<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>Sommerpetitessen

Über gesteigertes Alleinsein, den Zauber der Fensterkurbel und Trolleybus-Abenteuer auf der Krim.

Eine gewisse Rührung, Anteilnahme und stilles Interesse befallen mich, sobald ich Menschen beim Alleinsein zusehe, vor allem, wenn sie dies inmitten aller Öffentlichkeit betreiben. Alleine dazusitzen hat eine Qualität von stiller Gefasstheit. Wer auf einer Stadtbank sitzt und offensichtlich nichts weiter tut, als bei sich, mit sich und seinen Gedanken zu sein, löst Mitgefühl in mir aus. Ich beginne sogar, ihn oder sie auf anheimelnde Weise zu beneiden, ungeachtet der Tatsache, dass ich wahrscheinlich selber gerade allein bin. Allerdings dringt diese Innigkeit eines Menschen, der gerade auf das Mysterium seiner eigenen Existenz zurückgeworfen ist, sofort in sich zusammen, sobald ein Handy in seiner Tasche klingelt oder er auf andere Weise sich elektronisch zu vernetzen beginnt. Aus einer bislang literarisch anmutenden Figur, dem ersten Absatz eines noch zu schreibenden großen Romans, wird der notorisch gewordene Handynachbar, die obszöne Selbstentblößerin, sattsam bekannt bis zurück zur ersten Hüftoperation. Die Kunst des Alleinseins ist eine schwindende; sie setzt absoluten Handyverzicht voraus, denn schon die Möglichkeit eines Anrufs macht alles zunichte. Die wahre Größe des Alleinseins ist von keinerlei Erwartungen getrübt, allerdings verträgt sie eine gesunde Portion Öffentlichkeit. Denn ganz alleine allein zu sein, ist wirklich unzumutbar und verliert sich in Richtung Einsamkeit. Das einstige Kaffeehaus-Postulat des Alleinseins mitten unter Menschen wird heute am gelungensten beim Autofahren erzielt, wo man, anders als in den meisten Cafés, erstens noch rauchen und zweitens jeglichen Handyverkehr abwenden kann, falls man auf die intrusive, raumfüllende Akustik einer Freisprechanlage verzichtet. Alleinsein im fahrenden Auto, eine verführerische Konstruktion aus Kontemplation, Gefasstheit, Aufmerksamkeit und der Lässigkeit, eine Maschine versiert und mit Geschick so zu bedienen, dass man direkten Kontakt mit anderen tunlichst vermeidet.

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Aus reinem Versehen, so wie eine Schreibtischlampe mit Schraub- statt mit Klemmverschluss angeliefert wird, erhielt ich einen Testwagen, dessen vordere Seitenfenster mit Kurbeln ausgestattet waren statt mit elektrischer Automatik. Ein interner Bestellfehler, wie man mir sagte. Ich betrachtete die schwarzen Kurbeln wie ein Wählscheibentelefon, tastete sie erst vorsichtig ab, ob nicht ein scharfer Plastikgrat die Finger verletze, umgriff sie dann prüfend, machte einen zaghaften Drehversuch (erst natürlich in die falsche Richtung), plötzlich öffnete sich das linke Fenster einen Spaltbreit, dann noch weiter, bis man eine Hand durchstecken konnte. Kühler Wind blies vom Park herein. Ich drehte noch weiter an der Kurbel, und mit erstaunlicher Leichtigkeit, als wäre ein verstecktes Servogerät eingebaut, senkte sich das Glas hinab in den Rahmen, während ich mit zunehmender Freude an der Kurbel drehte. Offenbar hatte in all den elektrischen Fensterheberjahren auch die mechanische Kurbel in aller Stille einen Fortschritt genossen, denn so leichtgängig hatte ich die Sache nicht in Erinnerung. Gleichzeitig kamen noch einige vergessene, verdrängte Vorteile zum Tragen: Das Fenster ließ sich bei abgestelltem Motor, bei geöffneter Tür, bei abgedrehter Zündung bedienen, millimetergenau, langsam oder schneller und frei von jeder Klemmgefahr. Mit nachdrücklicher Entschiedenheit kurbelte ich das Fenster hinauf und ließ es solide in die Rahmenführung einrasten. Kleine Freuden, energiearm erwirkt, wer hätte das gedacht.

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Auf der Krim pendelt seit 1959 die längste Überland- Obuslinie zwischen Simferopol und Jalta: Über achtzig Kilometer Strombetrieb, die Hälfte davon der Küste entlang. Wir reisten im Schaffnerabteil eines Nachtzugs an, um zu sehen, wie denn das so sei: Elektrofahren, und endlich ist das Kabel lang genug. Kurzer Erfahrungsbericht: Aus dem ersten Bus flogen wir gleich wieder raus, weil wir hier, mitten im Tourismusgebiet, den Fahrer gefragt hatten, wo es denn schöne Fotoplätze gebe. Er und die Schaffnerin, offenbar Schwarzkassierer, reagierten wütend auf unsere Kamera und fuhren nach allerlei Geschrei ohne uns ab. Wir wünschten ihnen den totalen Stromausfall hinterher. Der trat auch prompt ein, als wir, in der nächsten Garnitur sitzend, uns der Schwarzmeerküste näherten. Unser Fahrer tat, was zu tun war: Er nützte den Bergabschwung, steuerte eine Art Parkplatz an und verkündete eine Pause von ungewisser Länge. So geriet aus einem Blick in die Vergangenheit zugleich ein Blick in die Zukunft des Elektroautos, die mir schon einmal in ähnlicher Form begegnet war, als aus einer Testfahrt mit einem utopischen E- Sportwagen nichts wurde, weil irgendwo der Blitz eingeschlagen hatte.

david.staretz@profil.at