als Papi beschloss, einen Rolls-Royce als Familienkutsche zu kaufen und Mami gar nichts dagegen einzuwenden wusste.

Mit freundlichen Grüßen
David Staretz

david.staretz@profil.at