<i><small>Autodrom: David Staretz</i></small>
Stoßstange

Wie der Name schon sagt.

Erfreulich, dass auch solche Dinge eine Geschichte haben. Seltsam aber, wie die Entwicklung von einem eindeutig männlich konnotierten, aggressiv aufgeladenen Festkörper in Richtung weiblichen, beschützenden Textilempfindens wechselte: von Stoßstange über Stoßfänger zur Heckschürze, Frontschürze.

Einst so ausladend konstruiert, dass sie eine Art ausgelagertes Karosserieteil darstellte, das Widrigkeiten extern erledigen mochte, ist die ehemals metallene Stoßstange heute so fugenglatt in die Karosserie einplastifiziert, dass man sie kaum mehr gesondert wahrnimmt.

Das Hauptproblem der Stoßstange ist, dass sie überhaupt existieren muss. Lässt doch allein diese Tatsache darauf schließen, dass das Undenkbare möglich sei. Dass ein mit kinetischer Energie aufgeladenes Auto gegen einen festen Körper prallen könnte, um dort in negativer Massenbeschleunigung eine Kaltverformung erleiden zu müssen.

Diesen unschönen Verweis beschmückte man früher insofern, als man die Prallstangen dekorativ glänzend elegant bis barock gestaltete, als wären sie eine rein behübschende Angelegenheit wie beispielsweise Augenbrauen.

Auch heute geht man kalmierend mit den Schürzen um, jedoch durch Tarnen und Einfügen, sodass man ihnen weder eine Notwendigkeit noch die dramatisch verbesserte Funktionsweise ansieht. Schon sind wir nahe beim Ideal des Nichtvorhandenseins angelangt - freilich aber noch weit entfernt davon, sie wirklich verzichtbar zu machen, sie so weit ins Virtuelle auszulagern, dass der mögliche Aufprall in Rechensphären stattfindet, wo er dann auch theoretisch abgehandelt und völlig vermieden würde. Ja, doch, das wird es auch noch geben. Immerhin war schon Daniel Düsentriebs Idee aus den sechziger Jahren einleuchtend, schwebende Autos mittels Luftpustern voneinanderzublasen.

Vorläufig müssen wir uns noch mit mehr oder weniger wagenlackfarbenen Formteilen bescheiden, deren innere, wabenförmige Struktur so kompliziert ist, dass nur Computer wissen, was sie da berechnet haben. Und der Ersatzteillieferant. Denn wenn der Prallkörper dann doch kaputt ist, muss er komplett - also ungefähr ein Viertel vom Auto - ausgetauscht werden.

Im Idealfall einer gesellschaftlich gerade noch verträglichen Berührung hat sich der Kunststoffteil aber zurückgeformt wie ein Tennisball. Wenn also beim Einparken der Parksensor versagt hat oder gar nicht vorhanden war, gibt es vielleicht ein hässliches Geräusch, aber meist ohne Folgen.

Einmal sah ich zufällig, wie sich ein Auto auf abschüssigem Parkplatz selbstständig machte und einen Motorroller umstieß. Der verhakte sich im Fallen mit dem Seitenständer und riss die ganze Fassade von der Wagenfront. Kurioser Kampf der Objekte.

Früher, also im Blechzeitalter, galt es als doppelt sportlich, die Stoßstange vom unfreiwillig abgeerbten Familienauto zu entfernen. Erstens wegen der Gewichtserleichterung, zweitens wegen des dezenten Hinweises auf das Können des Fahrers, der überkommene elterliche Betulichkeiten gewiss nicht in Anspruch nehmen musste.

Heute ist es schwierig geworden, sich mittels mutiger Maßnahmen Respekt und Achtung der anderen Verkehrsteilnehmer zu verschaffen. Früher galt schon ein Fuchsschwanz an der Antenne eines Ford Anglia als extrem schmissig. Entfernte Radkappen: Hier röhrt ein echter Scheißmirnix heran. Schwarze Motorhaube: Der Fahrer soll bei seiner extrem fordernden Tätigkeit nicht von der reflektierenden Motorhaube geblendet werden. Nachträglich gelöcherter Auspufftopf: Das überzeugende Ergebnis war sofort zu hören. Sportlenkrad: Einparken war jetzt schweißtreibend; auch Papas Fiat 125 lief zur sportlichen Hochform auf. Geöffneter Heckmotordeckel zwecks besserer Atmung und Kühlung: So wurde jede Puchmaus zum Kraftzwerg.

Wer richtig Geld in die Hand nehmen wollte, kaufte an der Tankstelle einen verchromten Doppelrohr-Endauspuff (innen mit gefährlichem Rot lackiert), der, ans dünne Opel-Kadett-Röhrchen gesteckt, dieses fast aus der Halterung riss.

Verbliebene Stoßstangen waren dazu verurteilt, sinnige Aufkleber ("Wer dies liest, ist zu nah dran“) zu zeigen.

Heute sieht ein fehlender Stoßfänger aus wie ein Totalschaden. In Ländern wie der Ukraine, wo vor fünf, sechs, sieben Jahren massenhaft Importfahrzeuge auf Kredit eingekauft wurden, tritt jetzt die Phase in Kraft, wo sich eine statistisch signifikante Zahl an Auffahrunfällen ergeben hat. Weil es aber keine Ersatzteile für die asiatisch bunt gestreuten Fahrzeuge gibt (oder weil man sie sich nicht leisten kann), sieht man immer öfter Autos, denen nichts weiter fehlt als die Stoßstange. Das sieht aber heutzutage aus wie eine Operation am lebenden Herzen, entsetzlich waidwund. Aber man muss sagen, es kommt so etwas wie Charakter und Persönlichkeit zutage. Vielleicht landen wir ja bald wieder in einer Modeströmung, wo es chic wird, Schrammen und Blessuren zu zeigen statt langweilige Perfektion nanogeschmirgelter Oberflächenspannung.

david.staretz@profil.at